«Blut, Schweiss und Tränen»: Der Schuleklat in Pfäffikon und ich
Persönlicher Jahresrückblick
Welche Geschichten haben die Redaktion in diesem Jahr bewegt? Wir gewähren Einblicke und blicken auf besondere Themen und Momente zurück. Heute: der Schuleklat von Pfäffikon.
Das Jahr 2024 nähert sich dem Ende. Grund genug für diese Redaktion, auf die spannendsten Momente, packendsten Geschichten und interessantesten Menschen zurückzublicken. In persönlichen Einblicken erzählen Redaktorinnen und Redaktoren den ganzen Dezember lang von ihren High- und Lowlights. (zo)
Adrenalin pur. Das ist das Erste, was mir zum Schuleklat in Pfäffikon einfällt. Am 18. April haben wir die Geschichte des Pfäffiker Lehrers publiziert, die mein Kollege Matthias Müller in den Wochen zuvor mit viel Aufwand recherchiert hatte. Ein schwuler Lehrer war ins Visier von wertkonservativen Eltern geraten. Die Schulführung stellte sich zuerst hinter ihn, dann forcierte sie seinen Abgang.
Mehrmals haben Matthias Müller und ich den Artikel vorbesprochen und Details diskutiert. Mir war schon vor der Veröffentlichung klar, dass diese Geschichte Wellen schlagen wird. Wie gross diese jedoch sein würden, das konnte ich nicht abschätzen.
Für den Tag der Veröffentlichung einigten wir uns im Redaktionsteam darauf, mit dem Schwulendachverband Pink Cross und dem Zürcher Lehrerverband zu sprechen.
Ohne ins Detail zu gehen, informierte ich die beiden Verbände am Tag vor der Publikation, damit sie mich an einen Gesprächspartner verweisen können. Und dann war er da, der 18. April.
Der Plan war, dass ich einen der beiden Artikel übernehmen werde – der Zeitdruck war gross. Und wie startet man gut in einen anstrengenden Arbeitstag? Genau, man rutscht in der Dusche aus und verletzt sich den Zeh. Das sorgt für den ersten Adrenalinschub am Morgen – immerhin ist man dann wach.
Kaum war ich im Büro, läutete auch schon das Telefon. Am Apparat: Roman Heggli, Geschäftsleiter von Pink Cross. «Der Vorfall ist einfach ein Armutszeugnis», sagte er mir. Kaum war das Telefonat beendet, musste ich auch schon in die Tasten greifen.
«Bis zum Mittag wäre schon gut», hatte der zuständige Tagesleiter am Morgen gesagt – und kurz nach 12 Uhr war der Artikel auch fertig. Ich sagte ja: Adrenalin pur.
Es war nicht mein letzter Artikel zum sogenannten Schuleklat. Der Fall nahm immer weitere Züge an – vom Rücktritt von Schulpräsident Hanspeter Hugentobler bis zur mit Spannung erwarteten Stellungnahme der Schulpflege an der Gemeindeversammlung. Immer wieder galt es, schnell zu reagieren – und trotzdem journalistisch korrekt und fair zu berichten. Schweiss und (ja, ich gebe es zu) auch ein paar Tränen gehörten manchmal dazu.
In meinem Umfeld wusste jeder vom «Fall Pfäffikon». Schliesslich hat fast jedes Medium über den Fall berichtet – wenn auch viele nicht selber recherchiert, sondern einfach unsere Berichterstattung wiedergegeben haben. Und dies teilweise auch, sagen wir, stark gekürzt oder vereinfacht.
Aus einer gegenseitigen Auflösung des Arbeitsverhältnisses wurde dann schnell: «Schwuler Lehrer nach Beschwerden von Eltern gefeuert». Der Fall nahm dadurch auch eine Eigendynamik an – und jeder hatte natürlich eine Meinung. Ich ertappte mich dabei, wie ich bei Diskussionen in meinem Freundeskreis einschritt, um Fakten klarzustellen.
Es gab eine Petition, eine grosse Demonstration …, all dies hätte ich in dieser Form niemals erwartet. Die Solidarität mit dem betroffenen Lehrer schien gross.
Es wurden aber auch Stimmen laut, die in der Berichterstattung einen «Feldzug» gegen die Schule oder den zurückgetretenen Schulpräsidenten sahen.
Solche Vorwürfe weise ich jedoch vehement zurück. Für mich persönlich, aber auch für all meine Redaktionskolleginnen und -kollegen, die über den Fall geschrieben haben, war es stets ein Anliegen, alle Seiten zu Wort kommen zu lassen und fair und ausgewogen zu berichten. Ich bin kein Sprachrohr einer Seite und lasse mich auch nicht instrumentalisieren.
Im Herbst habe ich mich zudem mit Vertretern der Schule zu einem konstruktiven Austausch getroffen. Dort habe ich unsere Vorgehensweise erläutert und konnte Einsicht in den geschwärzten Schlussbericht nehmen.
Die kritische Distanz zu wahren, kann manchmal eine Herausforderung sein, gerade wenn eine Geschichte viele Emotionen auslöst – auch bei mir persönlich. Aber dieser Herausforderung muss man sich stellen – und das haben wir beim Schuleklat in Pfäffikon gemacht.
In der Zwischenzeit ist es ruhig geworden um die Schule – andere Nachrichten dominieren aktuell die Schlagzeilen. Ich denke aber, dass der Fall noch lange in den Köpfen bleiben wird.
Und an etwas werde ich mich sicher auch noch in alten Tagen erinnern: Wie ich eine Woche nach dem ersten Artikel als Reporterin an der Demonstration in Pfäffikon war, zu der rund 300 Personen erschienen sind. Mein Zeh tat immer noch höllisch weh – aber ich biss auf die Zähne. Ich sagte ja: Adrenalin pur.
