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Das junge Paar und der See

Dübendorfer Paar jagt Riesenfisch auf dem Greifensee

Claudio Gerussi und Sofia McGlynn fischen um Mitternacht auf dem Greifensee, um einen Wels zu fangen. Dem bevorstehenden Kampf geht ein geduldiges Abwarten samt Weintrinken voraus.

Dübendorfer Paar jagt Riesenfisch auf dem Greifensee

Das junge Paar und der See

Claudio Gerussi und Sofia McGlynn fischen um Mitternacht auf dem Greifensee, um einen Wels zu fangen. Dem bevorstehenden Kampf geht ein geduldiges Abwarten samt Weintrinken voraus.

Claudio Gerussi sitzt zusammen mit ein paar Freunden an dem grossen, runden Tisch des Vereinsplatzes in Fällanden unmittelbar vor dem Greifensee. Zur Begrüssung packt der Dübendorfer die Hand mit festem Griff, zieht sie zu sich heran und mustert sein Gegenüber. Für einen Moment glaubt man, selbst ein gefangener Fisch zu sein. Der Präsident vom Sportfischer Verein Glattal lässt dann doch wieder los. Sanfter stellt sich Sofia McGlynn vor und bietet italienische Oliven, selbst gemachten Frischkäse und Brot an.

Entweder bringe ich den Wels aus dem See – oder er zieht mich rein.

Claudio Gerussi

Präsident Sportfischer Verein Glattal

Die Mission der beiden an diesem Freitagabend: einen Wels an Land ziehen. Die letzten fehlenden Ausrüstungsteile hat Gerussi eben noch von einem Freund besorgt. «Du musst auf einen 2-Meter-Fang vorbereitet sein. Entweder bringe ich den Wels aus dem See – oder er zieht mich rein.»

Zum Aufwärmen diskutiert die beschauliche Runde über Fangquoten, neue Fischereiregeln, die Gewässerqualität und den Rückgang von Fischbeständen. Über grosse, prächtige Welse wird gesprochen.

Während Fische wie der Felchen oder die Seeforelle wegen steigender Wassertemperaturen und ökologischer Veränderungen unter Druck geraten, fühlt sich der Wels im Greifensee immer wohler. Bereits vor Jahren kursierten in den Medien der Fang eines über zwei Meter grossen Exemplars bei Niederuster und der Fund eines angeschwemmten Welses in derselben Grösse bei Maur. Gerussi vermutet, dass diese Fische bereits seit 30 Jahren oder länger im See wohnten.

Der 47-jährige berufstätige Betriebselektriker sagt, dass er das Welsfischen seit diesem Jahr für sich entdeckt hat. Mehr als einen Biss hatte er noch nicht. Was so viel heisst wie: Der Wels hat den Köder angefressen und ist danach wieder verschwunden.

Gerussi macht nun sein Ruderboot am Steg in Fällanden klar. Galant hilft er seiner Freundin Sofia McGlynn, die sich sogleich aufs hintere Bänkchen setzt.

Mit zwei Fischern auf dem Greifensee.
Das Boot hat der routinierte Fischer rasch flottgemacht.

«Wir gehen oft zusammen angeln», erzählt Gerussi. McGlynn hat er auch bei einem ihrer ersten Dates vor drei Jahren aufs Boot genommen. Nach ein paar Gläsern Weisswein und bei wankendem Schiff verfehlte McGlynn den Steg und stürzte ins Wasser. «Nach ein paar Sekunden ist sie wieder aufgetaucht, hat mich erschrocken angesehen und gefragt: ‹Wieso hast du mich ins Wasser geschubst?›» McGlynn lacht herzhaft, als ihr Partner die Geschichte erzählt, und auch, als er anfügt: «Ab dann wusste ich zumindest, dass sie schwimmen kann.»

Nach ein paar Ruderschlägen hat Gerussi seinen Lieblingsort erreicht. Etwa 300 Meter vom Fällander Badeplatz entfernt macht er seine zwei Angelruten bereit. «Welsmontage» nennt er seine Konstruktion. Mit Blei und Pose (ähnlich wie ein Zapfen) will er dafür sorgen, dass der Köder an der Schnur etwa einen Meter ab Seegrund schwimmt. Denn der Wels soll als Bodenbewohner auch dort auf die Beute aufmerksam werden. Die zweite Rute trägt hingegen den Köder knapp unter der Seeoberfläche, falls ein Wels doch mal nach oben schiesst.

Gerussi öffnet ein verschlossenes Päckchen mit dicken, sich windenden Tauwürmern. Einen nach dem anderen spiesst er am Haken auf, bis ein ganzes Bündel daran hängt. «Welse mögen grosse Portionen.» Danach wirft er die Köder aus und legt die beiden Angeln über den Rand des Boots. McGlynn ist für die eine Rute verantwortlich, der Redaktor soll die andere übernehmen, während Gerussi das Boot manövriert. «Welsfischen ist kein Würmlibaden», sagt er. «Mit einem 30 bis 60 Minuten langen Kampf musst du rechnen.»

Langsam geht die Sonne am Greifensee unter. Eine Libelle kurvt in regelmässigen Abständen ums Boot. Das spiegelglatte Gewässer wird nur kurz aufgescheucht, als das Motorschiff «Stadt Uster» auf seiner letzten Fahrt des Tages Richtung Fällander Haltestelle manövriert. Auf dem Schiff feiern die Passagiere ein Fest.

Auf dem Ruderboot schenkt sich McGlynn ein Glas Weisswein ein und zündet eine Zigarette an. «Voll schön hier, oder?», fragt sie in die Runde. «Wenn wir nicht so gesellig wären und gerne auf Partys feiern würden, wären wir noch öfters auf dem See.»

McGlynn erzählt von ihrem anstrengenden Tag als Sachbearbeiterin. Und einem Erlebnis beim Haus ihres Vaters in Italien, als sie und Gerussi beinahe einen Waldbrand auslösten und die italienische Feuerwehr keinen Anlass sah, auszurücken.

In der Zwischenzeit hat Gerussi sein Echolot, ein Gerät zur Messung der Wassertiefe und zur Ortung von Objekten unter Wasser, parat gemacht. Ein einfaches Modell, wie er sagt. Damit kann er Fischschwärme ausmachen. Heute will er nur gelegentlich schauen, was sich unter seinem Boot befindet. Eine auffallende Sichel, die einen Wels anzeigen würde, findet er nicht. Dafür weiss er jetzt, dass der Seegrund 11 Meter unter ihm liegt und das Wasser 26,5 Grad warm ist.

Vor dem Eindunkeln legt McGlynn eine Lichterkette im Boot aus und schenkt sich Weisswein ein. Ihrem Freund bietet sie ein Bier an, doch Gerussi ist gerade noch mit dem Wallerholz beschäftigt. Ein tiefes «Plonk, Plonk, Plonk» ertönt, als er das schwarze Plastikteil mit der Form einer Pistole auf die Seeoberfläche schlägt. Mit dem Wallerholz soll eine Druckwelle erzeugt werden, die der Fisch über seine empfindlichen Sinnesorgane spürt. Durch den Reiz wird die Neugierde des Welses geweckt und er zum Boot gelockt – so ist zumindest der Plan.

Mittlerweile ist es Nacht geworden. Das Gekrächze der Wasservögel wird vom Gequake der Frösche abgelöst. In weiter Ferne erleuchten Blitze den Nachthimmel, und auf dem Badeplatz feiern ein paar junge Menschen zu Musik.

Die beiden schwelgen in Erinnerungen, wie sie vom Land fischten, eine Luftmatratze auslegten, sich um 2 Uhr schlafen legten und Glöckchen an den Angelruten befestigten, um einen anbeissenden Fisch zu hören.

McGlynn stösst das Wallerholz ins Wasser: «Platsch, Platsch, Plonk.» Wenn die Auflagefläche nicht schön ins Wasser gehauen wird, bleibt der erwünschte tiefe Ton weg. McGlynn dreht sich fröhlich eine Zigarette, mischt in einem Glas Weisswein mit Citro und legt sich auf ihre Bank. Gerussi prüft noch mal das Bündel mit den Würmern: Alle sind noch da.

Mit zwei Fischern auf dem Greifensee.
Fischen macht die beiden glücklich. Doch genauso gerne machen sie Party.

Kurz darauf schreit jemand am Ufer. Gerussi blickt in Richtung des Schreis. «Im Winter bin ich auch gerne auf dem See – keine Leute.» Er macht einige Ruderschläge. Ein paar Tropfen spritzen auf McGlynns Fuss. Erschrocken zieht sie ihr Bein zurück und schnellt von ihrer liegenden Position hoch. «Jetzt habe ich gedacht, ein Wels hätte mir in den Fuss gebissen.»

Gemächlich rudert Gerussi über den See, bis er ein neues Plätzchen zum Bleiben findet. Abwechselnd schlägt das Paar mit dem Wallerholz auf die Seeoberfläche: «Plonk, Plonk, Plonk, Platsch, Platsch, Platsch.» Um Mitternacht glaubt auch Gerussi nicht mehr an einen Angelerfolg, rudert zur Anlegestelle, zieht die Würmer ein und lässt sie schliesslich ins Wasser frei.

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