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Keine Billette mehr im Bus: Der richtige Schritt oder ein fataler Entscheid?

Darüber lässt sich auch in der Redaktion wunderbar streiten.

Der Billettverkauf im Bus wird eingestellt. Doch ist der Entscheid richtig? Bettina Schnider (links) und Mel Giese Pérez sind sich nicht einig.

Fotos: ZO Medien/ Manuela Matt

Keine Billette mehr im Bus: Der richtige Schritt oder ein fataler Entscheid?

Pro und Contra

Bereits am 9. September sind auf vielen Buslinien in der Region keine Tickets mehr erhältlich. Dieser Entscheid gab zu reden. Zwei Redaktorinnen kreuzen die Klingen.

Die Ausgangslage

Der Billettverkauf in Bussen im ZVV-Netz wird spätestens im Dezember eingestellt. Der Verkehrsverbund begründet diesen Schritt damit, dass die Verkaufsgeräte in den Bussen das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben. Investitionen würden sich nicht mehr lohnen, da nur noch sehr wenige Tickets im Bus verkauft würden. Der Kantonsrat stimmte der Abschaffung im Februar 2022 zu.

Sie erfolgt gestaffelt. Bereits ab 9. September sind auf diversen Postauto-Linien in der Region keine regulären Tickets mehr erhältlich. Es gibt dann als Übergangslösung noch sogenannte Zeit-Tickets. Diese können nur digital bezahlt werden, sind meist teurer als ein reguläres Zonenbillett und nur in Bussen gültig.

Am 9. September wird der Billettverkauf auf folgenden Linien in der Region eingestellt. Die Fahrgäste wurden mit Flyern, Plakaten und auf den Bildschirmen bereits vorgängig informiert.
  • 680 Elgg–Schlatt–Winterthur
  • 682 Elgg–Girenbad bei Turbenthal
  • 806 Turbenthal–Dussnang
  • 807 Turbenthal–Sitzberg
  • 825 Pfäffikon–Turbenthal
  • 826 Pfäffikon–Theilingen
  • 827 Uster–Schrännenbrunnen
  • 830 Uster–Pfäffikon
  • 831 Pfäffikon–Fehraltorf
  • 832 Fehraltorf–Kollbrunn
  • 833 Pfäffikon–Wila
  • 835 Pfäffikon–Bauma
  • 837 Pfäffikon–Hittnau(–Bauma)
  • 859 Pfäffikon–Wetzikon
  • N68 Winterthur–Rikon–Turbenthal–Wila
  • N68 Winterthur–Rikon–Turbenthal–Wila

Die restlichen Linien in der Region werden laut dem ZVV erst per 15. Dezember umgestellt. (bes)

Pro: Bequemlichkeit ist kein Menschenrecht

Menschen tun sich oft schwer mit Veränderungen. Die Diskussion über die Abschaffung des Billettverkaufs in Bussen zeigt dies erneut. Doch dieser Schritt ist der einzig richtige.

Die Verkaufsgeräte in den Bussen sind veraltet, und ihre Erneuerung würde erhebliche Kosten verursachen – Kosten, die über höhere Ticketpreise oder Steuergelder von allen getragen werden müssten. Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) erhält nicht ohne Grund für die Jahre 2025 und 2026 fast 900 Millionen Franken vom Kanton, um das erwartete Defizit zu decken.

Der ZVV soll für ein attraktives ÖV-Netz im Kanton sorgen, das auch Randgebiete abdeckt. Es ist aber nicht seine Aufgabe, Billette im Papierformat unter Artenschutz zu stellen.

Die Welt verändert sich, und viele Menschen nutzen bereits digitale Kanäle, um ihre Tickets zu kaufen – darunter auch viele der oft zitierten älteren Menschen. Sie mussten ihr ganzes Leben Veränderungen erleben, und jetzt bei der Abschaffung des Billettverkaufs im Bus soll für sie Endstation sein? Unsinn.

Im Moment werden gerade noch 2,4 Prozent aller Billette im Bus gekauft. Ich gehe davon aus, viele tun dies aus Gewohnheit – und nicht etwa, weil sie keinen Zugang zu einem Handy mit SBB- oder ZVV-App hätten.

Niemandem wird deshalb ein Vorwurf gemacht, aber es ist allen zuzutrauen, sich anzupassen. Bequemlichkeit ist kein Menschenrecht, und der Billettverkauf im Bus ist schlicht ein Relikt aus der Vergangenheit, das nun abgeschafft werden sollte.

Natürlich gibt es Menschen, die den ÖV nutzen und keinen Zugang zu digitalen Verkaufskanälen haben. Für sie gibt es bereits eine Lösung: den Ticketverkauf per Telefon. Diese Umstellung mag ungewohnt sein, doch sie ist machbar. Trauen wir den Menschen zu, sich auf diese Veränderung einzulassen.

Heute vermisst auch niemand mehr das Telegramm oder die Postkutsche. Durch die Abschaffung des Billettverkaufs im Bus wird niemand ausgeschlossen – ausgeschlossen wird nur, wer sich selbst ausschliesst. (Bettina Schnider)

Contra: Ohne Handy kann man gleich zu Hause bleiben

Dass die Abschaffung des Ticketverkaufs in den Bussen für die Benutzerinnen und Benutzer eine Umstellung bedeutet, liegt auf der Hand. 2,4 Prozent sollen diesen Service laut Cristina Maurer, Mediensprecherin des ZVV, noch verwendet haben. Über diese Zahl kann man sich natürlich streiten, und wahrscheinlich kennen die wenigsten eine dieser 2,4-Prozent-Personen.

Aber mal ganz ehrlich: Ist es wirklich so falsch, den restlichen 97,6 Prozent trotzdem eine analoge Alternative zur Verfügung zu stellen?

Offenbar vergessen der Verkehrsbund und der Kantonsrat aber, dass nach wie vor Menschen transportiert werden und keine Bildschirme – Digitalisierung hin oder her. Und Menschen brauchen Alternativen.

Wenn jetzt der Weg zum gültigen Ticket bloss über eine App oder ein Telefonat zum Contact Center führt, dann hat der ZVV das Wort Service missverstanden. Den Fahrgästen, die vom öffentlichen Verkehr abhängig sind, muss doch garantiert werden, dass sie jederzeit ein Ticket beziehen können.

Was den Passagieren jetzt nämlich blüht, ist eine ständige Bereitschaft des Telefons. Fehler wie, als ich mich in Hittnau verlaufen habe und nur durch lange Google-Maps-Navigation den Weg zurückfand, dürfen nicht mehr passieren. Denn das Handy muss jetzt immer geladen sein. Und ein Billettkontrolleur, der für einen solch menschlichen Fauxpas Verständnis hat, ist noch nicht ausgebildet worden.

Es handelt sich hierbei nicht um einen Generationskonflikt. Meine Freundin hat sich kürzlich beispielsweise über eine Jugendliche gewundert, die sich kurios von ihren Gspänli verabschiedete: «Ich muss jetzt nach Hause, denn ich habe nur noch ein Prozent Akku.» Sie hatte vielleicht ihr Busbillett auf dem Handy.

Das Gerät ist schon längst keine praktische Hilfe mehr, sondern eine Voraussetzung für gesellschaftliche Integration. Wenn ich also kein funktionierendes Telefon habe, kann ich gleich zu Hause bleiben. Schöne neue Welt. (Mel Giese Pérez)

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