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«Die grossen Schulreformen sind teilweise gescheitert»

Er war einst der höchste Lehrer im Kanton Zürich und kämpfte immer wieder gegen Reformen. Jetzt zieht der 76-jährige Fehraltorfer Hanspeter Amstutz Bilanz.

Hanspeter Amstutz sagt, trotz gescheiterter Reformen: «Wir haben heute in mancher Hinsicht eine bessere Schule als in den ‹guten alten Zeiten›.»

Symbolbild: Pixabay

«Die grossen Schulreformen sind teilweise gescheitert»

Gastbeitrag

Er war einst der höchste Lehrer im Kanton Zürich und kämpfte im Bildungsrat immer wieder gegen Reformen: der Fehraltorfer Hanspeter Amstutz. Jetzt zieht der 76-Jährige eine Bilanz.

Hanspeter Amstutz

In den letzten zwanzig Jahren sind mehrere grosse Schulreformen mit hohen Erwartungen umgesetzt worden. Sie sollten die Schule in wesentlichen Bereichen verändern und wettbewerbsfähiger machen. Doch wie sieht die Bilanz heute aus, wenn man die damaligen grossen Versprechungen mit den nun vorliegenden Resultaten vergleicht?

So galt der neue Lehrplan, das eigentliche Flaggschiff der Reformbewegung, einst als grosser theoretischer Wurf. Dessen Grundkonzept mit der neuen Kompetenzorientierung war sakrosankt, und einige Reformer sprachen gar von einem Jahrhundertwerk.

Die nachfolgende Einordnung der grossen Reformbewegung in die Schulgeschichte ist der Versuch einer Darstellung in Kurzform.

Zwei Fremdsprachen

Eine frühe Mehrsprachigkeit wird als Schlüssel für erfolgreiches Fremdsprachenlernen erachtet. Die Primarschüler sollen in ein «Sprachbad» eintauchen und sich in jeder Sprache munter unterhalten können.

Mehr als die Hälfte der Sechstklässler kommt in der zweiten Fremdsprache (oft im Französisch) auf keinen grünen Zweig. Die frühe Mehrsprachigkeit führt zu einer Verzettelung der Bildungsziele und geht auf Kosten wertvoller Übungszeit im Deutsch.

Alle Schüler gehören in Regelklassen

Alle Kinder, auch solche mit starken kognitiven Beeinträchtigungen und erheblichen Verhaltensschwierigkeiten, sollen eine Regelklasse besuchen können.

Die Heterogenität in manchen Regelklassen bringt die Klassenlehrerinnen an den Anschlag. Der Ruf nach immer mehr Betreuungspersonal wird für die Schulen finanziell zu einem Fass ohne Boden. Die Herausforderung für die Lehrkräfte durch die Totalintegration wurde völlig unterschätzt.

Mehr Lernen im Alleingang

Selbst organisiertes Lernen ist eine Chance für eine umfassende Individualisierung des Unterrichts. Damit verbunden ist eine Reduktion des gemeinsamen Klassenunterrichts, intensives Arbeiten an digitalen Geräten und ein stark verändertes Berufsbild für Lehrpersonen.

Mittlere und schwächere Schüler sind mit dem selbst organisierten Lernen oft überfordert. Das Mit- und Voneinanderlernen im Klassenverband kommt zu kurz, und das lange Lernen am Bildschirm ist im Vergleich zu einem anregenden Klassenunterricht wenig effizient.

Lehrplan als verbindlicher Bildungskompass

Mit dem neuen Lehrplan werden die Bildungsziele schweizweit vereinheitlicht. Statt bisheriger Bildungsinhalte steht neu der Erwerb nützlicher Kompetenzen im Zentrum. Klar definierte Grundanforderungen und erweiterte Bildungsziele in allen Fächern sollen den Lehrplan zu einem verlässlichen Bildungskompass machen.

Der überladene Lehrplan wird von den Lehrkräften kaum konsultiert. Mit seinen umständlichen Kompetenzbeschreibungen ist er für sie keine Hilfe. Für ihren Bildungsauftrag würden die meisten eine klare inhaltliche Orientierung bevorzugen.

Professionelle Bildungssteuerung

Mit wiederholten Erhebungen kann festgestellt werden, welche Leistungen die Volksschule erbringt. Zusätzlich wird eine professionelle Fachstelle die Qualität der Schulen überprüfen. Aufgrund der Ergebnisse werden Massnahmen getroffen, um gezielt die Schwachstellen zu beheben.

Bildung funktioniert nicht einfach auf Knopfdruck von oben. So ist es nicht gelungen, trotz festgestellter schulischer Mängel den bedenklichen Abwärtstrend unserer Schulabgänger bei den Lesekompetenzen zu stoppen. Gute Schulleitungen mit Sinn für pädagogische Anliegen tragen wohl mehr zur Schulförderung bei als die mit viel Bürokratie arbeitende Fachstelle für Schulbeurteilung.

Folgt eine neue Welle gewagter Experimente?

Dank der pädagogischen Vernunft und des Muts zur Lücke der Lehrkräfte werden die meisten Klassen trotz teilweise gescheiterter Reformen noch immer gut geführt. Nur ob das auch in Zukunft so bleiben wird, ist eine offene Frage.

Die Verunsicherung der Lehrpersonen durch die neuste Welle mit Selbstlernkonzepten ist beunruhigend. Wenn eine Lehrerin künftig primär eine Lernbegleiterin ist und Frontalunterricht dogmatisch verunglimpft wird, muss man sich über unruhige Klassen nicht wundern.

Eine heterogene Schülerschar vorwiegend nach dem Prinzip des selbst organisierten Lernens führen zu wollen, ist meist eine zu hohe Hürde. Reformschulen mit radikalen Konzepten gehen über die bewährte Abwechslung mit alternativen Unterrichtsformen weit hinaus und sind anfällig für schulinterne Konflikte. Die unvermeidbare Degradierung der Pädagogen zu Lerncoachs kommt selten gut an.

Wer in einer Klasse die Führung übernimmt, muss hinstehen und mit Freude auf die jungen Menschen zugehen. Diese wünschen sich ermutigende Lehrerinnen und Lehrer, die eine Klassengemeinschaft formen und ihnen die Welt ein Stück weit spannend und anschaulich erklären können.

Erfolgreiche Schulentwicklung kommt aus der Praxis

Es wäre eine arge Verzerrung der Schulrealität, wenn die positiven Seiten der Entwicklung unserer Volksschule ausgeblendet würden. Wir haben heute in mancher Hinsicht eine bessere Schule als in den «guten alten Zeiten».

Die meisten Kinder fühlen sich wohl in der Schule. Die Klassen sind kleiner, viele Lehrmittel sind auf einem didaktisch hervorragenden Niveau, und die vielfältigen Unterrichtsformen sind kindgerechter.

Niemand möchte zurück zu den langweiligen Deutsch-Übungsbüchern aus den Sechzigerjahren oder den seitenlangen Stöcklirechnungen in den alten Rechenbüchern. Es sind eindrückliche Entwicklungen im Bereich der Lehrmittel und der Fachdidaktik passiert. Überall da, wo erfahrene Lehrkräfte am Konzept neuer Lehrmittel beteiligt waren, sind die Resultate erfreulich. Moderne Schulbücher sprechen die Kinder mit attraktiver Gestaltung an und sind mit ihrem durchdachten Aufbau ein Wegweiser für erfolgreichen Unterricht.

Eine gute innere Schulentwicklung beruht in erster Linie auf der Innovationskraft kompetenter Lehrpersonen. Diese sind es, die aus dem täglichen Umgang mit jungen Menschen wissen, wo es Verbesserungen braucht und wo ganz Neues gewagt werden kann. Diese Einsicht verbaut eine enge Zusammenarbeit mit den Dozenten der Fachhochschulen in keiner Weise.

Im Dialog zwischen Theorie und Praxis können wichtige Projekte weiterentwickelt und anschliessend in den Schulen sorgfältig erprobt werden. Dieser weniger spektakuläre Weg führt zu einem nachhaltigeren Fortschritt als bei weit weg von der Praxis entwickelten Grossprojekten.

Hanspeter Amstutz (76) war Primar- und Sekundarlehrer in Illnau-Effretikon sowie in der Zürcher Schulpolitik, Kantons- und Bildungsrat für die EVP. Aktuell ist er in der Lehrerfortbildung im Bereich Geschichte tätig und äussert sich in losen Abständen zu Bildungsthemen.

Bisher erschienene Beiträge:

«Teenager wünschen sich kompetente Führung im Klassenzimmer», 15. Februar 2024

«Wer einen Schatz an Geschichten und Sachwissen hat, liest besser», 17. Dezember 2023

«Die Erfolgsstory der Schweiz gehört in den Geschichtsunterricht», 31. Juli 2023

«Stimmrechtsalter 16 setzt besseren Geschichtsunterricht voraus», 4. Mai 2022

«Volksschule kann sich Absenz der Männer nicht länger leisten», 27. September 2021

«Deutsch zu lehren, ist ein unterschätzter Grundauftrag der Volksschule»​​​​​​​, 17. Februar 2020

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