Abfall verschwindet durch die Steckdose
Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass in den Zügen der S26 immer mehr Abfalleimer durch Steckdosen ersetzt werden? Auch auf anderen Linien ist diese Entwicklung zu beobachten. Schleichend wird eine Art «Service public» abgebaut.
Dafür befriedigen die SBB andere, neue Bedürfnisse. Ich war auch schon froh, dass ich mein Smartphone im Zug aufladen konnte. Dies ist der Preis, den wir für die ständige Erreichbarkeit zahlen. Woher der Strom kommt, ist mir egal. Hauptsache, ich kann wieder auf dem Handy «töggelen» und wischen.
Während noch unklar ist, wie wir den Strom der Zukunft produzieren, steht eines fest: Der Abfallberg wird weiterwachsen. Vielleicht kommt bald eine App auf den Markt, mit der Abfall via Steckdose entsorgt werden kann.
«Heute versuchen wir mit Bussen, das überhandnehmende Littering zu bekämpfen.»
Unsere Gesellschaft verändert sich und damit auch unsere Gewohnheiten. Zerrissene Hosen gingen gar nicht. Heute werden sie bereits kaputt verkauft und erst noch zu einem stolzen Preis. Abfall einfach wegwerfen ging gar nicht. Heute versuchen wir mit Bussen, das überhandnehmende Littering zu bekämpfen.
Für viele ist es klar, dass sie die Verpackung des Sandwiches oder die Folie des Schoggistängeli entweder im Abfalleimer im Zug direkt entsorgen oder gar mitnehmen. Für andere spielt es keine Rolle, wo sie ihren Abfall liegen lassen.
Sei es im Zug, auf der Strasse, im Wald oder in den Bergen. Irgendjemand wird ja alles wegräumen. In Turbenthal sind es unter anderem Freiwillige, welche sich auf bestimmten Strecken um die Sauberkeit kümmern. All diesen Helferinnen und Helfern gebührt unsere Anerkennung und unser Dank.
Ganz krass erlebten wir diese neue Bequemlichkeit am Neujahrstag. Die prächtigen Bilder der Raketen waren schon längst am Himmel verschwunden. Nur die ausgebrannten Hüllen blieben zurück.
«Noch nie haben wir so viel gelesen und gehört über Umweltverschmutzung.»
So auf dem Parkplatz bei der Migros oder an anderen Orten in Turbenthal. Die Sauerei haben andere beseitigt. Müsste hier nicht gelten: Nach dem Vergnügen das Aufräumen? Was läuft da falsch? Noch nie haben wir so viel gelesen und gehört über Umweltverschmutzung. Und es scheint wenig zu fruchten.
Sind es die Eltern, welche Werte wie Sauberkeit, Rücksichtnahme ihren Kindern nicht mehr vermitteln? Oder ist es einfach der zunehmende Egoismus, die allgemeine Gleichgültigkeit? Ich weiss es nicht. Mich überkommt einfach eine grosse Wut. Littering ist eines unserer grösseren Probleme.
Achten Sie sich einmal, wie viele Zigarettenstummel beim Gleis 2 in Winterthur am Boden liegen. Die SBB stellen immer mehr Aschenbecher auf. Diese sind randvoll, vielfach mit Müll verstopft.
Vor dem Einsteigen noch einmal tief Inhalieren und dann weg mit der Zigarette. Dabei sind Zigarettenstummel extrem robust und benötigen dadurch zwischen 10 und 15 Jahre, um in der Natur vollständig zu verrotten.
«Während früher vieles im Haushaltkehricht landete, trennen wir heute systematisch.»
Wo (Abfall-)Berge sich erheben! In Turbenthal führen wir seit über 20 Jahren akribisch eine Abfallstatistik. Die gesammelten Mengen lassen sich so gut vergleichen. Während früher vieles im Haushaltkehricht landete, trennen wir heute systematisch.
Die gesammelte Menge müsste also über die Jahre kontinuierlich abnehmen. Dem ist aber nicht so. Produzierten wir 1999 noch 128 kg Haushaltabfälle pro Kopf, so liegt der Wert 2020 bei 234 kg. Also fast eine Verdoppelung.
Daneben sammeln wir Glas, Dosen, Blumentöpfe, Metall, Zeitungen, Plastik, et cetera separat. Zählen wir die gesamte gesammelte Menge pro Kopf, macht dies in 324 kg pro Kopf aus.
«Am Schluss wundern wir uns über den liegengebliebenen Abfall.»
Spannend ist auch die Entwicklung beim Karton. 1999 wurden 4000 kg separat gesammelt, 2020 waren es fast 90 Tonnen. Wo (Abfall-)Berge sich erheben. In anderen Bereichen redet man schnell von «niederschwelligen Angeboten». Beim Abfall machen wir das Gegenteil.
Die SBB montieren die Abfalleimer im Zug ab. Wir stellen Abfallkübel mit engen Schlitzen auf. Nicht, das noch einer seinen Abfallsack illegal entsorgt. Am Schluss wundern wir uns über den liegengebliebenen Abfall im Zug oder an der Töss.
Wichtig ist daher eine Sensibilisierung, wie der wertvolle Abfall richtig getrennt und wieder verwertet wird. Damit sich die Berge wieder abbauen.
(Heinz M. Schwyter)
Heinz M. Schwyter ist Unternehmer für Strategie, Organisation, Digitalisierung und Interimsmanagement. Er ist wohnhaft in Turbenthal, dort Gemeinderat und steht dem Ressort Tiefbau und Werke vor.

