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Über Poulet-Preise und Klimaaktivisten

Die Redaktorin schreibt über ihre Erfahrung in einer Strassenblockade und über die Auswirkungen im ganzen Land.

Das Schöne ist, dass diese Strassen durch Landschaften führen, die magischer nicht sein könnten. (Symbolbild)

Keystone

Über Poulet-Preise und Klimaaktivisten

Tösswegs

«Gibt es das in der Schweiz auch?», fragte mich meine Cousine, obwohl sie die Antwort dazu sicher erahnen konnte. Bereits 15 Tage dauerte die nationale Blockade in Bolivien an und brachte die Wirtschaft im Land zum Stillstehen. Der Poulet-Preis war um mindestens zwei Pesos gestiegen.

An 24 Knotenpunkten wurden Autobahnen gesperrt, sodass wichtige Handelswege, wie etwa von Santa Cruz nach La Paz, nicht mehr befahren werden konnten. Mit Bauschutt, Stacheldraht, Steinen und Baumstämmen hinderten Mitglieder der sozialistischen Partei das Passieren, so dass etliche Lkw-Fahrende mit ihrer Ware irgendwo auf halber Strecke strandeten.

Wir sassen seit zwei Tagen im Auto für eine Fahrt, die eigentlich bloss 14 Stunden dauern sollte. Es hiess nämlich, dass die Blockaden aufgehoben werden würden. Wir sind darauf hereingefallen.

Die Fahrt verlief stockend. Einige Blockierungen wurden tatsächlich aufgelöst, während man bei anderen lange warten musste. Es blieb uns also nichts anderes übrig, die Zeit auszuharren und zu hoffen, dass die Strassen bald wieder freigegeben werden. Ich übte mich in Geduld – das wollte ich sowieso schon immer mal.

Eine nationale Blockade ist in Bolivien äusserst wirksam. Die Departemente, oder Kantone, sind oft bloss durch wenige Autobahnen vernetzt. Das Schöne ist, dass diese Strassen durch Landschaften führen, die magischer nicht sein könnten: schneebedeckte Berggipfel auf 3700 Metern Höhe, sattgrüne Wälder im Nebel und der tropische, bunte Dschungel. Jedoch sind somit Abschottungen wie aus dem Revolutionsbilderbuch möglich. Das Chaos ist garantiert.

Diese Form von Protest ist gang und gäbe. Den Groll gegenüber dem aktuellen (sozialistischen) Präsidenten Arce gaben die Blockade-Initianten deshalb so kund und verlangten eine Justizwahl in diesem Jahr. Die Rückkehr von Ex-Präsident Morales war in aller Munde. Über seine Zeit als Regierungsoberhaupt kann man sich streiten.

«Nein», antwortete ich ihr, «in der Schweiz machen das nur Klimaaktivisten.» Dieser Vergleich brachte mich zum Nachdenken: Würde man in der Schweiz mit 24 Blockaden den gleichen Schaden anrichten können? Oder führen in einem so bebauten Land tatsächlich alle Wege nach Rom?

Sobald man über vier Stunden an der gleichen Stelle festgehalten wird, entwickelt man ein Gefühl von Sesshaftigkeit. Man weiss, wo man etwas zu essen kriegt, wo man auf die Toilette verschwinden kann, und kennt die vielen Gesichter, die mit in der Schlange stehen.

Eine solche hatte ich noch nie gesehen. Laut meiner Berechnung musste die Schlange mindestens 40 Kilometer lang sein, von beiden Fahrtseiten her. Alle Beteiligten waren sauer. Das Volk war wütend.

Die Justizwahlen wurden von den zuständigen Behörden genehmigt, noch während wir im Stau standen. Die Initianten hatten sich Gehör verschafft, keine Frage. Nie wieder würde ich über die Methoden der Klimaaktivisten lachen. Bisher waren sie einfach noch zu wenige, um etwas erreichen zu können.

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