«Rassistische Grüsse» aus der englischen Hauptstadt
Tösswegs
In den Untiefen eines Estrichs verbergen sich nicht selten interessante Dinge: Man denkt etwa an vererbten Goldschmuck, das Hochzeitskleid der Urahnin oder eine gut erhaltene Heimatmalerei.
Manchmal fallen einem solche Dinge beim Ausmisten in die Hände – oder, wie mir kürzlich beim Besuch meiner Grossmutter geschehen, auch mal ganz unverhofft. Doch was ich dieses Mal fand, hat weit mehr Sprengkraft, als ich mir ausmalen konnte.
Plötzlich halte ich eine Postkarte in den Händen, die auf das Jahr 1979 datiert ist. Verschickt von den Eheleuten Annegret und Hermann an eine mir unbekannte Frau im Dorf meiner Grossmutter.
Auf der Vorderseite, eher unspektakulär, Ansichten aus der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs: die Royal Guards, die Themse, der Trafalgar Square.
Hinten drauf schildert das Ehepaar seine Erlebnisse in der Metropole. Sie hätten noch nie so eine grosse Stadt gesehen. Sie schwärmen weiter – von den Einkaufsstrassen, den neuen Häusern und einer Fahrt mit einem der berühmten Doppeldeckerbusse.
Noch mehr Eindruck scheint den Postkartenschreibern aber ein anderes Detail zu machen: «Die verschiedenen Menschentypen», die sie dort antreffen. Es folgt eine Aufzählung der Völker, die sie dort beobachtet – oder wohl vielmehr begafft – hatten.
An erster Stelle erwähnen sie, wie kann es anders sein, schwarze Menschen. Natürlich mit dem N-Wort. Der Satz liest sich wie ein Bericht eines Zoobesuchs – mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter.

Ich kenne Annegret und Hermann nicht. Aus ihren Namen schliesse ich aber, dass sie selbst keine Migrationsgeschichte, nie Rassismus erfahren haben. Und doch: Vorwerfen kann man ihnen wohl wenig, galten diese und andere rassistische Ausdrücke doch als «normal».
Und doch bin ich froh, sind wir nicht untätig geblieben, während die Postkarte im Estrich vor sich hin vegetierte. Froh, sind wir alle ein Stück weit «woke» geworden. Ein Wort, das – würde es heute nicht als Kampfbegriff missbraucht – eigentlich das Bewusstsein für soziale Unterdrückung beschreibt. Und notabene bereits in den 1940er Jahren in der afroamerikanischen Community entstand.
Können wir uns damit zufriedengeben? Mitnichten. Das Erstarken fremdenfeindlicher Bewegungen, wie wir es in Deutschland beobachten, offene Diskussionen über «Remigration», all das sollte uns auch hierzulande zu denken geben.
Vielleicht sind solche Zeitzeugen der Grund für die Angst vor dem Estrich, in dem es spukt. Verbannen wir das Gespenst der Fremdenfeindlichkeit doch dorthin. Geben wir ihm in unserer Runde keinen Platz – oder englisch ausgedrückt: «no seat at the table».
