Nordische Gemütlichkeit: Das macht den skandinavischen Wohnstil aus
Helle Farben, natürliche Materialien
Der Scandi Style steht für eine reduzierte und zugleich gemütliche Art des Wohnens. Die Wetziker Innendekorateurin Sabine Angst erklärt, wie Farben, Möbel und Licht für die richtige Atmosphäre sorgen.
Ob Bett, Schrank, Sessel oder Esstisch: In fast jedem Schweizer Haushalt steht ein Einrichtungsgegenstand aus dem weltbekannten Möbelhaus mit den vier grossen gelben Buchstaben. 1973 eröffnete hierzulande die erste Ikea-Filiale. Seither hat das schwedische Einrichtungshaus unsere Art des Wohnens beeinflusst wie kein anderes. Nicht von ungefähr denken wir bei Begriffen wie Billy, Klippan oder Ivar an Möbel statt an Vor- oder
Ortsnamen.
Die Gründe für den Erfolg von Ikea sind vielfältig. Einerseits sind es das besondere Einkaufserlebnis und die vergleichsweise niedrigen Preise, andererseits verkauft Ikea ein Lebensgefühl: helle Räume, klare Linien, praktische Lösungen, eine unaufgeregte Gemütlichkeit und immer mehr auch natürliche Materialien.
Ikea verfolgt die Idee, schönes, funktionales Design für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen. Genau dieses Wohngefühl beschreibt das, was man heute als Scandi Style kennt. Der skandinavische Einrichtungsstil wirkt reduziert, aber nicht kühl, schlicht, aber nicht beliebig, alltagstauglich, aber trotzdem ästhetisch. Wie kaum ein anderes Unternehmen hat Ikea den Scandi Style in die breite Masse getragen. Sein Ursprung liegt allerdings schon einiges früher.
Design für alle
Der Scandi Style entstand aus der skandinavischen Designtradition des frühen bis mittleren 20. Jahrhunderts. Im Zentrum standen klare Formen, Funktionalität und eine gewisse demokratische Idee von Gestaltung: Gutes Design sollte nicht nur einer Elite vorbehalten sein. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg wurde skandinavisches Design international sichtbar. Die 1950er- und 1960er-Jahre gelten als prägende Phase, in der Entwürfe von Designern wie Alvar Aalto, Arne Jacobsen oder Hans J. Wegner zu Klassikern wurden.
Die Grundwerte des Scandi Style sind heute dieselben wie damals. «Es ist ein einfacher und luftiger Stil mit klaren Linien, der auch organische Elemente beinhaltet. Er wirkt ruhig und bietet viele Freiheiten. Deshalb ist es ein angenehmer Stil, mit dem man gut arbeiten kann», sagt Sabine Angst, Inhaberin des Innendekorations- und Polstergeschäfts Garekla Design in Wetzikon.
Sie glaubt, dass vor allem die Ruhe, die der Scandi Style ausstrahlt, ihn heute so beliebt macht. «Gerade in der heutigen Zeit mit dem hektischen Alltag ist das sehr wichtig. Zu Hause möchte man einen Ort haben, an dem man zur Ruhe kommen kann.» Zudem dominieren die Farben Weiss, Beige, Creme und Sand, die schon seit Längerem im Trend sind – auch wegen der schieren Masse an Einrichtungs- und Make-over-Videos in den sozialen Medien.
Zwischen Minimalismus und Alltag
So simpel und klar sich der Scandi Style anhört, so schwierig ist es, ihn konsequent umzusetzen. «Es wird ein starker Minimalismus verlangt, der mit dem Leben und unserer Art zu wohnen nicht immer ganz vereinbar
ist», sagt Angst.
Die alte Kommode, die man von der Grossmutter geerbt hat, die Pflanzen in den von den Enkeln angemalten Töpfen oder der besonders gemütliche Sessel in knalligem Orange: Es sind meist Möbelstücke mit einem emotionalen Wert, die dem reinen Scandi Style im Weg stehen. «Hier entstehen auch oft Missverständnisse bei der Arbeit mit den Kundinnen und Kunden. Es besteht zwar der Wunsch, etwas zu Hause zu ändern, man ist aber nicht bereit, zu reduzieren.»


Dabei ist der nordische Einrichtungsstil sehr flexibel und lässt sich problemlos kombinieren. Man kann ihn sehr fein und zurückhaltend gestalten oder mit Erdtönen wie Hellblau, Terrakotta oder Salbeigrün aufpeppen. «Es ist sehr beliebt, den Scandi Style als Basis zu wählen und darauf aufzubauen. Es passiert jedoch schnell, dass man sich durch zu viel Farbe oder zu viele Möbelstücke davon entfernt.
Wer mit einer Akzentfarbe arbeiten will, sollte sie laut der Expertin reduziert und gezielt einsetzen und an verschiedenen Orten wiederholen. «Wenn man beispielsweise in einen Raum kommt und in einem Bild eine gelbe Blume sieht, auf dem Tisch eine gelbe Kerze steht und an einem Regal vielleicht noch eine kleine gelbe Vase platziert ist, dann verbinden diese kleinen Details das Gesamte.» Diese Wahrnehmung läuft meist unterbewusst ab und führt dazu, dass man einen Raum als besonders stimmig oder aussergewöhnlich beschreiben würde.
Holz, Licht und Luftigkeit
Zu den wiederkehrenden Elementen im Scandi Style gehören helle Eichen- oder Birkenhölzer, Rattan, Leinen- und Baumwollstoffe sowie dezente Glas- oder Spiegelflächen. Die Möbel selbst sind relativ einfach gestaltet und wirken trotz ihrer massiven Bauweise luftig. «Typisch sind skandinavische Stühle, offene Regale, runde Couchtische und leichte Füsse. Statt eines wuchtigen L-Sofas sorgen zum Beispiel ein kompaktes Dreiersofa in Kombination mit zwei Sesseln für viel freien Raum und Gemütlichkeit», sagt Sabine Angst.
Das richtige Licht verstärkt dieses gemütliche Wohngefühl zusätzlich. Helle und leicht transparente Vorhänge lassen viel Tageslicht in die Räume. Beim künstlichen Licht setzt die Innendekorateurin auf verschiedene Quellen: Richtig platziert können eine feine Stehleuchte in der Leseecke, Pendelleuchten und indirektes Licht einen Raum komplett anders wirken lassen. Warme Lichtfarben sorgen für eine besonders wohnliche Atmosphäre.


Manchmal stehen nicht emotionale, sondern bauliche Hürden der Umsetzung des nordischen Wohnstils im Weg. Eine kühle Sichtbetonwand oder ein weisser Plattenboden mit schwarzen Fugen gehören zu den Gegebenheiten, die für den Scandi Style überhaupt nicht typisch sind und unter Umständen nicht angepasst werden dürfen. «Dann gilt es, mit diesen Elementen so gut wie möglich zu arbeiten, sie zu integrieren oder zu kaschieren.» Ein Sisalteppich unter dem Esstisch, Holzmöbel, Pflanzen und Lampen vor der Betonwand erzeugen Wärme und Persönlichkeit.
Sabine Angst ist überzeugt, dass der Scandi Style dank seiner Flexibilität und Individualisierbarkeit noch lange die hiesigen Küchen, Wohn- und Schlafzimmer dominieren wird. «Es ist ein zeitloser Stil, der den Leuten langfristig gefällt. Ausserdem funktioniert er das ganze Jahr über und ist je nach Jahreszeit anpassbar.» Besonders jetzt, wenn im Herbst die Temperaturen sinken und die Tage kürzer werden, sehnt man sich wieder mehr nach einem gemütlichen und geborgenen zu Hause, in dem man zur Ruhe kommen kann. Und der Scandi Style bietet genau das.
Dieser Beitrag wurde in der Verlagsbeilage «4 Wände» veröffentlicht, die am 16. September mit dem «Zürcher Oberländer» und dem «Anzeiger von Uster» erschienen ist.

