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Beschwipst unter Pensionierten im Jazzclub

Champagner statt Cüpli, Whisky Sour statt Vodka Mate. Wie man sich in unbekannten Kreisen trotzdem hervorragend amüsieren kann.

Ein Whisky unter der Elite. (Symbolbild)

Bild: Creator Nightcafe Studio

Beschwipst unter Pensionierten im Jazzclub

Tösswegs

«Ich habe keine Kulturlegi», log ich den Mann an der Kasse eines Jazzclubs an. Ich wollte als Erwachsene ausgehen. Eine, die keine Subventionen braucht, um den Eintrittspreis bezahlen zu können. Nach langer Zeit hatte ich mich wieder mal am Abend unter das Volk gemischt: mit neuem Lippenstift, frischem Lohn und hohen Erwartungen.

Mit dem Nachtleben hatte ich eigentlich abgeschlossen. Ich kannte es in- und auswendig: erst eine Stunde vor dem Club, dann eine weitere an der Garderobe anstehen, um anschliessend an der Bar umhergeschubst zu werden. Drink runter-«exen», Schlange stehen vor der Frauentoilette. Um sechs Uhr torkelnd behaupten, dass die Musik Müll war. Am nächsten Morgen sich für den Abend zuvor schämen. Ich hatte die Schnauze voll davon.

An der Bar des Jazzclubs bestellte ich einen Whisky Sour. Zu meiner Überraschung zahlte ich etwa die Hälfte davon, was in der Stadt Zürich so üblich ist – und das mit einer doppelten Menge Alkohol serviert. Der Abend fing schon mal hervorragend an.

Lässig stand ich am Tresen und schlürfte meinen Cocktail weg. Ich beobachtete den schicken Raum und belauschte das feine Publikum um mich herum.

Gespräche über verhunzte Opern, verpasste Chancen der Tonhalle oder den «lächerlichen Versuch des Schauspielhauses, Junge anzuziehen», amüsierten mich. Mir wurde klar, dass ich mich in einer Szene bewegte, die ich sonst nur aus satirischen Erzählungen kannte: den betagten, elitären Kulturkreis. Ein Bartender in eleganter Weste goss mir einen zweiten Whisky Sour ins Glas.

Die Hamburgische Staatsoper sei überbewertet, hiess es. Kultiviert geäusserte Kritiken der Älteren faszinierten mich. Sie konnten so zart klingen und waren giftig zugleich. Trotz meiner Begeisterung fragte ich mich, was an einem Kulturprogramm geboten werden muss, damit diese starken Kritikerinnen und Kritiker Lob aussprechen würden.

«Schweizerinnen und Schweizer sind unmöglich zufriedenzustellen», meinte einst ein befreundeter Musiker zu mir, der schon auf der ganzen Welt gespielt hatte. Auch wenn man alle musikalischen Qualitätsmerkmale übertreffe, finde die Schweiz bloss: «Isch scho ganz okay gsi.» Ich beneidete die Musiker im Jazzclub gerade nicht.

Das Konzert begann, als ich mir den dritten Cocktail holte. Die Musik fesselte mich, ich war vom Geschehen auf der Bühne überwältigt. Mein Blick wanderte von den Musikern runter zu den Gästen.

Das Publikum jubelte, pfiff ermuntert und wippte im Takt. Hinter mir schrie einer: «Das isch würkli geil!» Ich konnte seine saloppe Art kaum fassen. Doch der Senior sprach mir aus der Seele. Ich dachte mir: «Vielleicht sollte ich wieder etwas öfter ausgehen.»

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