Und ich fragte mich: «Darf ich trauern?»
Persönlicher Jahresrückblick
Welche Geschichten haben die Redaktion in diesem Jahr bewegt? Wir gewähren Einblicke und blicken auf besondere Themen und Momente zurück. Heute: Wie ein Sportjournalist mit dem tragischen Unfalltod einer jungen Radrennfahrerin umgeht.
Das Jahr 2024 nähert sich dem Ende. Grund genug für diese Redaktion, auf die spannendsten Momente, packendsten Geschichten und interessantesten Menschen zurückzublicken. In persönlichen Einblicken erzählen Redaktorinnen und Redaktoren den ganzen Dezember lang von ihren High- und Lowlights. (zo)
Den Chatverlauf habe ich nicht von meinem Telefon gelöscht. «Vielleicht hört oder sieht man sich ja ein andermal wieder», sind die letzten Worte darin. Geantwortet darauf habe ich nicht mehr. Wenige Tage später war Muriel Furrer tot.
Der tragische Unfall der 18-jährigen Radrennfahrerin aus Egg an der Rad-WM in Zürich ging vielen Menschen sehr nahe – auch mir. Obwohl ich Muriel kaum gekannt habe. Wir hatten uns nicht einmal getroffen, sondern miteinander telefoniert, als ich eine Geschichte darüber schrieb, wie es ist, wenn zwei beste Freundinnen aus dem Oberland zusammen an einer WM quasi vor der eigenen Haustür teilnehmen können. Eine knappe halbe Stunde dauerte das Telefonat. Mehr Kontakt zu ihr hatte ich nicht, abgesehen von einigen Chatnachrichten.
Es wäre anmassend, auch nur im Ansatz zu behaupten, ich hätte Muriel Furrer gekannt. Ich habe sie erlebt, für einen kurzen Augenblick. Sie hat mir einen kleinen Einblick gewährt in ihr Leben und ihren Charakter – und sie hat mich beeindruckt. Mit ihrer frischen, lebensfrohen Art. Mit ihrer Freude darüber, dass sie über ihren Sport reden darf. Mit ihrer Leidenschaft für den Sport, die in jedem Wort mitschwang.
In meinen bald 20 Jahren als Sportjournalist bin ich schon auf unzählige Athletinnen und Athleten getroffen. Manchmal findet man den Draht zueinander nicht wirklich, manchmal dauert es etwas länger und bleibt recht kühl. Manche sind (oder geben sich bewusst) wortkarg. Und manche reden zwar, geben mir aber gleichzeitig zu spüren, dass sie weder mich besonders nett noch meine Fragen besonders gut finden.
Andere sind hemdsärmelig und redselig – und sich durchaus bewusst, dass ihnen der Kontakt zu einem Journalisten auch etwas nützen kann. Sie nehmen einen ins Vertrauen, sind aber sehr kontrolliert, wenn es darum geht, was am Ende wirklich an die Öffentlichkeit darf. Das ist Teil des Spiels.
Und dann gibt es jene wie Muriel. Die Worte «authentisch» und «natürlich» kommen mir in den Sinn, wenn ich an unser Gespräch zurückdenke. Vor allem aber ist bei mir ihre grosse und ehrliche Dankbarkeit hängen geblieben, mit der sie mir schrieb, nachdem der Artikel erschienen war.
Als ich von ihrem Unfall las, sass ich am Lago Maggiore, blickte auf das ruhige Wasser und hoffte, dass irgendwie alles gut kommt. Tags darauf war ich auf einer Wanderung im Verzascatal, als ich von ihrem Tod erfuhr. «Darf ich trauern? Ich kannte sie doch kaum», ging mir durch den Kopf, als ich ins Leere blickte. Ich hätte gerne geweint.
