Alles eine Frage der Identität – oder doch des Geldes?
Analyse zur Grenzfrage in Uster
Nänikon und Werrikon wollen sich von Uster abspalten, die Stadt sieht in einer möglichen Fusion mit Greifensee jedoch mehr Vorteile. Wie wird das Volk entscheiden?
Was tun, wenn Emotionalität auf Rationalität prallt? Wenn zwei Ebenen der Argumentation aufeinandertreffen, man einander einfach nicht verstehen kann, vielleicht auch nicht verstehen will?
So wirkt es, wenn man sich die momentane Situation der Ustermer Aussenwachten Nänikon und Werrikon und der Beziehung zur Stadt Uster anschaut. Erstere wollen sich abspalten: Sie fühlen sich der Stadt nicht mehr zugehörig, liebäugeln mit einer Ehe mit Greifensee. Letztere sieht in der möglichen Scheidung vor allem finanzielle Nachteile für die gesamtstädtische Bevölkerung. Von einem jährlichen Defizit in Höhe von drei Millionen Franken ist im Parlament die Rede.
Die Meinungen und Positionen sind schon längst vor dieser letzten Parlamentssitzung vor der Sommerpause gemacht, für die überraschend viele Zuschauer in den Gemeinderatssaal gepilgert sind – und das sicher nicht, um der Genehmigung von Geschäftsberichten und Jahresrechnungen der Stadt und der Sekundarstufe beizuwohnen.
Sie sind hier wegen der Abstimmung über die lancierte Volksinitiative des Komitees Pro 8606 zur Abspaltung der Aussenwachten. Doch diese Abstimmung verläuft alles andere als überraschend. Wie so oft, wenn im parteipolitischen Geplänkel der Parlamentskultur gemachte Meinungen einfach präsentiert werden.
Auslegeordnung bereits vorhanden
Von links bis über die Mitte hinweg: Alle Parteien, mit Ausnahme der SVP/EDU-Fraktion, sind sich einig, dass eine Abspaltung der Aussenwachten der Stadt nur zum Nachteil gereicht. Dies, weil von einem mit der Initiative zeitgleich lancierten Postulat zur Frage der Fusion mit der Gemeinde Greifensee eine eigentliche «Auslegeordnung» vorliegt.
Eine solche, so die Argumentation des Initiativkomitees, läge auch nach einem Ja zu seinem Anliegen und dem angestossenen Prozess vor. Doch auch die beratende Kommission für öffentliche Dienste und Sicherheit (Kös) hält fest, dass der Stadtrat mit seinem Bericht zum Postulat bereits eine Auslegeordnung vorgelegt habe.
Wenn die Initianten behaupteten, es gehe ihnen um eine Auslegeordnung, so müsse man sich nur ihren Initiativtext anschauen: Dort sei die Rede von einem Vertrag, den die Stadt Uster mit Greifensee über den Wechsel ausarbeiten solle – konkret und abschliessend. «Der Initiativtext ist unmissverständlich.»
Und in der Tat kann der ehemalige Ustermer Stadtpräsident und Sprecher des Komitees, Martin Bornhauser, am Ende der Diskussion in seiner Replik diesen Vorwurf nicht entkräften oder ihm entgegnen.
Ehrlich sein – zu sich selbst
Aber warum will man eine Stadt verlassen? Was heisst es aus Sicht der Aussenwachten, wenn man sich einem «soziokulturellen Raum mit Greifensee zugehörig fühlt»?
Ein Wort, das während der ganzen Debatte nie fällt, könnte eine Antwort sein: Identität. Und das wäre auch ein möglicher Grund, der sich nur schwer in Worte fassen lässt, wenn sowohl die Kös als auch Parteien monieren, dass sie von niemandem die «wirklichen Gründe» für den Wunsch nach einer Abspaltung erfahren hätten.
Das Konzept von Identität und Heimat, es ist absolut emotional und alles andere als sachlich, lässt sich schwer beschreiben. Denn es lässt sich nicht damit definieren, wo Steuern gezahlt, Gebührenmarken gekauft oder Baugesuche eingereicht werden.
Nur, wenn die Näniker und die Werriker ehrlich zu sich sind: Fühlen sie sich wirklich als Greifenseer? Oder sind sie einfach Näniker und Werriker, so, wie Freudwiler und Ringwiler ebenso ihr eigenes Dorfleben in ihren Aussenwachten haben? Dass sich in der Schlafstadt Uster mit ihren verteilten fünf Aussenwachten und keinem richtigen Zentrum niemand so ganz als Ustermerin oder Ustermer fühlen dürfte, ist kein Geheimnis.
Geht es also letzten Endes doch nur ums Geld? In den kommenden fünf Monaten werden die Näniker und die Werriker im Abstimmungskampf darlegen müssen, warum 33'000 Ustermerinnen und Ustermer ihrem Anliegen zustimmen sollen. Emotionale Argumente allein dürften dabei nicht helfen.
