Ihr Neustart ist Mahnmal und Motivationsspritze für mich
Persönlicher Jahresrückblick
Welche Geschichten haben die Redaktion in diesem Jahr bewegt? Wir gewähren Einblicke und blicken auf besondere Themen und Momente zurück. Heute: die Herzgruppe.
Das Jahr 2024 nähert sich dem Ende. Grund genug für diese Redaktion, auf die spannendsten Momente, packendsten Geschichten und interessantesten Menschen zurückzublicken. In persönlichen Einblicken erzählen Redaktorinnen und Redaktoren den ganzen Dezember lang von ihren High- und Lowlights. (zo)
Durch einen glücklichen Zufall war ich auf die sogenannte Herzgruppe gestossen. Die Mitglieder dieser Gruppe hatten oder haben alle mit Herzerkrankungen zu kämpfen. An diesem Abend würde ich einen Einblick für meine geplante Reportage bekommen. Mit gemischten Gefühlen machte ich mich auf den Weg nach Bubikon.
Da waren einerseits die Vorfreude und die journalistische Neugier: Was für Menschen würde ich antreffen? Was bewegte sie dazu, einer solchen Gruppe beizutreten? Was für Geschichten würden sie zu erzählen haben?
Andererseits war da auch meine ehrfürchtige Zurückhaltung: Mochten diese Leute einer fremden Person von ihren persönlichen Krankheitsbildern erzählen? Von möglicherweise traumatisierenden Schicksalsschlägen?
Die Physiotherapiepraxis, in der sich die Herzgruppe jede Woche trifft, befindet sich im zweiten Stock eines Industriegebäudes. Kurz überlegte ich, den Lift zu nehmen, entschied mich dann aber aus Solidarität (und für mein Gewissen) doch für die Treppen. Dabei wurde ich fast von einem Herrn – einem Mitglied in der Herzgruppe – eingeholt, der vermutlich ein paar Jährchen älter ist als ich. Und der beim Treppensteigen kaum ausser Atem zu kommen schien.
Im praxiseigenen Fitnessraum herrschte ein freudiges Hallo unter den Gruppenteilnehmern. Sofort wurde ich herzlich und offen von den sechs Männern und einer Frau aufgenommen. Schon nach kurzer Zeit durfte ich in sehr persönliche Geschichten eintauchen. Viele der Betroffenen waren nur knapp dem Tod entronnen. Offen und ehrlich erzählten sie mir von ihren Schicksalsschlägen – ganz entgegen meinen im Vorfeld geäusserten Bedenken. Wie sie sich in der Herzgruppe gegenseitig motivieren und wie sie mit der Angst vor einem weiteren Vorfall umgehen – das berührte mich. Und wie sie trotz ihrer Nahtoderfahrung den Humor nicht verloren haben.
Sie alle haben ihre Herzerkrankung als ernst zu nehmenden Weckruf verstanden. Wie sie diese zweite Chance nutzen und bereit sind, ihr Leben zu verändern, dafür gebührt ihnen meine ganze Anerkennung. Ihre Erkenntnis, dass nach diesem Schicksalsschlag das Leben einen ganz anderen Stellenwert hat, erfüllte mich mit Demut.
So inspiriert mich diese Geschichte regelmässig dazu, dass ich mir auch bei dicht gedrängter Pendenzenliste Zeit für Sporteinheiten nehme. Und vieles im Leben nicht mehr so eng sehe.
