Wenn ein Waldrand in Wangen zum Freilicht-Observatorium wird
Am Rand des Wangemer Walds wird die Sonnenfinsternis zum gemeinsamen Erlebnis: Kinder bestaunen die Sonne auf T-Shirts, Erwachsene beobachten das Schauspiel durch Schutzbrillen, und die Forscher experimentieren.
«Mich fasziniert, wie gross das Universum ist und wie klein wir sind. Aus der Perspektive des Weltraums relativiert sich alles, was wir hier tun, unsere Alltagsfragen und selbst Kriege.» Mit diesen Worten beschreibt Forscherin Hanna Sathiapal ihre Faszination für das All.
Doch diesen Mittwochabend wird das vermeintlich ferne Weltall plötzlich greifbar. Gemeinsam mit ihrem Team der Astronomie-Werkstatt Raumschiff in Dübendorf hat Sathiapal einen Event am Rand des Wangemer Walds auf die Beine gestellt, um gemeinsam die Sonnenfinsternis zu beobachten.
Experimente im Schatten der Bäume
Kurz vor 19 Uhr herrscht am Waldrand geschäftige Vorfreude. Sathiapal und ihr Team stellen Info-Plakate auf und bereiten Experimente vor. Noch steht die Sonne hell am Himmel, und der Mond bleibt unsichtbar.
Ab 19.15 Uhr strömen immer mehr neugierige Gäste herbei. Darunter sind Vereinsmitglieder und Leute aus dem Zwicky-Areal in Dübendorf, wo Sathiapal und ihr Kollege André Csillaghy arbeiten.
Für das Naturschauspiel hat Sathiapal einen Erlebnispfad mit verschiedenen Stationen kreiert. Das Licht der Sonne wird durch Küchenraffeln, Siebe, gelochte Papiere und das Blätterdach der Bäume auf weisse Leinwände projiziert. Als um 19.24 Uhr das Spektakel beginnt, entsteht durch jedes winzige Loch eine eigene kleine Abbildung der Finsternis.







Manche Besucher haben eigene Projektoren aus Karton und Alufolie gebastelt. Als Sathiapal und Csillaghy Gäste mit hellen T-Shirts ermutigen, sich in den Schatten der Bäume zu stellen, werden deren Oberteile plötzlich zur Leinwand. Ein Junge ruft seinem Grossvater begeistert zu: «Wow, du hast ja ganz viele Sonnenfinsternisse auf dem Bauch!»
Mit fortschreitender Verfinsterung blicken die Besucher durch Schutzbrillen gegen den Himmel. Um sie herum sind staunende Kinderstimmen zu hören: «Schau mal, die Sonne sieht aus wie ein leuchtender Bogen!»
Plötzlich kommt die friedliche Stille
Mit der Zeit hüllt sich die Umgebung in ein ungewohntes Licht. Ein Besucher bemerkt beeindruckt: «Es ist dunkel, aber auf eine ganz fremde Art. Überhaupt nicht wie bei einem gewöhnlichen Sonnenuntergang.» Auch Csillaghy zeigt sich zutiefst bewegt. Er spürt, wie sich die Stimmung wandelt: Waren am Anfang noch Erklärungen gefragt, tauchen nun alle gemeinsam still in den Zauber des Augenblicks ein.
Als die Sonne langsam als orange leuchtender Ball am Horizont versinkt, können die Menschen wieder ohne Blenden zum Himmel blicken. Eine warme, friedliche Stille legt sich über die Gegend.
Bei Sathiapal werden Erinnerungen an ihre Kindheit wach. Lachend denkt sie an ihre allererste Sonnenfinsternis zurück: Zusammen mit ihrem Vater blickte sie damals durch rote Plastikdeckel von Kakaodosen zum Himmel. Dass das wirklich gut für die Augen war, bezweifelt sie heute mit einem Schmunzeln.
Wie entsteht eine Sonnenfinsternis?
Dass der viel kleinere Mond die Sonne überhaupt verdecken könne, sei aufgrund der Abstände der Himmelskörper in unserem Sonnensystem ein reiner Zufall, erklärt Hanna Sathiapal, die Leiterin der Astronomie-Werkstatt Raumschiff in Dübendorf. Dass dies nicht jeden Monat passiert, liegt an der geneigten Umlaufbahn des Monds.
Eine Sonnenfinsternis direkt während des Sonnenuntergangs zu erleben, bleibt ein seltenes Geschenk, zumal das Schweizer Wetter solche Momente oft hinter Wolken verbirgt. Nach den letzten partiellen Sonnenfinsternissen von 1999 und 2015 wird die nächste totale Finsternis in der Schweiz erst im Jahr 2075 stattfinden.

