In Uster entstand ein Wohnhaus gegen die Einsamkeit
Die Alterssiedlung Rehbühl in Uster ist auf die Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnitten ist, ohne dabei den Charakter von klassischen Alterswohnungen zu vermitteln.
Das Thema Wohnen im Alter gewinnt in der Schweiz zunehmend an Bedeutung. 2035 wird voraussichtlich ein Viertel der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Viele dieser Menschen möchten möglichst lange autonom leben. Das bedeutet: in den eigenen vier Wänden zu bleiben, selbst zu kochen und den Haushalt zu erledigen. Je nach Haus oder Wohnung stellt das die Bewohnenden vor grosse Herausforderungen.
Treppenstufen, hohe Schränke oder der Einstieg in die Badewanne können bei gesundheitlichen Problemen rasch zu unüberwindbaren Hindernissen oder sogar zu Gefahrenquellen werden. Abhilfe schaffen kann ein Umbau oder der Umzug in eine altersgerechte Wohnung. Mit der demografischen Entwicklung wird solcher Wohnraum in Zukunft noch wichtiger.
An der Rehbühlstrasse in Uster entstand vor gut zwei Jahren zusätzlicher Raum für das Wohnen im Alter. Zwischen der Berufswahlschule Uster, einem kleinen Waldstück und Einfamilienhaussiedlungen thront auf einem prägnanten Sockelgeschoss aus Beton ein längliches, in die Topografie eingebettetes Gebäude, das sich trotz seines Volumens harmonisch in die Umgebung einfügt.
Hinter der unaufgeregten, dunkelgrünen Eternit-Fassade mit rosafarbenen Akzenten, grosszügigen Fensterfronten und gemütlichen Loggias entstanden 54 Wohnungen mit zweieinhalb und dreieinhalb Zimmern. Bauherrin und Besitzerin der Liegenschaft ist die Genossenschaft Sonnenbühl. Sie fusionierte im letzten Jahr mit der Gewo Züriost und setzt sich für bezahlbaren Wohnraum für ältere Leute ein.
Vom Altbau zum zeitgemässen Ersatzneubau
Bis zum Baustart 2021 stand an der Adresse ein klassischer rosaroter Bau aus den 1970er-Jahren. Die in die Jahre gekommene Alterssiedlung entsprach mit kleinen Studios und Einzimmerwohnungen, vielen Schwellen und winzigen Nasszellen nicht mehr dem heutigen Standard für das Wohnen im Alter. «Der strukturelle Mangel am Gebäude war so gross, dass eine Sanierung keinen Sinn gemacht hätte. Darum hat man sich für einen Ersatzneubau entschieden», sagt Thomas Wölfel, Architekt und Partner bei Neff Neumann sowie Leiter des Projekts Rehbühl.
Das Zürcher Architekturbüro gewann 2014 den ausgeschriebenen Projektwettbewerb. Dieser umfasste neben dem Neubau der Alterssiedlung auch eine Schulraumerweiterung der Berufswahlschule Uster auf dem angrenzenden Grundstück.
«Ursprünglich planten wir Synergien in der Nutzung gewisser öffentlicher Räume, was sich dann aber anders entwickelt hat», sagt Wölfel. Konkret bestand die Idee eines Cafés oder Bistros, das sowohl den Schülerinnen und Schülern als auch den Bewohnern zur Verfügung gestanden hätte. Ziel war es, eine Art Verschmelzung der beiden Bauten und zweier Generationen zu kreieren. «Stattdessen funktioniert der Bereich jetzt als Gemeinschaftsraum der Siedlung.»
Während die beiden Gebäude unabhängig voneinander entwickelt wurden, legten die Planenden bei den Aussenräumen besonderen Wert auf eine harmonische Gestaltung. Die Grundstücksgrenze sollte optisch verschwinden, und es sollte ein durchgängiges, für alle zugängliches Areal entstehen. Dazu arbeiteten Wölfel und sein Team mit dem Landschaftsarchitekturbüro Studio Vulkan zusammen. «Mit vielen Grünflächen, Bepflanzungen und Verweilmöglichkeiten schufen wir einen hohen Mehrwert fürs Quartier und die Öffentlichkeit.»



Diese öffentliche Nutzung war Teil des Gestaltungsplans der Stadt Uster. Er erlaubte den Architekten, höher und verdichteter zu planen. Statt auf vier leben die Bewohnerinnen und Bewohner des Rehbühls nun auf sechs Stockwerken.
Die drei grosszügigen, überdachten und windgeschützten Zugänge zu den Wohnungen liegen auf der Nordseite des Gebäudes. Hier präsentiert sich der Bau mehrheitlich geschlossen. Das Zusammenspiel von welliger und glatter Fassade, runden und quadratischen Fenstern sowie den Farben Dunkelgrün und Altrosa sorgt für ein lebendiges und interessantes Erscheinungsbild.
Die Eingänge führen in die Treppenhäuser mit geräumigen Aufzügen. Sie liegen im Erdgeschoss, das auf der Südseite im Hang verschwindet und so zum Untergeschoss wird. Darin sind Abstellräume, Kellerabteile, zwei Gewerberäume sowie der zur Berufswahlschule ausgerichtete Gemeinschaftsraum untergebracht. «Wir haben uns diese Eigenheit der Topografie zunutze gemacht und konnten so den Bewohnerinnen und Bewohnern des ersten Obergeschosses einen direkten Gartenzugang ermöglichen», so Wölfel.
Eine «rue intérieur» als Ort der Begegnung
Ebenfalls im ersten Stockwerk ist das eigentliche Herzstück des Baus angesiedelt: die sogenannte «rue intérieur». Der gestaffelte Korridor erstreckt sich durch das gesamte Gebäude. Er verbindet die Treppenhäuser, die gemeinsam genutzten Waschräume und sämtliche Wohnungen der Etage. Pastellfarben an den Wänden und an der Decke strahlen Gemütlichkeit aus. Holzbänke laden zum Verweilen ein. «Da in den kleineren Wohnungen die Menschen meist allein leben, war es unser Ziel, mit architektonischen Mitteln Raum für Kommunikation und Austausch zwischen den Bewohnenden zu schaffen», sagt Wölfel.
Sie sollen einer möglichen Vereinsamung entgegenwirken und ein gesundes Interesse am Leben der Nachbarn fördern. Die zur «rue intérieur» ausgerichteten Küchen und die Teilverglasung bei den Eingangstüren verstärken den optischen Austausch. So erweitert sich der Wohnraum ein Stück nach aussen.


Thomas Wölfel machte sich erst kürzlich selbst ein Bild vom Leben an der Rehbühlstrasse. «Das funktioniert sehr gut. Der Alltag der Menschen findet auch vor der Wohnung oder in den Waschräumen statt», lautet sein Fazit. Zwar sind mittlerweile viele Fenster zur «rue intérieur» zugeklebt oder mit Vorhängen verdeckt. «Man sieht aber immer noch, ob Licht brennt oder jemand zu Hause ist. So ist die soziale Kontrolle nicht ganz verloren gegangen.» Besonders freut ihn, dass die Bewohnerinnen und Bewohner die kleine Ablage vor den Haustüren mit stimmigem Dekomaterial oder Fotografien schmücken und so den Raum zusätzlich beleben.
Je höher man sich im Gebäude bewegt, desto privater wird dessen Charakter. In den oberen Geschossen teilen sich jeweils drei Wohnungen ein Treppenhaus und einen Lift. Auch diesen halböffentlichen Bereich schnitten die Architekten auf die Bewohnerinnen und Bewohner des Rehbühls zu. «Viel Tageslicht und eine freundliche, attraktive Gestaltung sollen dazu animieren, wenn immer möglich die Treppe zu nehmen und so zu möglichst viel Bewegung zu kommen.» Grosszügige Signalisationen, die an die Formen und Farben des Gebäudes angepasst sind, dienen der Orientierung. Ein schwellenloser, gegossener Hartbetonboden minimiert das Risiko von Stolperfallen und Stürzen.
Modernes, altersgerechtes Wohnen
Auch in den Wohnungen setzten die Architekten auf einen Gussboden, allerdings aus Anhydrit. «Das Material ist von der Haptik sehr angenehm und strahlt viel Wärme aus. Die unauffällige Farbe lässt zudem genügend Spielraum, die Wohnungen mit Möbeln und Einrichtungsgegenständen selbst zu bespielen.» Weisse Wände, Decken aus Sichtbeton und etwas dunklere Fliesen im Küchen- und Badbereich unterstreichen die neutrale Gestaltung.
Die wenigen Farbakzente im Innern finden sich in diesen beiden Wohnbereichen. Die Küchenfronten erstrahlen in einem kräftigen Blau. Die Rückwand und die Wände in den Badezimmern sind wiederum in Pastelltönen gehalten. Deckenhohe Türen und grosse Fensterfronten sorgen für ein weitläufiges Wohngefühl und einen ungestörten Ausblick ins Grüne. Diesen Ausblick geniessen die Bewohnerinnen und Bewohner auch auf den Loggias an der Südseite. Durch die Staffelung hat man hier ausreichend Privatsphäre. Die schwarz-weiss gestreiften Sonnenstoren lassen Ferienstimmung aufkommen.

Auf den ersten Blick ist kaum ersichtlich, dass die Wohnungen speziell für Leute fortgeschrittenen Alters gebaut wurden. Das sei auch das Ziel gewesen, sagt Wölfel. «Die Bauherrin gab als Zielpublikum Menschen ab dem 60. Lebensjahr vor. Da ist man in der Regel noch rüstig unterwegs und hat kein besonderes Interesse an einer Wohnung mit vollem Pflegeausbau.» Das Architektenteam orientierte sich vor allem am Leitfaden für hindernisfreies Bauen und versuchte, viele Anforderungen bereits auf der Grundrissebene umzusetzen.
Das zeigt sich etwa an genügend Manövrierfläche, fehlenden oder gut gekennzeichneten Schwellen sowie breiten Türen. «Wir wollten den Menschen das Gefühl geben, in einer normalen, modernen und qualitativ hochwertigen Wohnung zu leben, die aber nach Bedarf einfach umgerüstet werden kann.»
Seit dem Um- und Einzug an der Rehbühlstrasse sind gut zwei Jahre verstrichen, und das bisherige Fazit fällt durchwegs positiv aus. Das gilt sowohl vonseiten der Bewohner als auch vonseiten der Genossenschaft. «Auch wir als Büro sind mit dem Projekt mehr als zufrieden», sagt Wölfel. Die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten habe vorbildlich funktioniert. Auch herausfordernde Situationen wie die Zeit während der Corona-Pandemie habe man gemeistert, ohne grosse Abstriche machen zu müssen. Einziger Wermutstropfen: «Dass das Café im Erdgeschoss nicht zustande gekommen ist, ist sehr schade», sagt Wölfel. Die Freude über das gelungene Projekt mag das allerdings nicht trüben.
Dieser Beitrag wurde in der Verlagsbeilage «4 Wände» veröffentlicht, die am 16. September mit dem «Zürcher Oberländer» und dem «Anzeiger von Uster» erschienen ist.

