«Mein Vater verbrachte 275 Stunden mit dem Mörder seines Vaters»
Dieser Text erschien erstmals im Oktober 2019. Die Züriost-Redaktion präsentiert eine Auswahl der besten Porträts und Geschichten des Jahres 2019, um Ihnen die Festtage zu versüssen.
Alon Less ist ein offener Mensch. Offen gegenüber allen Menschen, Kulturen und Religionen, wie er sagt. Das müsse er sein, mit seiner Lebensgeschichte. Der 69-Jährige, der seit dem Jahr 2008 in Fehraltorf lebt, ist der Sohn von Avner Werner Less – einem israelischen Diplomaten und Polizeioffizier, geboren in Deutschland, der in den 1960er Jahren den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann verhörte. Adolf Eichmann organisierte während des Zweiten Weltkriegs die Deportation der europäischen Juden in die Vernichtungslager und war mitverantwortlich für den Tod von schätzungsweise sechs Millionen Menschen (siehe Box).
Während des Verhörs schrieb Avner Werner Less seine Eindrücke, Erinnerungen und Gedanken nieder. Die deutsche Autorin Bettina Stangneth vervollständigte diese später und veröffentlichte die Dokumentation rund um das Eichmann-Verhör in einem Buch mit dem Titel «Lüge! Alles Lüge!».
Avner Less’ Sohn Alon wurde in Israel geboren. Er half bei der Fertigstellung des Buches. Immer wieder hält er Vorträge und schildert, wie der Holocaust und Adolf Eichmann das Leben seines Vaters und seiner ganzen Familie verändert hat. Der nächste Vortrag findet am kommenden Mittwoch in Fehraltorf statt.
Am Mittwoch, 21. August, hält Alon Less in Fehraltorf einen Vortrag über seinen Vater, seine Familie und die Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust. Organisiert wird die Veranstaltung vom Demokratischen Gemeindeverein Fehraltorf. Beginn ist um 19.30 Uhr, die Veranstaltung findet im Heiget Huus statt.
Alon Less nimmt am Esstisch Platz. Vor ihm liegt das Buch seines Vaters, versehen mit vielen bunten Post-Its. Er spricht ruhig aber sicher, als er von seinen Erlebnissen zu erzählen beginnt.
«Ich war zehn Jahre alt, als wir in der Schule über das Radio Prozesse rund um den Zweiten Weltkrieg mitverfolgten. Wir haben den Krieg nicht miterlebt, was es schwierig für uns machte, diesen zu verstehen. Als ich von der Schule nach Hause kam, hatte ich natürlich viele Fragen. Woher kam der Judenhass? Woher kamen all die bösen Menschen? Wo waren unsere Soldaten, warum hat niemand etwas dagegen unternommen? Waren diese Menschen, über die im Radio berichtet wurde, der Grund, dass meine Grosseltern gestorben waren? Meine Mutter Vera hat darauf reagiert, indem sie uns vor allem schöne Erlebnisse ihrer Jugend in Deutschland schilderte. Sie meinte, alle anderen Geschichten würden wir erfahren, wenn wir älter sind. Später erfuhr ich von ihr dann, dass ihre Mutter, also meine Grossmutter, durch fast ganz Europa geflüchtet war, bevor sie im damaligen Jugoslawien aufgegriffen wurde und in einem Konzentrationslager umkam. Von meinem Vater habe ich fast nichts erfahren, weder über die Familie noch den Krieg. Viele Jahre später, als ich das Archiv für Zeitgeschichte an der ETH in Zürich besuchte, fand ich seine Tagebücher. Und was darin stand, schockierte mich.»
Alon Less macht eine Pause, um einen Schluck Kaffee zu trinken und einzuatmen. Er wirkt gefasst, aber auch betroffen.
«Mein Vater arbeitete als Polizeioffizier im israelischen Staatsdienst und vertrat Israel öfter auch im Ausland. 1960 erhielt er den Auftrag, die Verhöre von Adolf Eichmann zu leiten. Das kostete ihn viel Überwindung. Meine Familie litt während des ganzen Kriegs unter dem Judenhass, Eichmann war verantwortlich für die Ermordung meines Grossvaters Julius Less. Mein Vater verbrachte insgesamt 275 Stunden mit dem Mörder seines Vaters und dem von Millionen anderer Juden auf engstem Raum. Ich konnte es damals nicht richtig einordnen, aber ich merkte, dass er mit sich gerungen hatte. Es war schwierig für ihn, gegenüber Eichmann höflich zu bleiben – ihm war aber wichtig, keinen Hass zu entwickeln. Dieser hätte ihn nicht weitergebracht. Viele seiner Kameraden konnten diese Einstellung nicht verstehen und waren verärgert über seine Art des Verhörs.»
«‹Holocaust›, ‹Schindlers List›, ‹Der Pianist› – ich habe jeden dieser Filme begonnen und keinen bis zum Schluss geschaut.»
Alon Less, Sohn von Avner Werner Less
2007 erschien der Film «Eichmann». Dieser behandelt einerseits die Geschichte Eichmanns, anderseits auch die von Avner Werner Less und zeigt, wie sich Kameraden von Avner Werner Less gegen ihn auflehnen.
Alon Less schüttelt, fast schon verständnislos, den Kopf. «Dieser Film stellt viele Fakten und Situationen meiner Familie falsch dar. Ich habe mir überlegt, dagegen vorzugehen.» Aufgrund des Aufwands und der möglichen Kosten habe er dann davon abgesehen. Allgemein falle es ihm schwer, Filme, in denen es um den Zweiten Weltkrieg oder den Holocaust geht, zu schauen. «‹Holocaust›, ‹Schindlers List›, ‹Der Pianist› – ich habe jeden dieser Filme begonnen und keinen bis zum Schluss geschaut.» Er habe darunter gelitten. Auch heute geht ihm das Thema nahe. Alon Less ist den Tränen nahe, als er weiter spricht.
«Trotz dem Unverständnis seiner Kameraden hat mein Vater an seiner Verhörtaktik und seinen Prinzipien festgehalten. Er fand die Kraft, das Verhör auf menschliche Art und Weise durchzuziehen – sicher auch dank der Unterstützung, die er von meiner Mutter erhielt. Meine Eltern verband eine märchenhafte Liebe. Sie halfen sich im Leben, immer und in jeder Situation. Als meine Mutter an Kinderlähmung erkrankte, war mein Vater eine grosse Stütze. Umgekehrt unterstützte meine Mutter meinen Vater in allen Belangen, die das Eichmann-Verhör betrafen – egal, was andere sagten. Zusammen versuchten sie uns Kindern, also mir und meiner Schwester, ihre Prinzipien mit auf den Weg zu geben. Sie lehrten uns, nicht zu hassen und niemals Rachegelüste zu hegen. Dafür bin ich bis heute dankbar.»
Avner Werner Less stirbt 1987 in Zürich. Alon Less ist zu diesem Zeitpunkt 38 Jahre alt und fasst den Entschluss, sich von der Geschichte seines Vaters, vom Holocaust und vom Zweiten Weltkrieg zu distanzieren. «Ich wollte nichts mehr damit zu tun haben, wollte irgendwie abschliessen.» Das funktionierte – bis er im Jahr 2011 von einem israelischen Journalisten kontaktiert wurde, der aufgrund alter Dokumente gerne ein Interview mit Alon Less über seinen Vater führen wollte.
«Er wies mich auf all die Dokumente hin, die im Archiv für Zeitgeschichte gelagert waren. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe zugesagt. Im Archiv bin ich dann auf das Buch ‹Eichmann vor Jerusalem› gestossen, geschrieben von Bettina Stangneth. Während des Lesens wurde mir klar, dass ihre Eindrücke von Eichmann ähnlich waren wie jene, die mir mein Vater geschildert hatte. Deshalb nahm ich Kontakt zu ihr auf. Gemeinsam schufen wir dann, vor allem aus Notizen, die mein Vater hinterlassen hatte, das Buch ‹Lüge! Alles Lüge!›, das eine Art Aufzeichnung des Verhörs sowie auch ein wenig eine Familiengeschichte ist.»
«Eine Katastrophe wie der Holocaust darf nicht in Vergessenheit geraten.»
Alon Less, Sohn von Avner Werner Less
Neben den Juden wurden auch Roma und Sinti sowie Homosexuelle von den Nazis verfolgt. Ausgehend von diesem Schema gehört Less gewissermassen im doppelten Sinne einer Minderheit an: Mit 16 Jahren merkt er, dass er sich von Männern angezogen fühlt. Jüdisch und homosexuell, führte diese Kombination in der Nachkriegszeit nicht zu Problemen?
«Ich ging immer offen damit um, hatte keine nennenswerten Schwierigkeiten deswegen. Mein Vater machte sich zu Beginn Sorgen, weil Homosexuelle zur damaligen Zeit erpressbar waren. Ich stand und stehe aber immer zu meiner Sexualität. Überhaupt gehört Offenheit gegenüber Unbekanntem zu den Dingen, die ich von meinen Eltern lernte. Respekt ist für mich das A und O. Man kann jemanden nicht mögen, muss diese Person aber trotzdem respektieren.»
Trotz den Prinzipien, die ihn seine Eltern gelehrt haben, und einer gewissen Akzeptanz für das Geschehene, habe er sich hin und wieder die Frage «Was wäre wenn…» gestellt. Was wäre, wenn seine Eltern damals auf der Täterseite gestanden hätten? Wie wäre sein Leben heute?
«Es ist eine schwierige Frage. Eine Antwort darauf habe ich noch nie gefunden. Wichtiger, als diese Frage zu beantworten, ist mir aber, mit den Menschen über das Geschehene zu sprechen.»
Alon Less hat diverse Mahnmale in Berlin, München und Jerusalem besichtigt. «Das tat weh. Die Erinnerung an meine Familie und alle Juden, die ums Leben gekommen waren, schmerzte.» Das Vernichtungslager Auschwitz hat er bisher nicht besucht. Er habe Angst vor seiner eigenen Reaktion. Auf die Frage, ob er Wut verspürt, wenn er daran denkt, was seiner Familie widerfahren ist, folgt längeres Schweigen.
«Wütend bin ich nicht. Das darf man nicht. Man muss die Geschichte kennen, ja. Aber man kann keiner Generation, die danach kam, einen Vorwurf machen. Der Holocaust beschäftigt mich, noch immer. Meine Mutter sagte mal: Deutschland verzeihen? Ja. Vergessen? Nie! Wenn ich das heutige Weltgeschehen beobachte, habe ich Angst, dass die Menschheit nichts aus der Geschichte gelernt hat. Die Aufstände in Hongkong, die Flüchtlingskrise in Europa, die Unterdrückung von Minderheiten – es sind Krisen im Gange, die gefährlich sind. Ich habe Angst, dass irgendwann ein Dritter Weltkrieg ausbricht. Eine Katastrophe wie der Holocaust darf nicht in Vergessenheit geraten. So etwas könnte jederzeit wieder passieren.Und ich hoffe zutiefst, dass ich mich irre.»
Der Holocaust, Adolf Eichmann und Avner Werner Less
Während der Zeit des Nationalsozialimus und des Zweiten Weltkriegs leitete Adolf Eichmann das «Eichmannreferat». Dieses war die zentrale Dienststelle des Reichsicherheitshauptamtes, das die Vertreibung und Deportation der Juden in Europa organisierte. Eichmann unterstanden die Koordination sämtlicher Transporte, die Fahrpläne und die Auslastung der Eisenbahnzüge, die die Juden in Ghettos oder Konzentrationslager transportierten. Damit war er einer der Hauptverantwortlichen für die Enteignung, Deportation und Ermordung von rund sechs Millionen Juden. Als der Krieg vorbei war, flüchtete Eichmann und versteckte sie während den darauffolgenden Jahren unter verschiedenen Namen. 1960 wurde Eichmann in Argentinien vom Israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad entführt und nach Israel gebracht, wo Avner Werner Less vom Staate Israel mit dem Verhör beauftragt wurde. Nach einem mehrmonatigen Verhör und Prozess wurde er am 15. Dezember 1961 zum Tode verurteilt und am 1. Juni 1962 in Israel erhängt. Eichmann ist der bislang einzige Mensch, der nach einem Gerichtsverfahren der israelischen Justiz zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. (Quelle: Wikipedia)