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Ich niese, also bin ich

Helles Licht plus Redaktor gleich Niesen: Wie es sich mit einem «photischen Niesreflex» lebt.

Kein gutes Beispiel: Wenn man schon ständig niest, soll man das wenigstens in die Armbeuge tun (Symbolbild).

Foto: Unsplash

Ich niese, also bin ich

Tösswegs

Dieser Text widmet sich dem Niesen. Und nein, er ist kein neuerliches Klagelied über die Pollen, die viele unserer Mitmenschen plagen, welche den Frühling als nie enden wollende Folter für die Sinnesorgane erleben. Auch wenn das Gröbste überstanden sein dürfte: An dieser Stelle möchte ich allen Betroffenen mein Mitgefühl ausdrücken.

Heute bin ich aber egoistisch. Und freue mich darüber, nicht zur Fraktion der Pollenallergiker zu gehören. Mehr noch: Ich zeige schonungslos ehrlich auf, dass Niesen nicht für alle mit Qualen verbunden ist.

Aber nicht, indem ich Allergikerinnen und Allergikern ihr Leiden abspreche oder sie mit Phrasen wie «Hättest du in der Kindheit mal lieber mehr draussen gespielt!» abspeise. Sondern mit meiner persönlichen Erfahrung.

Immer wenn ich in grelles Licht blicke – egal, ob in die Sonne an einem schönen Sommertag oder in Richtung Schreibtischlampe im dunklen Büro –, schaltet mein Körper in den Nies­modus. Was sich mit einem scheuen Kitzeln in der Nase ankündigt, mündet in einem explosiven Nieser – und einem Schwall Erleichterung.

Das Ganze kann sich bei anhaltenden Lichtverhältnissen gut und gerne wiederholen: zweimal, dreimal, fünfmal. Für mich ist das wilde Rumniesen – natürlich immer in die Armbeuge statt in die Hand – inzwischen so normal, dass ich es vielmehr als lustig denn als lästig empfinde.

Wir sind nicht etwa einem Irrenhaus entlaufen, sondern werden von einem ‹Kurzschluss› ferngesteuert.

Bleibt bloss die Frage, ob meine Mitmenschen das auch so sehen. Obwohl mir durchaus bewusst war, dass ich nicht selten niese, wäre ich nie von allein dar­auf gekommen, dass da etwas nicht so funktioniert wie ursprünglich von Mutter Natur vorgesehen.

Immerhin: Mit meinem Schicksal, das keines ist, bin ich nicht allein. Das Phänomen hat einen Namen. «Photischer Nies­reflex». Und lässt sich sogar wissenschaftlich erklären!

Die Kurzfassung: «Trigeminus-Überempfindlichkeit». So erklärte es mir jedenfalls ein interessierter Zeitgenosse, nachdem ich ihn bei der Besichtigung eines Weinguts mehrfach mit meinem dauernden «Hatschi» belästigt hatte.

Der gängigsten Erklärung zufolge verlaufen zwei Nervenstränge, die für die Steuerung des Gesichts zuständig sind, bei einigen Menschen näher aneinander vorbei als bei anderen: der Sehnerv und der Drillingsnerv, auch als Trigeminus bekannt. Dieser ist unter anderem für die Steuerung der Nase verantwortlich.

Fällt nun plötzlich viel Licht ins Auge, übermittelt der Sehnerv so viele Reize, dass diese auf den nebenan liegenden Drillingsnerv überspringen. Das Hirn interpretiert das als Reizung der Nasenschleimhaut und leitet einen Niesreiz in die Wege.

Machen Sie mit dieser Information, was Sie wollen. Aber denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal einen wild niesenden Menschen auf der Strasse sehen: Wir sind nicht etwa einem Irrenhaus entlaufen, sondern werden von einem «Kurzschluss» ferngesteuert. Und leiden nicht darunter, sondern finden es vielleicht sogar amüsant.

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