Meinung

Von Fehlern

In ihrem ersten Standpunkt setzt sich Viviane Kägi mit den vielen Verordnungen und ungeschriebenen Normen in der Schweiz auseinander – und den Freiheiten, die trotzdem bleiben.

Von Fehlern

«Nirgendwo kann man so viel falsch machen wie in der Schweiz», zitiert das Landesmuseum in Zürich die Schweizer Autorin Milena Moser.

Das Schöne an der aufgeblähten Schweizer Verfassung, den unzähligen Gesetzen, dutzenden Verordnungen und tausenden ungeschriebenen Normen – wir haben dennoch viele Freiheiten und können selbst Einfluss nehmen.

Jeden Tag können wir uns entscheiden, etwas richtig zu machen, etwas falsch zu machen oder etwas richtig falsch zu machen. Ein paar Schweizer Beispiele:

Vom Stimmen

Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung. Mitbestimmen, fremdbestimmen lassen, zustimmen, dagegenstimmen – viele potenzielle Fehler, viermal im Jahr von neuem begehbar. Der einzige Fehler jedoch ist das Nicht-Stimmen. Stimmt’s?

Das Mitbestimmungsrecht muss gebraucht werden, auch wenn man nicht immer mit der besten Freundin, dem Partner, dem Opa oder der Dozentin übereinstimmt.

Einige sind noch verstimmt von den Abstimmungen letzten Sonntag, andere bereits am Vorherbestimmen der Abstimmungen im Mai. Wer soll da noch den Überblick behalten über richtig oder falsch?

Vom Stehen

Schweizerinnen und Schweizer dürfen nicht nach 7 Uhr aufstehen, besonders nicht an Wochentagen. Doch sollten wir alle, die nicht aus den Federn kommen, verstehen.

«Wehe, wir machen nicht das Beste aus dem Tag, Tag für Tag, sonst werden wir stehengelassen.»

Vor den Türen des übervollen Pendler-Zuges müssen wir anstehen, genauso wie vor der Migroskasse am Hauptbahnhof (immer) – alternativ können wir auch am Autokreuz Brüttisellen im Stau stehen.

Dabei könnten viele zu Hause vor dem Computer bereitstehen und könnten ihre Mitarbeitenden trotzdem nicht ausstehen. Nebenbei eine Ausbildung absolvieren, das Bestehen dieser mit Bestnote ist Pflicht. Wehe, wir machen nicht das Beste aus dem Tag, Tag für Tag, sonst werden wir stehengelassen.

Vom Sorgen

Am Samstagmorgen Einkäufe besorgen, bitte Bio und direkt ab Hof. Dabei gleich noch den Karton entsorgen und die Kratzer am Knie des Enkels erstversorgen.

Die Grossmutter umsorgen und mit Blumen beschenken, gleich an die Vorsorge erinnert werden und dann doch die Bankunterlagen zum 3a-Konto wieder im Ordner versorgen.

Fürsorgebriefe vom Roten Kreuz erhalten, sich Sorgen um die Zukunft und die armen Kinder in fernen Ländern machen und dann besorgt die Briefe doch wieder in die Altpapiersammlung geben. Dort werden dann die Sorgen entsorgt – und rezykliert natürlich.

Vom Fahren

Auf etwas abfahren, okay. Aber bitte nicht auf Heavy Metal. Den Gotthardstau umfahren, zählt nicht, das Ferienerlebnis geht dann flöten. Man könnte sich ja verfahren, wie peinlich!

Etwas Neues erfahren und dann trotzdem fortfahren wie bisher? In der Schweiz kein Problem. Bei Diskussionen unter Männern als Frau dazwischenfahren, gar aus der Haut fahren – nicht doch! Es sei denn, die Situation ist sowieso verfahren.

Vom Geben

«Geben ist seliger als nehmen.» Ausser man gibt auf. Oder gibt den Löffel ab. Oder gibt zu viel Geld aus. Manchmal ergeben sich im Leben neue Möglichkeiten des Gebens.

Dafür müsste man sich aus der Comfort-Zone begeben. Mit der neuen Chance jedoch keinesfalls angeben, ausser bei den Nachbarn. Besser einen ausgeben. Dabei lieber nicht den Tarif am Stammtisch durchgeben, dann doch eher klein beigeben!

Und vom Nehmen

Die Partnerin, den Partner ernst nehmen. Annehmen, wie er/sie ist. Dennoch unterstützen beim Abnehmen, selbst dafür zunehmen. Weil jemand ja das eingekaufte Dessert zu sich nehmen muss.

Die Kritik der Chefin annehmen, die Verbesserungspunkte (gespielt) freudig aufnehmen, dann den Vorgesetzten im Kopf auseinandernehmen. «Du hast ja gut reden…» Aber man muss sich ja benehmen.

«Nicht in der Schweiz, hier sollte man sich selbst nie zu wichtig nehmen.»

Das Kind zu Hause beschwert sich: Warum müssen wir Ernährungslehre durchnehmen? Und warum muss die Schule einen solchen Platz im Leben einnehmen?

Manchmal sollte man sich herausnehmen, sich um sich selbst kümmern – sich etwas vom Kuchen nehmen. Doch nicht in der Schweiz, hier sollte man sich selbst nie zu wichtig nehmen.

Vom Glück, in der Schweiz zu leben

Milena Moser – Sie erinnern sich an das Anfangszitat – konnte zu Beginn keinen Verlag finden für ihre Bücher. Also hat sie kurzerhand einen eigenen Verlag gegründet.

Das ist das Schöne in der Schweiz: Trotz allen Regeln und Richtlinien, sind wir (relativ) frei in unseren Entscheidungen und frei, neue Wege zu gehen.

Und falls uns Gesetze stören und Politikerinnen und Politiker nerven: Gehen wir einfach abstimmen und stellen uns zur Wahl. So einfach geht das – zum Glück!

(Viviane Kägi)
 

Viviane Kägi ist in Neubrunn, Turbenthal aufgewachsen. Sie ist Sekundarlehrerin und Präsidentin der GLP Tösstal.

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