700 Gründe, die Schweizer Volkskultur zu lieben
Persönlicher Jahresrückblick
Welche Geschichten haben diese Redaktion im letzten Jahr bewegt? Wir gewähren Einblicke und blicken auf besondere Themen und Momente zurück. Heute: das Trachtenfest.
Das Jahr 2024 nähert sich dem Ende. Grund genug für diese Redaktion, auf die spannendsten Momente, packendsten Geschichten und interessantesten Menschen zurückzublicken. In persönlichen Einblicken erzählen Redaktorinnen und Redaktoren den ganzen Dezember lang von ihren High- und Lowlights. (zo)
Es ging um Trachten, es ging um Tänze und es ging um Schweizer Volkskultur. Meine Finger kribbelten bereits, als an der Redaktionssitzung gefragt wurde: «Wer wett über s Trachtefest 2024 brichte?» Ich, unbedingt!
Denn nostalgisch versuchte ich noch das Fieber vom Frühjahr zu bewahren. Ich hatte im Februar die unvergleichliche Magie des Karnevals in Oruro miterlebt. Das war nicht einfach Fasnacht, es war ein Lebensgefühl – die Unesco hat es ja nicht umsonst als Weltkulturerbe klassifiziert.
Das Trachtenfest war daher ein gefundenes Fressen, um die Flamme meiner neu gewonnenen Faszination am Leben zu erhalten.
Der Plan war klar: Für das Oberland sollte ich einen Bericht über die regionalen Vorbereitungen schreiben. Ich wollte jedoch in die Welt der Trachten eintauchen und mich von den traditionellen Tänzen verzaubern lassen.
Wie sich herausstellte, hatte ich keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Mein ignorantes Vergangenheits-Ich hatte sich etwas in der Einschätzung vertan, denn die Vielfalt der Schweizer Volkskultur war viel, viel grösser als vermutet. Die Schweiz zählt um die 700 verschiedene Trachten.
700! Für ein Ländlein von bitzeli über 41’000 Quadratkilometern ist das extrem viel – behauptet mein etwas weniger ignorantes Gegenwarts-Ich.
Für den Artikel klopfte ich an etliche Türen und erhielt Lektionen über Schweizer Trachten. Eine Spirale von Farbbedeutungen, Mustervariationen und landwirtschaftliche Referenzen riss mich in die Tiefe dieser Thematik. Ich war entzückt. Ich war überwältigt. Und ich fand 700 Gründe, die Schweizer Folklore zu lieben.
Ich besuchte Ateliers, traf Schneiderinnen, und begegnete Menschen, die mich mit ihrer mitreissenden Leidenschaft durch die Welt der Volkskultur führten. Aber der wahre Höhepunkt war der Tanz.
Da sich Folklore natürlich nicht ohne erzählen lässt, besuchte ich als Letztes die Volkstanzgruppe am Bachtel, die mich herzlicher nicht empfangen konnte. Jede einzelne Person stellte sich mit Namen und einem festen Händedruck vor – ich bin Stadtzürcherin, deshalb weiss ich, dass das nicht selbstverständlich ist.
Die Probe machte viel Spass zum Zuschauen. Ich konnte es schon damals kaum erwarten, den Auftritt dann am Trachtenfest selbst zu sehen. Ich schoss Fotos, machte Notizen, und plötzlich wurde ich auch zum Tanz aufgefordert.
«Es isch imfall mega eifach, wüki, du chasch das sicher au», sagte eine der jungen Tänzerinnen zu mir und erklärte mir dann eine Schrittfolge, der ich nicht folgen konnte – von wegen mega einfach. Aber da tanzte ich mit, in dieser Probe, mit all den Menschen, die ich kaum kannte, einen Tanz, der mir fremd war. Und ich fühlte mich wie ein Fisch im Wasser: genau in meinem Element.
