Die zornige Stimme von Hittnau – eine Operette in drei Akten
Glosse zur Gemeindeversammlung
Es versprach ein Abend aufreibender, politischer Entscheidungen zu werden. Dann profiliert sich ein Parteipräsident, und es artete in Beifall aus. Funktioniert so Demokratie?
Was sich am Montagabend in der Hittnauer Kirche abspielte, ähnelte einem komödiantischen Stück. Höchstens zwei Stunden waren vorgesehen – es wurden drei Stunden und vierunddreissig Minuten daraus. Der Protagonist des Abends: Ralf Krummenacker, Präsident der SVP Hittnau.
Prolog
Bevor die Bühne eröffnet wurde, rutschen mehr als hundert Hittnauerinnen und Hittnauer auf den Kirchenbänken zusammen. Sie waren gerade durch den dichten Schneefall gewatet und trugen ihr Programmheft, oder die Traktandenliste, in den Händen.
Der Gemeindepräsident Carlo Hächler (FDP), sichtlich erfreut über die bemerkenswerte Anzahl der Anwesenden, sagte zuversichtlich: «Das ist Demokratie.» Da freute er sich zu früh.
Erster Akt: Wie man ein Publikum für sich gewinnt
«Ralf Krummenacker. Ich spreche im Namen der SVP», deklamierte er beim Betreten der Bühne. Mit einem USB-Stick wechselte er die Szenerie – die SVP nahm Stellung zum Budget.
Wütend äusserte Krummenacker die Bedenken der Partei. Im gleichen Atemzug zweifelte er an der Transparenz der Vermögensverwaltung und bemängelte die Kompetenzen des Verwaltungsapparats.
Die Dringlichkeit seiner Anliegen unterstrich er mit «die SVP ist kritisch» oder «wir von der SVP verlangen». Immer wieder. Er jonglierte auch gerne mit Zahlen und Statistiken, denen gerade nicht nachgegangen werden konnte.
Bis hierhin hatte sich Krummenacker als Volksbeschützer gut etabliert. Aus der Sicht der SVP wurde den Regierenden auf den Zahn gefühlt.
Gemeindepräsident Hächler liess sich kurz über die Rededauer des SVPler aus und korrigierte seine «nicht ganz korrekten» Aussagen. Dies führte zu einer geladenen Dynamik zwischen den zwei – Krummenacker trat wiederkehrend ans Mikrofon. Dieses Hin und Her zog sich in die Ewigkeit.
Warum waren keine weiteren Parteien anwesend? Konnte sich die FDP nicht zu Notfallgeneratoren, Abwassersysteme und Jugendarbeit äussern? Oder gar eine GLP? Hatte wirklich niemand anders etwas zu sagen, ausser der SVP?
Krummenacker bemerkte in einem Diskussionspunkt: «Die SVP irrt sich nicht.» Und dann passierte, was an einer Gemeindeversammlung eigentlich nicht passieren sollte. Er erntete Applaus. Krummenacker hatte die Hittnauerinnen und Hittnauer im Sack. Antagonisten gab es keine.
Zweiter Akt: Und wenn sie sowieso schon dabei sind
Es war etwa halb zehn, als es dann zu den Windrädern ging – dem zweiten Traktandum. Eigentlich hätte dies kurz gehalten werden können. Denn es war allen schon bewusst: Hittnau will keine Windräder.
Aber wenn das Publikum schon am Haken hing, konnte Krummenacker dies auch gleich in seiner anderen Rolle auskosten – als besorgter Zivilist. Einer, der die «Lebensqualität der Menschen in Hittnau bewahren wolle». Mit seiner Einzelinitiative, die besagte, dass 800 Meter zwischen Wohnbauten und Windkraftanlagen liegen sollten.
Im Schussfeld standen andere Figuren. Der kantonale Regierungsrat: inkompetent. Die Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher: arrogant – und egoistisch noch dazu. «Auf dem Üetliberg wollen sie keine Windräder, aber wir sollen sie gutheissen?» Die Antwort: Applaus. Es wurde schon regelrecht normal, dass bei Krummenacker geklatscht wurde.
Doch dann ertönte eine Stimme aus dem Hintergrund. Ein Votant, der sich gegen die Initiative stellte. Mit dem Vergleich von «Don Quijotes Kampf gegen Windmühlen» schaffte er es einiges schneller auf den Punkt zu kommen als Krummenacker.
War das nicht auch ein Grund, zu klatschen? Nein, denn auf des mutigen Votants Zwischenspiel fluteten Hohn und Spott die Kirche. Komödie oder Tragik? Und sollte nicht jemand für Ruhe im Saal sorgen? Hächler vielleicht?
Dritter Akt: Der wütende Schluss
Zwei Minuten Pause hatten zur Folge, dass noch 61 Stimmberechtigte übrig geblieben waren. Vielleicht war es die Zeit, vielleicht war es das Desinteresse. Genau. So funktioniert Demokratie. Wenns ermüdet, geht man heim.
Kein Grund, dass Krummenacker nicht noch ein letztes Mal seinen Unmut über die Missstände in der Gemeinde aussprach. Nun wieder im Namen der SVP zum übertretenen Kredit des Luppmenpark-Gestaltungsplans. Die Geschichte zog sich über zehn Jahre hinweg. Sie war kompliziert, sie wurde viel teurer als geplant.
Krummenacker forderte nicht bloss eine Entschuldigung wegen «des Verstosses gegen den Beschluss der damaligen Gemeindeversammlung», denn so müsste man keine Politik betreiben, sondern auch eine Rückweisung des Kredits. Applaus, Applaus. Nun hatte er nichts mehr zu sagen, die Wut der SVP wurde gehört.
Epilog
Es wäre nicht korrekt, zu behaupten, dass alle Stimmberechtigten mit Krummenacker einig gewesen waren. Aber es war ein Anlass, bei dem praktisch nur aus einer Ecke eine Stimme zu hören war. Das macht eine wahrheitsgetreue Einschätzung der Politik schier unmöglich.
Und genau so funktioniert Politik, wenn wir es zulassen: Wer nicht dabei ist, sagt nichts. Wer nichts sagt, wird nicht gehört. Und wer nicht gehört wird, geht unter. Ein Hoch auf die 37 Personen, die bis 23.40 Uhr geblieben sind.
