Können Sie nicht kurz die Bühne filmen, bitte?
Tösswegs
Schwitzige Arme und überparfümierte Körper drängten sich vor eine riesige Bühne, schaukelten, schubsten, verteidigten die Position. Je weiter vorn, desto stickiger wurde die Luft – und mein Gemüt.
Notausgänge waren zwar in der Ferne signalisiert, doch es gab nur einen mentalen Fluchtweg, um der Klaustrophobie zu entkommen: einen Blick nach oben in den dunklen Himmel. Wäre es um die Konzertbühne herum nicht so hell gewesen, dann hätte man bestimmt ein paar Sterne gesehen.
Eingequetscht zwischen Freundinnen und Fremden, wartete ich ungeduldig auf die Sängerin. Verspätung gehört leider zum guten Ton. Vielleicht war sie nervös, vielleicht hatte sie keine Lust. Nach einer halben Stunde schaffte sie es auf die Bühne. Zum Glück, denn für mich gab es damals zwei Optionen: Entweder sie kommt bald, oder ich empöre mich so lange, bis sie auftaucht. Das hätte ungemütlich werden können. Für alle Beteiligten.
Kaum drangen die ersten Melodien aus den Verstärkern, verflog meine trotzige, schlechte Laune. Sofort. Es wurde gesungen, geschrien, getanzt – ich voll dabei. Meine Augen wanderten über die Köpfe der Meute auf die imposante Szenerie. Showeffekte, Tänzerinnen und Tänzer, Scooters, Motorradhelme.
Kaum hatte das Konzert begonnen, nahmen fast alle ein Handy zur Hand. Filmten, fotografierten, publizierten «Stories» auf Instagram.
Ich war umgeben von Bildschirmen. Quer, längs, neu, zerbrochen. Jemand führte einen Video-Call. Die hat es gut, dachte ich mir. Sitzt zu Hause auf dem Sofa und ist doch «live» dabei. Ich sah jeden Winkel der Bühne, hineingezoomt oder mit Herzchenfilter.
Auf den Bildschirmen neben der Bühne konnte ich die Sängerin am besten sehen: fünf Meter gross, funkelnde Augen, Schweissperlen, die von der Stirn kugelten. Ich prophezeite mir selbst, dass in fünf Jahren keine Sängerin mehr auf der Bühne stehen wird. Wozu auch – ein Hologramm tut es doch auch, wenn ich sowieso bereits aggressiv von Elektronik umringt bin. Das war im Sommer an einem Festival.
Neulich war ich an einem Konzert eines weniger grossen Namens in der Musikszene. Meine Freundinnen und ich standen gar nicht so weit von der Bühne entfernt, und mit 1,67 Meter gehört meine Grösse zum Durchschnitt. Trotzdem sah ich nur schwindende Haaransätze. Keine Handys, keine Bühne.
Was ist denn das für ein Publikum? Kann nicht jemand mal bitte kurz das Konzert filmen?
