Was mich eine Geschichte über den Umgang mit Schicksalsschlägen lehrte
Persönlicher Jahresrückblick
Welche Geschichten haben die Redaktion in diesem Jahr bewegt? Wir gewähren Einblicke und blicken auf besondere Themen und Momente zurück. Heute: die Geschichte einer Turbenthaler Familie, die trotz oder gerade wegen ihres Schicksals positiv bleibt.
Oft reagieren Menschen mit Mitleid, wenn sie schicksalhafte Geschichten hören. «Oh, das tuet mer aber leid für di», heisst es dann. Was gut gemeint ist, ist genau das, was Menschen gerade am wenigsten brauchen können.
Denn die Welt bleibt nicht stehen, wenn einen ein tragisches Schicksal ereilt. Vielmehr scheint sie sich in diesen Zeiten gefühlt noch schneller zu drehen. Wenn der Ausnahmezustand zur Regel wird, sehnt man sich nach Normalität und dem Licht am Ende des Tunnels.
Mir selbst erging es so, als ich im vergangenen Sommer eine schwierige Zeit durchlebte. Ich versuchte, dem Schicksal mit Positivität zu begegnen, und dachte an eine Geschichte zurück, die ein eindrückliches Beispiel dafür ist. Diejenige von Familie Lieberherr aus Turbenthal, die ich im April erzählen durfte.
Ihr Sohn Theo (3) leidet an zwei seltenen Gendefekten – sie äussern sich in Muskelkrämpfen und epileptischen Anfällen und sind der Grund, dass Theos Entwicklung auf dem Stand eines drei Monate alten Babys stehen geblieben ist. Im Alltag unterstützt der Entlastungsdienst die Familie, damit sich die Eltern zwischendurch eine Pause von der aufreibenden Care-Arbeit nehmen können.
Als ich die Familie im April besuchte, war ich zuerst etwas unsicher: Wie gehe ich richtig auf sie zu, wie meistere ich die Gratwanderung zwischen «empathisch sein» und «mit Samthandschuhen anfassen»? Zwar hatte ich schon öfter über anspruchsvolle menschliche Schicksale berichtet – und doch ist jeder Fall einzigartig.
Meine Verunsicherung erwies sich jedoch als unbegründet. Paula Lieberherr empfing mich mit ihrer ansteckend herzlichen Art, erzählte freimütig ihre Geschichte, liess auch die schwierigen Kapitel nicht aus. Sie begegnete mir gegenüber mit einer Offenheit, die ich bei weitaus weniger delikaten Themen selten antreffe – und versteckte sich weder hinter einem Pseudonym noch hinter einem Symbolfoto.
Dass das alles andere als selbstverständlich ist, brauche ich Ihnen nicht zu erklären. Natürlich kann ich die Beweggründe, anonym bleiben zu wollen, nachvollziehen, und es ist wichtig, dass es diese Möglichkeit gibt.
Und doch hat Familie Lieberherr erkannt: Sich mit seiner Geschichte zu exponieren, braucht Mut und Vertrauen. Gleichzeitig kann es dazu beitragen, dass Aussenstehende ein besseres Verständnis für das Schicksal von Betroffenen entwickeln. Und es ist eine Gelegenheit für uns Journalistinnen und Journalisten, in unserer Rolle als empathische, gewissenhafte und faire Berichterstattende zu wachsen.
