Der erste Lockdown – eine Redaktion erinnert sich
Vier Jahre nach der Corona-Pandemie
Auf den Tag genau vor vier Jahren verkündete der Bundesrat den ersten Lockdown, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Sieben Redaktorinnen und Redaktoren denken zurück an jene Zeit.
16. März 2020. Ein Tag, an dem sich vor vier Jahren alles änderte. Die Corona-Pandemie hatte die Schweiz im Griff, der Bundesrat verkündete an einer ausserordentlichen Medienkonferenz den ersten Lockdown. Was danach folgte, waren Wochen und Monate der Unsicherheit und Ungewissheit. Massnahmen wurden beschlossen, bald einmal wieder gelockert, Grenzen waren dicht, Homeoffice und Homeschooling die Fachbegriffe für eine neue Lebenswelt. Leere Strassen, geschlossene Restaurants und Bars, gegroundete Swiss-Flugzeuge, überfüllte Krankenhäuser: Dinge, die zuvor unvorstellbar schienen, wurden zur Realität.







Vier Jahre später, nachdem Impfungen in zahlreichen Varianten verabreicht wurden und Zertifikate schon längst wieder abgelaufen sind, es aber nach wie vor Corona-Erkrankungen gibt, erinnern sich sieben Redaktorinnen und Redaktoren an ihre ganz persönlichen Geschichten aus jenen Tagen. Tagen, die zu Wochen, Wochen, die zu Monaten wurden – in einer Zeit, in der viele jegliches Zeitgefühl komplett verloren haben.
Erik Hasselberg
Aline Ilk: Verlorene Geschwindigkeit

Den schon Monate im Voraus geplanten Event an den Swiss Music Awards nach langem Hin und Her und trotz den ersten Vorschriften doch noch durchgeführt, die Geburtstagsfeier nochmals krachen lassen und ausgiebig mit Freunden und Familie gefeiert, dann übers Wochenende noch kurz einen Abstecher nach Berlin gemacht und am Montag danach für die Arbeit wieder nach Lausanne gependelt – ich war in Fahrt und mein Leben ziemlich hektisch.
Dann kam der grosse Strich durch die Rechnung: Lockdown. Plötzlich war alles ruhig, ich zu Hause und alle anderen auch. Ich musste nicht nur einen, sondern mindestens fünf Gänge zurückschalten. Irgendwie wusste ich durch die Nachrichten ja, dass es wegen Corona bald Einschränkungen geben würde, so richtig bewusst war mir das aber nicht. Erst als ich nicht mehr mit meinen Arbeitskollegen zu Mittag gegessen habe, sondern mit meinem Partner auf unserem Balkon. In diesem Moment wurde mir die Situation so langsam, aber sicher klar.
Umdenken war angesagt. Panik hatte ich keine, im Gegenteil, ich fand es gemütlich, mehr zu Hause zu sein. Obwohl es für mich einige Zeit dauerte, bis ich heruntergeschaltet hatte. Vor allem fiel es mir anfangs schwer, die Arbeit im Homeoffice nicht überborden zu lassen. Der Gedanke daran, dass wir alle im selben Boot sassen und ich nicht allein war, hat mich in dieser schwierigen Zeit dann aber irgendwie beruhigt.
Die Pandemie hat mich gelehrt, dass ich achtsamer mit meiner Zeit umgehe und allgemein weniger Stress zulasse. Wenn ich zurückdenke, bin ich noch immer nicht mit der gleichen Geschwindigkeit wie damals unterwegs. Und ich glaube, das werde ich auch nie mehr sein.
Erik Hasselberg: Ein zweites 9/11

Dieses Gefühl, dass etwas Ausserordentliches passieren könnte, es stellte sich schon einige Tage vor dem 16. März ein. Deshalb wurde auch beschlossen, nach unserem Umzug am Freitag an jenem Montag noch einmal in die Ikea zu fahren und dieses eine Möbel für die Küche zu kaufen. Dann, gerade beim Beladen des Autos, der Push auf meinem Smartphone, die Pressekonferenz des Bundesrats beginnt. Völlig starr, wie in Trance, belade ich das Auto, starre auf das Display, versuche die Worte zu verstehen im Lärm der Autos: Lockdown.
Zumindest für mich wird jener Tag immer ein zweites 9/11 sein, ein historischer Moment, der sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Was dann folgt, sehe ich heute bisweilen nur noch durch einen grauen Schleier, in der Erinnerung verschwimmt die Zeit, und man fragt sich: Wie war das nochmals mit den Massnahmen? Was wurde wann beschlossen, was wann gelockert? Welchen Test brauchte man für welches Zertifikat? Ab wann wurde geimpft? Sport und Trainings unter welchen Bedingungen, mit welchen Abständen? Ist das jetzt schon meine vierte oder erst die dritte Corona-Infektion?
Man vergisst, wie herausfordernd die Zeit für das Gesundheitssystem war, dass nicht alle im Homeoffice arbeiten konnten – auch wenn ich persönlich diese «Errungenschaft der Pandemie» nicht missen möchte.
Bettina Schnider: Das letzte Selfie der Homeoffice-Praktikantin

Am 2. März 2020 habe ich mein Praktikum beim «Tößthaler» begonnen. Genau zwei Wochen später war meine Zeit im Redaktionsbüro fürs Erste vorbei: Am 16. März rief der Bundesrat die «ausserordentliche Lage» aus – für mich hiess das, ab ins Homeoffice.
Doch genau am 17. März sollte auch eine Platane vor dem Volg in Wila gefällt werden. Der Termin war schon lange abgemacht, und der Auftrag meines Vorgesetzten war klar: «Geh vor Ort und mach ein Video mit dem Handy.»
Meine Redaktionskollegin Annabarbara Gysel musste die Baumfällaktion fotografieren und einen Artikel darüber schreiben.
Und so war mein erster Tag im Homeoffice gar nicht so schlimm. Ich traf meine Redaktionskollegin und durfte mit ihr zusammen über die Baumfällung berichten. Nach getaner Arbeit sassen Annabarbara und ich noch kurz hinten in ihr Auto und machten ein Selfie – das letzte für eine ganze Weile.
Zu diesem Zeitpunkt hätte ich wohl nicht gedacht, dass ich sie erst drei Monate später wieder im Büro sehen würde.
Der «richtige» Lockdown begann für mich also einen Tag später. Ich erinnere mich noch gut: Die ersten Tage im Homeoffice waren hart. Doch ich gewöhnte mich schnell an die Situation. Vermutlich auch deshalb, weil ich gar nicht richtig wusste, wie der normale Arbeitsalltag auf der Redaktion aussah. Ich war schliesslich eine Homeoffice-Praktikantin – und kannte es nicht anders.
Beklagen konnte ich mich nicht: Obwohl ich viele Artikel von zu Hause schrieb und mit Leuten telefonierte, anstatt sie zu treffen, hatte ich trotzdem oft die Gelegenheit, für Artikel raus an die frische Luft zu gehen.
Noah Salvetti: Das «Studentenleben» – und was davon übrig blieb

Als ich Mitte September 2019 in mein Journalismus-Studium an der ZHAW startete, hatte ich anderes im Kopf als eine drohende Pandemie, ausgelöst von einem damals noch weitgehend unbekannten Erreger. Schliesslich war ich eben erst vom St. Galler Rheintal in meine erste WG in der Stadt Winterthur gezogen. Alles war so neu und aufregend – ich war hungrig auf das viel zitierte «Studentenleben» und all die neuen Eindrücke, die mich erwarten würden.
An meinen ersten Kontakt mit dem Coronavirus kann ich mich noch gut erinnern: Das war irgendwann Ende 2019, in einer Randnotiz auf der letzten Seite einer Zeitung. Im Titel war von einer «mysteriösen Lungenkrankheit» in China die Rede. Entsprechend kalt liess mich die Meldung. Das sollte sich schnell ändern.
Spulen wir vor zum Start in mein zweites Semester an der Hochschule. Den feierten wir gebührend mit einer Semesterstart-Party im – mittlerweile geschlossenen – Club Zimmer 31. Gott, fühle ich mich alt, wenn ich diese Zeilen schreibe. Natürlich taten wir das (noch) ohne Masken, Contact Tracing oder Ähnliches. Wozu auch?
Doch damit nicht genug, wir machten sogar Witze darüber, wie wir uns jetzt vielleicht mit diesem mysteriösen Virus angesteckt haben könnten. Das änderte sich nur langsam.
Und doch merkte man, dass sich das Virus allmählich in unseren Köpfen einnistete. Doch zunächst war das inzwischen an Bekanntheit gewonnene Corona nicht viel mehr als ein scherzhafter Ausruf, wenn jemand während einer Vorlesung «pfnüselte».
Bald aber verging auch den optimistischsten Studierenden das Lachen, und so wurden wir wenige Wochen nach der Semesterstart-Party in den Fernunterricht geschickt. Dass dieser fast meine ganze Studienzeit dauern und das «Studentenleben», auf das ich hingefiebert hatte, bachab schicken würde, wollte ich damals noch nicht wahrhaben. Gut, hatte ich bis dahin schon einige Freundschaften geschlossen. Sie gehören auch vier Jahre danach noch zu meinen engsten.
Mel Giese Pérez: Ein Hoch auf den Lockdown

«Chin-chin, auf den Lockdown», prosteten mein Mitarbeiter und ich uns überglücklich zu. Die wenigen Gäste, die noch in der Bar versammelt waren, sahen uns entsetzt oder amüsiert an. Als der Lockdown ausgerufen wurde, war ich noch Bartenderin (oder Sommelière, wie ich meinen Eltern weismachen wollte) in einer schummrigen Bar im Zürcher Niederdorf.
Glauben Sie mir, ich mochte meinen Job. Sehr sogar. Als nachtaktiver Mensch konnte ich einen Lebensstil, der sich von den späten Nachmittagsstunden bis in die tiefste Nacht zog, gut vereinbaren. Das Trinkgeld war fantastisch.
Doch auf Dauer saugten diese Arbeitsbedingungen mir langsam die Seele aus dem Leib. Und ich vermisste die Sonne. Der Lockdown kam wie geschenkte Ferien daher.
Deshalb stand mir eine wundervolle Zeit bevor: Mein Alltag durfte sich wieder unter Sonnenstrahlen abspielen. Kurzarbeit sei Dank, musste ich mir wenig Gedanken ums Geld machen. So fühlte sich pure Lebensfreude an.
Ehrlicherweise genoss ich den Lockdown. Velo fahren auf den leeren Strassen hatte noch nie so viel Spass gemacht. Die Flora zeigte sich in ihrer bunten, frühlingshaften Pracht. Und ausserdem hatte ich viel Zeit.
Ich konnte faulenzen oder lesen, meine Wohnung streichen, ein neues Hobby lernen oder eine Sprache, und vor allem hatte ich eine kurze Auszeit von Betrunkenen und Mitternachtsgejohle. Die Welt war in Ordnung – für mich.
Karin Sigg: Wenn das Mami zur Frau Lehrerin wird

Vor vier Jahren waren unsere beiden Söhne neun und sechs Jahre alt. Der ältere besuchte die dritte Klasse, der jüngere den zweiten Kindergarten. So ungläubig wir Eltern uns anstarrten, als der Lockdown ausgesprochen wurde, so laut war der Jubel unserer Kinder. Denn für sie bedeutete diese Massnahme «Homeschooling» – was sie mit schulfrei gleichzusetzen schienen.
Doch ihre erste grosse Begeisterung wich bald der Ernüchterung. Denn mit dem eigenen Mami plötzlich Englisch-Voci zu büffeln, Volkslieder einzustudieren und nach Vorschrift zu schreiben, zu malen und zu multiplizieren, fanden sie alles andere als cool.
«Unser Lehrer erklärt uns das aber anders», schlich sich bald als Mantra in meine Gedankengänge. Bemüht, möglichst pädagogisch vorzugehen, zu motivieren, zu ermahnen, zu loben oder zu tadeln, war meine anfängliche Unsicherheit gross: Lernen sie genug? Was erwarten die Lehrpersonen von uns? Und wie in aller Welt richtet man einen Gruppenchat für Schulkinder ein?
Doch nach den ersten Wochen legte sich die Anspannung. Ich merkte, dass es für diese aussergewöhnliche Situation kein «richtig oder falsch» und für meinen interimistischen Lehrauftrag keine in Stein gemeisselten Ziele gibt. Unsere Buben merkten, dass sie mehr Freizeit hatten, je effizienter sie arbeiteten. Sie wurden immer kreativer, wenn es um Sporteinheiten ging, die man den Schulfreunden als Filmli zeigen konnte. Durch Gruppenchats und Telefongespräche blieben sie auch weiterhin im Kontakt mit der Schule.
Rückblickend war der Lockdown mit Homeschooling für uns zwar eine intensive, aber auch ungemein kreative und verbindende Zeit. Die uns teils mehr Disziplin, aber auch mehr Gelassenheit gelehrt hat. Und unsere Kinder werden ihren eigenen Kindern später so einiges zu erzählen haben.
Annabarbara Gysel: «Kinderübergabe» am Zoll, ein Paket zu Ostern

Geschlossene Läden sind das eine. Geschlossene Grenzen haben eine noch ganz andere Dimension. Sie sind für uns ein schlicht unvorstellbares Szenario. Und trotzdem ist es am 16. März Realität geworden. Deutschland riegelte die Grenze zur Schweiz hin ab. Wer dann keinen triftigen Grund hatte, für den gab es kein Durchkommen mehr. Und nein, Familie war nicht triftig genug.
Die beiden Kinder von meinem Mann – damals 9 und knapp 8 – leben in Deutschland. Normalerweise sind sie für «Papa»-Wochenenden regelmässig bei uns in der Schweiz – nicht aber im Frühling 2020.
Wir durften nicht einreisen, um sie abzuholen, sie durften nicht ausreisen, um uns zu besuchen. Acht Wochen lang wurde an dieser Bestimmung nicht gerüttelt. Während andere jammerten, nicht zum Coiffeur gehen zu können, vermissten wir die Kinder. Mittels Videotelefonie tauschten wir uns so oft wie möglich aus. Viel zu erzählen gab es zwar selten, aber wir genossen dieses bisschen Form von Kontakt. Als «Trösterli» für das verpasste Osterwochenende schickten wir ihnen die Schokohasen per Post. Für sie galten ja keine Reisebeschränkungen.
Dann, endlich: Die Kinder durften uns wieder besuchen. Für maximal 48 Stunden. Und nur ihnen waren Ein- und Ausreise erlaubt. Also verabredeten wir Erwachsenen uns für die «Kinderübergabe» am Zoll. Nach dem Tschüss auf der deutschen Seite watzten die Kinder mit ihren Rollköfferchen an den Zöllnern vorbei in die Schweiz. Auf dem Heimweg jeweils das gleiche Spiel.
Heute herrscht wieder Normalität, und wir fahren mit dem Auto unbehelligt über die Grenze, um die beiden – mittlerweile Teenager – abzuholen. Trotzdem bleibt ein kleiner Knoten im Bauch: Wird es auch so bleiben können?
