«Was fördert den Zusammenhalt?»
Gedanken zum Bettag
Pfarrerin Isabel Stuhlmann ist überzeugt, dass mit dem Eidgenössischen Bettag auch heute noch ein Zeichen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt gesetzt wird. Wie aber geht das?
Unsere Zeit ist geprägt von Rastlosigkeit. Sowohl das private wie auch das berufliche und das politische Leben kommen kaum je zur Ruhe. Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag, kurz auch Bettag genannt, setzt hier einen Kontrapunkt. Er verordnet den Menschen in der Schweiz ein gemeinsames Anhalten und Stillstehen.
Der Bettag hat keine biblische Grundlage. Seine Entstehung ist eng mit der Gründung der modernen Schweiz 1848 verbunden und ist staatspolitisch begründet. Das neue Staatsgebilde war zerbrechlich. Die Spannungen zwischen konservativ-katholischen und liberalen, mehrheitlich reformierten Kräften drohten den jungen Staat zu zerreissen.
Der Halt am Bettag sollte die gemeinsame Verwurzelung in der christlichen Tradition betonen und Toleranz und Respekt gegenüber Andersgläubigen und politisch Andersdenkenden fördern. Der Bettag soll ein Tag sein, der von allen Parteiungen und Konfessionen gefeiert werden kann.
Heute wird er an gewissen Orten nicht nur ökumenisch, sondern interreligiös begangen. Nach wie vor wird damit ein Zeichen für den Religionsfrieden und den gesellschaftlichen Zusammenhalt gesetzt.
Dieses Zeichen zu setzen, ist nötig, auch wenn einander nicht mehr zwei konfessionelle und politische Lager gegenüberstehen. Woran man glaubt, scheint heute egal zu sein. Die grösste Konfession im Kanton Zürich ist die der Konfessionslosen. Die politische Landschaft ist vielfältig geworden.
Gleichzeitig ist das Klima der Auseinandersetzung zwischen Andersdenkenden wieder oder immer noch rau und aufgeregt. Ich beobachte, wie Menschen sich vorzugsweise in einer bestimmten Weltanschauungsblase bewegen. Dort fühlen sie sich wohl.
Zwischen Weltanschauungsblasen gibt es wenige Berührungen. Man erträgt einander nicht, führt keine Gespräche und wenn doch, argumentiert man nicht. Man schimpft und beschimpft. So erlebe ich unser Gemeinwesen zerbrechlich, davon bedroht, in viele kleine Blasen zu zerfallen.
Was fördert den Zusammenhalt? Vielleicht das, was die Grundidee des Bettags ausmacht: dass wir zusammen anhalten und so unser rastloses Neben- und Gegeneinander unterbrechen. Der Halt allein führt noch nicht zum Zusammenhalt.
Der Bettag lädt darum ein, den gemeinsamen Halt zu füllen, indem man dankt, Busse tut und betet, wie sein voller Name mitteilt. Nun sind zwei dieser Vokabeln religiös vorbelastet. Es fragt sich, wie denn dem Anspruch Folge geleistet werden kann, dass alle Parteiungen und Konfessionen, also zum Beispiel auch die der Konfessionslosen, am Bettag mitfeiern können.
Könnte man sich aufs Danken beschränken? Gewiss empfinden alle Menschen unabhängig von ihrer politischen oder ihrer Glaubensausrichtung Dankbarkeit. Während des Anhaltens zu danken, könnte den Zusammenhalt stärken.
Jesus erzählt allerdings eine kleine Geschichte, die hier ein Fragezeichen setzt. Er erzählt im Lukasevangelium, wie zwei Männer den Tempel betreten. Der eine ist von Dankbarkeit erfüllt. Er betet: «Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin.»
Diese Form der Dankbarkeit kann keinen Zusammenhalt fördern, im Gegenteil. Sie speist sich aus der Abgrenzung und Hierarchisierung. Die anderen sind in den Augen des Dankbaren nicht nur anders. Sie sind weniger wert.
Der Zweite, der den Tempel betritt, ist nicht von Dankbarkeit erfüllt, sondern von Reue. Er bittet Gott um Vergebung. Jesus sagt: «Dieser ging befreit in sein Haus zurück, jener nicht.»
Der Reuige ist seine Last los und kann davon befreit neu anfangen. Er ist jetzt in einem gemeinschaftsfördernden Sinn dankbar. Befreit von der Reue kann er sein Leben für sich und andere klüger gestalten. Der Dankbare bleibt in seinem Dünkel gefangen und allein.
Wir sind damit beim vorbelasteten Begriff der Busse angekommen. Verordnet der Bettag kollektive Bussübung, so wie es kirchengeschichtlich von beiden Konfessionen so lange getan wurde? Ich widerspreche.
Ein anderer Begriff für die Busse ist die Umkehr. Das Anhalten am Bettag ermöglicht uns, uns umzudrehen, zurückzuschauen und zu beobachten, wer wir sind: Menschenkinder.
Stellen wir uns vor, der dünkelhafte Dankbare würde sich einen Halt gönnen und zurückschauen. Was würde er neben seinen Verdiensten entdecken? Er würde sehen, wie er wie alle Menschen seinen Lebensweg begonnen hat, verletzlich und abhängig von anderen.
Er würde den Zufall der eigenen Geburt entdecken, dass er hineingeboren wurde in eine Familie, die sein Rucksäckchen für seinen Lebensweg scheinbar gut füllen konnte. Er würde sich eingebettet sehen in ein Geflecht von Beziehungen, das ihn mitgeformt hat.
Und immer wieder würde er sehen, was ihm zum Gelingen zugefallen ist, Wetterglück vielleicht, Gesundheit, einmal zur rechten Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein, ein Quäntchen Glück da, eine tragfähige Beziehung dort, bis heute.
Er würde ahnen, dass er noch immer verletzlich ist wie alle Menschen, du und ich, wir und die anderen, angewiesen auf dieses Beziehungsnetz, das auf eine geheimnisvolle Weise immer schon geknüpft und gespannt ist und uns im Leben hält bis zu unserem letzten Atemzug. Wofür wäre der Dankbare jetzt dankbar?
Was uns Menschen zusammenhält, ist unser Menschsein. Mensch sein heisst verletzlich sein, abhängig sein, eingebunden sein in ein Beziehungsnetz, das sogar noch mehr als nur menschliche Beziehungen umfasst.
Unser aller Menschsein erkennen wir im rastlosen Vorwärtsdrang oft nicht. Wir brauchen dazu den Unterbruch, den Halt. Aus der Vergegenwärtigung unser aller Menschseins können wir in eine Dankbarkeit finden, die den Zusammenhalt fördert.
Aus der wahrgenommenen Verletzlichkeit aller können wir zusammen Wünsche formulieren für uns, unser Gemeinwesen, unseren Staat. Wenn wir diese Wünsche zusammen in den Äther schicken, damit deren Erfüllung uns zufallen möge, so tun wir das, was in der religiösen Sprache «beten» heisst.
Der gemeinsame Halt hat sich gefüllt. Er ist zum Halt geworden, der Zusammenhalt stärkt.

