Meinung

Nur die Besten sterben jung

Unsere Redaktorin trauert um ihren Lieblingssänger – die Todesnachricht kam komplett unerwartet.

Nur die Besten sterben jung

Tösswegs

Eigentlich hätte dieser Beitrag über Kreiselfahren sein sollen – oder über Storchenküken. Aber eine Nachricht hat alles verändert. Am Mittwochnachmittag, bei schönstem Sonnenschein, flimmert sie über mein Smartphone-Display: Marc Reinhard ist tot. «Die XXL-Rockröhre ist für immer verstummt», schreiben seine Bandkollegen von Azton auf ihrer Website. «Wir sind unfassbar traurig.»

Unfassbar traurig bin auch ich. Marc Reinhard war kein Berufsmusiker mit Platin-Alben, Chart-Platzierungen und Millionen von Fans auf Spotify. Er war auch nie auf Welttournee.

Marc hat aber bewiesen, dass man mit Leidenschaft Grosses erreichen kann. Als Vollblutmusiker vermochte er das Publikum in seinen Bann zu ziehen, glänzte in seiner unverwechselbaren Art im Scheinwerferlicht – und teilte die Liebe der Fans mit seinen Bandkollegen.

Dabei war dieser Weg überhaupt nicht vorgezeichnet gewesen. Die Gründung von Azton war eher dem Zufall geschuldet. 1997 tat sich Marc, damals als Journalist für die «Aargauer Zeitung» tätig, mit anderen Kollegen vom Medienunternehmen zusammen.

Für das Badener Stadtfest «Badenfahrt» stellten sie eine Rock-Coverband auf die Beine – der Name, zusammengesetzt aus der AZ («Aargauer Zeitung») und dem Ton dazu. Was als einmalige Sache gedacht war, entwickelte sich zum Dauerbrenner. Es folgten Konzerte auf den verschiedensten Bühnen im Aargau – an Dorffesten, Benefizveranstaltungen und Partys sorgten die Hobbymusiker für volle Reihen.

Im Lauf der Jahre kam es zu einigen Wechseln an den Instrumenten, doch eine Konstante blieb: Leadsänger Marc. Er wagte sich an Klassiker wie «The Best» von Tina Turner, «Jump» von Van Halen oder «Unchain My Heart» von Joe Cocker.

Dabei versuchte er nicht, die Rockgrössen nachzuahmen – sondern war vor allem eines: er selbst. Damit gewann er die Herzen der Fans, vom 10-Jährigen bis zur 70-Jährigen. Und ja, auch meines. Es gab eine Zeit, da besuchte ich fast jedes Konzert, stand in der vordersten Reihe – oder besser gesagt tanzte – und sang Lieder textsicher mit, die ich vorher nicht einmal gekannt hatte.

Ein Groupie, würde man im Musiker-Sprech wohl sagen. Aber ein Groupie ist man dann, wenn der Star auf der Bühne unerreichbar ist, übermenschlich gemacht von der Musikindustrie. Das war Marc nie. Er war «einer von uns», fassbar, auf gleicher Augenhöhe. Einer, der seine Karriere mit dem Satz «Ich singe auch noch gerne» begann.

Man sieht eine Band auf einer Bühne.
Nach diesem Konzert in Laufenburg 2018 ging ich als Fan nach Hause.

Wehmütig erinnere ich mich an mein letztes Konzert. Das war – der Zufall wollte es so – an der «Badenfahrt» im letzten Sommer. Genau dort, wo Azton einst aus der Wiege gehoben wurde, durfte ich das Heimspiel der Band erleben. In strömendem Regen tanzte ich mit der Menge im Matsch und fühlte mich bei «Major Tom» – trotz durchnässten Schuhen und kalten Füssen – «völlig losgelöst von der Erde».

Mit der Todesnachricht bin ich unverhofft und ziemlich hart wieder gelandet. Eine Konstante ist plötzlich aus meinem Leben verschwunden. Umso dankbarer bin ich für all die Momente, die ich mit Azton erleben durfte. Danke, Marc – you're simply the best.

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