Geständnisse eines «Word Nerd»
Tösswegs
Wörter faszinieren mich, keine Frage. Wäre es anders, müsste ich mir wohl auch ernsthafte Gedanken machen, ob ich bei der Wahl meines Berufs nicht falsch abgebogen bin.
Als selbst ernannter «Word Nerd» ist mir deshalb klar: Der Ausdruck «Wortschatz» kommt nicht von ungefähr – tatsächlich handelt es sich dabei um einen Schatz, über den man gut wachen sollte.
Und im Gegensatz zu anderen wertvollen Dingen kann einem dieser auch leichter abhandenkommen, wenn man ihn nicht pflegt – jeder, der sein Schulfranzösisch nicht allzu oft braucht, weiss, wovon ich spreche.
Dasselbe Phänomen gibt es aber auch bei der Muttersprache. Würde ich kein tägliches Training geniessen, so bin ich sicher, würde mein Wortschatz schnell an Vielfalt einbüssen – auch wenn Sie vielleicht wenig bis gar nichts davon bemerken würden.
Und dennoch wurmt es mich, wenn Wörter verloren gehen. Oder wenn andere Ausdrücke, die mich eloquent wirken liessen, im passiven Sprachgebrauch herumlungern wie unterschätzte Fussballer auf der Ersatzbank.
Deshalb lasse ich nichts unversucht, um meinen Wortschatz nicht nur zu halten, sondern auch auszubauen. In der Berufsschule führte ich gar eine Liste mit Begriffen, die ich in meinen Texten vermehrt einzubauen versuchte.
Auch wenn ich inzwischen davon abgelassen habe, wäre es bestimmt interessant, diese mal wieder hervorzukramen, um zu sehen, ob sie ihren Zweck erfüllt hat.
Nicht nur ungemein hilfreich für «Word Nerds» wie mich, sondern auch unterhaltsam ist der Aufenthalt im Online-Duden. Hier kann man sich nicht nur an spannenden Ausführungen zur Sprachgeschichte eines Wortes ergötzen, sondern erhält regelmässig neue Wörter auf dem Silbertablett serviert.
Etwa in Form des «Wortes des Tages» – am Donnerstag, aus welchem Grund auch immer, das Adjektiv «erspriesslich». Erst kürzlich hat mich von unterhalb der Suchleiste zudem eine Auswahl neu aufgenommener Wörter angelächelt.
Aktuell buhlen dort «Weinbegleitung», «grundsympathisch», «Ernstkampf» und «sexpositiv» um die Gunst der Wörterbuchnutzer.
Wer etwas tiefer gräbt, stösst gar auf noch amüsantere Neuzugänge wie «Elterntaxi», «Funfact» und «gendergerecht». Auch wenn diese meinen Wortschatz kaum aufwerten, amüsant sind sie allemal.
Die Liste der neuen Wörter liest sich dabei wie eine Sammlung der häufigsten Wörter in Medienberichten. Je öfter Medien bestimmte neue Wörter aufgreifen, desto wahrscheinlicher scheint deren Aufnahme im Duden.
Dass da etwas dran sein könnte, bestätigt die Leiterin der Duden-Redaktion in ihrer Pressemappe. Demnach analysieren die Wörterbuchmacher den Sprachgebrauch der letzten Jahre anhand eines Korpus, der über 5,6 Milliarden (!) Wortformen enthält.
Man kann von Glück sprechen, dass ein Wort da doch sehr häufig vorkommen muss, um im Duden zu landen. Sonst hätten Wortschöpfungen von Boulevardzeitungen wohl schon längst ihren Stammplatz im Wörterbuch. Stichwort «Sex-Grüsel».
