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Ferrophil wider Willen

Er will es nicht länger verleugnen: Der Redaktor findet Züge faszinierend. Gut, ist er im Tösstal damit nicht alleine.

Die Wahrscheinlichkeit, einen Ferrophilen anzutreffen, ist im Tösstal deutlich höher als anderswo in der Schweiz (Symbolbild).

Foto: Christian Merz

Ferrophil wider Willen

Tösswegs

Liebe Tösstaler, wir müssen reden. Über ein gesellschaftliches Phänomen, das in dieser schönen Gegend gehäuft vorzukommen scheint.

Die Rede ist nicht vom Besitz von 4x4-Geländewagen oder von fehlender Identifikation mit der Limmatmetropole, von der aus der Kanton regiert wird. Sondern von der Liebe zur Eisenbahn.

Egal, ob in Modell- oder Originalgrösse, mit elektrischem oder Dampfantrieb, historisch oder modern: Das Tösstal scheint so etwas wie das Schlaraffenland für Eisenbahnfans zu sein.

Wie sonst lässt sich erklären, dass für Grossereignisse wie die «Plattform der Kleinserie» fast so viele Besucher nach Bauma pilgern wie überhaupt im Dorf wohnen? Sie können aufhören, an dem Märklin-Aufkleber an Ihrer Schranktür herumzufummeln, es ist okay.

Ich schreibe diesen Text, um meine Verbundenheit mit Ihnen auszudrücken. Denn ich bin selbst einer von Ihnen – auch wenn ich es lange nicht wahrhaben wollte. Und ich muss sagen: Es tut gut, das endlich nicht mehr zu verheimlichen.

Meine Ferrophilie begann schon im zarten Alter, als ich Züge noch nicht einmal als solche benennen konnte. Die ersten Jahre meines Lebens verbrachte ich nämlich in einem ehemaligen Bahnwärterhäuschen neben den Gleisen des Bahnhofs Sargans.

Der Redaktor hat keine Lieblingslok. Ein Fakt, der im 1:1 mit einem «echten» Ferrophilen über Sieg oder Niederlage entscheiden könnte (Symbolbild).

Im Bewerbungsschreiben für meine KV-Lehre in der ÖV-Branche erwähnte ich dieses Detail als Beleg für meine Eignung, in dieser Domäne tätig zu sein. Wie das Schicksal es wollte, bekam ich die Stelle.

Ein halbes Jahr lang drehte ich als Kondukteur meine Runden im Zug, rief erst schüchtern, dann mit Bestimmtheit «Ali Billett vorwiise, bitte» durch die Wagen.

Und durfte gar – Sie müssen jetzt ganz stark sein – einen Tag lang im Cockpit mit einem Lokführer durchs Bündnerland heizen. Was noch mehr Spass machte, als ich erfuhr, dass man solche Führerstandsfahrten zu sündhaft teuren Preisen selbst buchen kann.

Während dem Durchschnittsschweizer mein Interesse für Züge zu viel ist, wäre ich unter waschechten Bahnfans der Loser.

Mein Praxisausbildner brandmarkte mich ob meiner Motivation gar als «bahnsexuell», obwohl er derjenige war, der eine Modelleisenbahn besass.

Was mich anfangs mit Scham erfüllte, trage ich heute mit Fassung – wenn auch nicht mit dem überbordenden Stolz, den «Trainspotter» – Eisenbahnfans, die stets auf der Jagd nach dem besten Zug-Foto sind – auf Instagram und Tiktok an den Tag zu legen.

Die Krux an der Sache: Während dem Durchschnittsschweizer mein Interesse für Züge zu viel ist, wäre ich unter waschechten Bahnfans der Loser, weil ich Lokomotiven nicht bei ihrer Achsformel nennen kann, noch nie auf dem Zürcher Negrellisteg war und in meinem Steckbrief keine Lieblingslok vorkommt.

Der Sozialverträglichkeit halber war ich bisher inkognito unterwegs. Und bin damit gut gefahren. Sollte sich das in naher Zukunft ändern, freue ich mich auf Nachhilfeunterricht von Ihnen. Sie wissen ja, wo Sie mich finden.

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