Regionales Gemüse oder Etikettenschwindel?
Tösswegs
Ob «Aus der Region, für die Region» oder «Miini Region»: Die Labels in der Gemüseabteilung namhafter Grossverteiler scheinen sich grosser Beliebtheit zu erfreuen.
Zwar arbeite ich nicht in einer angenehm klimatisierten Marketingabteilung und habe nicht die Aufgabe, zu analysieren, ob das Konzept tatsächlich ankommt. Doch allein anhand der Prominenz – und teils regelrechten Penetranz – dieser Labels in den Läden erkennt man, dass diese ein Erfolgskonzept sein müssen.
Als Journalist kann ich das nachvollziehen: Nähe schafft Verbundenheit und Mitgefühl. Ereignet sich auf der Tösstalstrasse ein Unfall, ist die Betroffenheit oftmals grösser, als wenn dasselbe in der Stadt Zürich passiert.
So ähnlich, einfach mit geänderten Vorzeichen, ist das mit Kartoffeln und Rüebli: Sind diese in «meiner Region» gewachsen, sind sie mir gleich sympathischer, wirken nachhaltiger. Und besser schmecken tun sie auch gleich.
Da stellt sich doch prompt die Frage: Wie gross darf eine Region sein? Und wie weit darf etwas entfernt sein, um noch als «regional» zu gelten? Um es vorwegzunehmen: In der Sprache der Grossverteiler ist «Region» ein dehnbarer Begriff.
Ein «regionales» Rüebli, das ich in der Migros in Winterthur, Turbenthal oder Kollbrunn kaufe, kann demnach auf irgendeinem Feld im Einzugsgebiet der jeweiligen Genossenschaft geerntet worden sein.
Wer sich einmal mit dem Konstrukt Migros beschäftigt hat, weiss: Diese Regionen sind enorm gross und haben mit Nähe und Überschaubarkeit wenig zu tun. Und bei Coop sind sie gar noch weitläufiger.
Aufgefallen ist mir dieses Detail nicht etwa bei einer Recherche, sondern, wer hätte es gedacht, beim Rüebli-Kauf. Die köstlichen Knollen in meinem Wägeli stammen nämlich immer mal wieder aus meiner Heimatgemeinde Wartau im Kanton St. Gallen, wo eine grosse Gemüsebaufirma ihren Sitz hat.
Vom Vorbeifahren war mir bekannt, dass diese für den Detailhandel produziert – nicht aber, dass es ihre Rüebli bis nach Winterthur schaffen. Das hat den angenehmen Effekt, dass der Rüebli-Kauf zumindest bei mir, wie von der Marketingabteilung angedacht, Nähe und Verbundenheit schafft. Und das, obwohl die Rüebli, so wie ich alle paar Wochen, eine Strecke von gut 130 Kilometern zurücklegen.
Diesen Trick mache ich mir künftig auch zunutze. Wenn ich beim nächsten Mal von der Verwandtschaft darauf angesprochen werde, dass ich jetzt ja so weit weg wohne, übernehme ich einfach das Narrativ der Grossverteiler und entgegne: «Wie bitte? Ich wohne doch immer noch in der ‹Region›!»
