Volksschule kann sich Absenz der Männer nicht länger leisten
An der Primarschule unterrichten heute weniger als zwanzig Prozent Männer. Wie Umfragen zum chronisch gewordenen Lehrermangel zeigen, ist es nicht primär der Lohn, der abschreckend wirkt. Der Einstiegslohn ist in den meisten Kantonen durchaus konkurrenzfähig zu Berufen mit ähnlich langer Ausbildung.
Vielmehr scheint das stark veränderte Lehrerbild bei vielen Männern stärker als bei Frauen Zweifel an der pädagogischen Aufgabe ausgelöst zu haben. Die Vorstellung, als geduldiger Begleiter Kinder oder Jugendliche zu betreuen und nicht mehr als unternehmungslustiger Kapitän das Klassenschiff zu führen, schreckt viele ab.
Dieses pädagogische Freiheitsgefühl, verbunden mit starker sozialer Verantwortung, hat lange Zeit den Lehrerberuf geprägt. Lehrersein erlaubte eine gewisse Unabhängigkeit im Denken, eine Offenheit in der Gestaltung des Schullebens und einen kritischen Geist in gesellschaftlichen Fragen.
Doch diese Freiheiten sind durch zu viele detaillierte Vorgaben abgebaut worden. Lehrpersonen müssen sich heute an engmaschige Kompetenzanforderungen halten und verzweifeln fast ob der Fülle der Lehrplanziele. Dazu kommen unzählige organisatorische Absprachen und ein bürokratischer Berufsauftrag.
Offensichtlich haben Männer stärker als Frauen auf diese Entwicklungen reagiert und in manchen Fällen der ganzen Pädagogik den Rücken zugekehrt.
Die Politik muss die Lehrerrolle ernsthaft hinterfragen, wenn sie wieder mehr Männer in den Beruf zurückholen will. Methodenfreiheit und ein offener Wettbewerb didaktischer Ideen dürfen nicht nur auf dem Papier bestehen. Auch endlose Beratungsgespräche über verhaltensauffällige Schüler statt konsequenter erzieherischer Entscheide sind nicht das, was zur Attraktivität des Berufs beiträgt.
Offensichtlich haben Männer stärker als Frauen auf diese Entwicklungen reagiert und in manchen Fällen der ganzen Pädagogik den Rücken zugekehrt. Doch auch viele Frauen sind gar nicht zufrieden, dass Nebensächliches und Administratives das Unterrichten in den Hintergrund gedrängt hat.
Erschwerte Klassenführung als Folge aufgesplitterter Unterrichtspensen
Nur noch eine Minderheit der Klassenlehrpersonen unterrichtet heute mit einem vollen Pensum. Dieses passt vom Ausbildungsprofil her oft nicht für eine unkomplizierte Zusammenarbeit in einem kleinen Team. Muss eine Lehrperson aufgrund eines zu schmalen Ausbildungsprofils an mehreren Klassen unterrichten, wird der Aufbau intensiver Lernbeziehungen schwierig. Es fehlen die zusammenhängenden Unterrichtsblöcke für eine effiziente Gestaltung des Unterrichts.
Die Aufteilung des Bildungsprogramms einer Klasse auf mehrere Köpfe galt noch vor Kurzem als pädagogischer Fortschritt. Jeder Schüler und jede Schülerin sollte im Leben die Chance erhalten, in einem Team von mehreren Lehrpersonen jemandem mit passender Wellenlänge zu begegnen.
Mit der Konzentration auf ein schmaleres Ausbildungsprofil sollten die Fachkompetenzen erhöht werden. Zudem erhoffte man sich von einer Entwicklung in Richtung Fachlehrersystem grosse didaktische Fortschritte innerhalb der Schulkulturen. Dabei merkte man zu spät, dass mit den aufgeteilten Pensen weit gewichtigere Nachteile in Kauf genommen wurden.
Klassen, die von einem Dutzend Lehr- und Fachpersonen unterrichtet werden, sind meist schwerer zu führen. Vom Spirit des Modells mit einer hauptverantwortlichen Klassenlehrperson geht so viel verloren. Dieser Verlust an pädagogischer Ausstrahlung hat dem Ansehen des gesamten Berufsstands sicher geschadet und muss nun mühsam durch eine Aufwertung der Klassenlehrerrolle korrigiert werden.
In einer modernen Schule spielt der Teamgedanke zweifellos eine grosse Rolle. Grundlegende pädagogische Ideen können im kleinen Kreis diskutiert und deren Umsetzung mitverfolgt werden. Heilpädagoginnen und Fachkräfte aus verschiedenen Bereichen sind unverzichtbare Helfer für das Wohl der Kinder. Doch Eltern wollen stets wissen, wer denn in einer Klasse für ihr Kind hauptverantwortlich ist.
Klassenlehrpersonen haben eine zentrale Funktion im Schulsystem
Aktuell tut man sich noch immer schwer, die Stellung der Klassenlehrpersonen durch gezielte Entlastungen und Änderungen in der Lehrerbildung entscheidend zu verbessern. Gegen die Aufsplitterung der Pensen wird zu wenig unternommen, obwohl allen klar ist, dass die Klassenlehrpersonen das Rückgrat unserer Volksschule bilden.
Der Lehrermangel kann längerfristig nur behoben werden, wenn es gelingt, wieder mehr Männer und Frauen von der Attraktivität des Lehrerberufs zu überzeugen. Das setzt aber ein Lehrerbild voraus, das die Freiheiten im Beruf sowie die Führungsverantwortung für eine Klasse hervorhebt. Lehrerinnen und Lehrer wollen nicht einfach nur Ausführende von Bildungsplänen sein und dienstbefliessen Bildungswünsche von allen Seiten erfüllen.
Wer eine Klasse engagiert führt, möchte ohne organisatorische Hektik mit Begeisterung wesentliche Inhalte vermitteln und sich Zeit für die anvertrauten Schülerinnen und Schüler nehmen können. Für diesen pädagogischen Anspruch braucht es eine Kurskorrektur in der Bildungspolitik. Hanspeter Amstutz
Hanspeter Amstutz aus Fehraltorf ist ehemaliger Bildungsrat, Kantonsrat (EVP) und pensionierter Real- und Sekundarlehrer.

