Es muss nicht gerade mehr Wetzikon sein, aber …
Kolumne
Das Stadtparlament von Illnau-Effretikon hat wieder einmal eine Sitzung abgesagt. Das stimmt den Berichterstatter nachdenklich.
Organisiert, pragmatisch, konsensorientiert, anständig: Nach fast zwei Jahren Parlamentsberichterstattung ist mein Reservoir an positiven Adjektiven für das Stadtparlament Illnau-Effretikon auf eine beträchtliche Grösse angewachsen. Oder anders formuliert: Ich mache meine Arbeit gerne.
Im kleinen Agglomerationsstädtchen weiss man, wie man einen Parlamentsbetrieb speditiv abwickelt. Das belegt insbesondere der Vergleich mit seiner grossen, etwas kratzbürstigen Schwester in Wetzikon. Dort sind die Sitzungsabende in der Regel länger, konfrontativer und langfädiger. Die zuständige Redaktionskollegin weiss davon ein Lied zu singen.
Natürlich ist das auch eine Frage des Alters: In Wetzikon wird seit neun Jahren im Parlament politisiert, in Illnau-Effretikon fast seit einem halben Jahrhundert. Längst wissen hier auch die Pol-Parteien, wo die Ideologie aufhört und wo die Lebenswelt der Bürgerinnen und Bürger beginnt.
Dieser kultivierte Konstruktivismus ist wertvoll, kann aber auch gefährlich werden. Dann nämlich, wenn der Betrieb einschläft. Wenn immer weniger parlamentarische Vorstösse eingereicht werden, wenn die Kommissionen lange über den Anträgen des Stadtrats brüten.
Wo ist der parlamentarische Aktivismus?
Genau das ist in Illnau-Effretikon passiert: Mit der Absage der Parlamentssitzung von heute Donnerstagabend ist bereits der vierte von acht Terminen seit dem Beginn der Legislatur im Sommer 2022 wegen mangelnden Gesprächsstoffs ins Wasser gefallen.
Das ist eine Entwicklung, die irritiert. Schliesslich ist mit der Wahl in ein Parlament auch der Auftrag verbunden, für sein Elektorat zu kämpfen und der Stadtregierung Feuer unterm Hintern zu machen. Dazu braucht es aber: Sitzungen.
Gefordert ist also wieder vermehrt parlamentarischer Aktivismus. Es muss ja nicht gerade mehr Wetzikon sein. Aber wenn ich am 25. Mai und dann vielleicht sogar auch am 15. Juni zur Besprechung der Jahresrechnung noch zweimal in diesem Amtsjahr aus dem Stadthaussaal berichten könnte, würde mich das freuen.
In diesem Fall wäre übrigens mit sechs von zehn Sitzungen immerhin mehr als die Hälfte aller angesetzten Termine wahrgenommen worden. Quasi ein versöhnlicher Abschluss mit Luft nach oben – darauf liesse sich aufbauen.
