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Verlagsbeilage «4 Wände»

Wohnräume, die sich dem Leben anpassen

Der Wunsch nach einem selbstbestimmten und geselligen Leben im Alter führte an der Zürcher Stadtgrenze zu Gockhausen zu einem ungewöhnlichen Wohnobjekt.

Wohnräume, die sich dem Leben anpassen

Verlagsbeilage «4 Wände»

Der Wunsch nach einem selbstbestimmten und geselligen Leben im Alter führte an der Zürcher Stadtgrenze zu Gockhausen zu einem ungewöhnlichen Wohnobjekt. Fanni Müller vom Architektenbüro Loeliger Strub spricht über ein nicht alltägliches Projekt.

Eine funktionale Zwei-Zimmer-Wohnung während des Studiums, eine moderne Loft-Wohnung, in die man mit der ersten grossen Liebe zieht, oder ein grosszügiges Haus mit viel Umschwung für die Familie: Die Anforderungen ans Wohnen wechseln im Verlauf des Lebens immer wieder. Eine solche Veränderung der Lebensumstände und Wohnansprüche stand auch am Ursprung des «Haus im Garten», das 2023 am Stadtrand von Zürich fertiggestellt wurde.

14 unterschiedlich grosse und verschieden angeordnete Wohnungen zeichnen sich durch luftige und lichtdurchflutete Räume, die Nähe zur Natur und den Gedanken des gemeinschaftlichen Wohnens aus. Initiantin des Projekts war Irma Peter, die den Bau in Auftrag gegeben hatte und heute selbst im «Haus im Garten» lebt. Die Gastrounternehmerin führte mehrere Jahre lang zwei Restaurants. Eines davon war der Rote Kamm, der am jetzigen Platz des Neubaus stand. Als für Peter der Zeitpunkt kam, sich aus der Gastronomie zurückzuziehen, überlegte sie, wie und wo sie im Alter leben will. Mit ihren Ideen wandte sie sich an das Zürcher Architekturbüro Loeliger Strub.

Kein herkömmlicher 08/15-Bau

«Es war ein spannender und nicht alltäglicher Auftrag», erinnert sich Fanni Müller. Die Architektin begleitete als Projektleiterin den Bau von der ersten Skizze bis zur Schlüsselübergabe. «Anders als bei ausgeschriebenen Wettbewerben, bei denen viele Parameter bereits vorgegeben sind, war hier zu Beginn noch vieles offen.» Fest stand: Das alte Gebäude aus den 1920er-Jahren sollte weichen und ein Mehrfamilienhaus entstehen. Die Bauherrin wollte das Haus mit gleichgesinnten Menschen bewohnen, die sich in einer ähnlichen Lebenssituation befinden und regelmässig in gemeinschaftlichen Räumen oder im Garten zusammenkommen.

In mehreren Sitzungen besprachen die Architektinnen und Architekten mit Irma Peter ihre Wünsche und Vorstellungen und arbeiteten daraus konkrete Projektvorschläge aus. «Schon beim ersten Treffen stellte uns die Auftraggeberin ihre spezielle Idee des Wohnens vor: Die Wohnungen sollen möglichst offen sein und über keine konventionellen Zimmer verfügen», erzählt Müller. Spätestens da war klar, dass es keinen herkömmlichen 08/15-Bau geben würde. «Der Prozess dauerte dadurch etwas länger, aber wir konnten offen und frei planen. Das gelang, weil Irma Peter unsere Vorschläge stets begrüsste und uns viel Vertrauen entgegenbrachte.»

Fotodokumentation des Neubaus Haus im Garten am Stadtrand zu Gockhausen.
Der gemütliche Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss lädt zum Verweilen ein.

Entstanden ist ein dreigeschossiges Gebäude, das sich mit seiner unaufgeregten Form und den versetzten Pultdächern harmonisch in seine ländliche Umgebung einfügt. Auffallend sind die beiden Hauptfassaden, die vollkommen unterschiedlich gestaltet sind und verschiedene Aufgaben übernehmen. Auf der Nordseite, die zur Tobelhofstrasse ausgerichtet ist, befinden sich die Eingänge zu den beiden Treppenhäusern. «Der Zugang verläuft auf einem herabgesetzten Niveau entlang der Fassade und ist durch ein Vordach geschützt. Halbrahmenbetonträger stützen es.

So entsteht eine Art Arkade, die mit zusätzlicher Begrünung zur verkehrsreichen Strasse eine schützende Schicht bildet», sagt Müller. Damit die Rückfassade nicht als solche in Erscheinung tritt, sind grosszügige Fensterbänder, dunkelgrüne Flächen und zwei Balkone angebracht, die allen Bewohnenden zugänglich sind und einen weiten Ausblick über das Glattal bieten.

Ein Sprung in den Garten

Während die Nordseite eine abschirmende Funktion hat, präsentiert sich die Südseite völlig offen. Lange Verandaschichten erstrecken sich durchgängig über die komplette Gebäudebreite und erinnern an die Sonnenterrassen von Höhenkliniken. Sie geben den Blick frei auf einen grossen, gemeinschaftlich genutzten Garten. «Als Inspiration diente uns die Vorstellung, an der Reling eines Schiffes zu stehen. Die blau-weissen Vorhänge, die für ein wenig Privatsphäre gezogen werden können, sollen das Feriengefühl verstärken.»

Fotodokumentation des Neubaus Haus im Garten am Stadtrand zu Gockhausen.
Die grosszügigen Verandaschichten erinnern an Sonnenterrassen von Höhenkliniken.

Über drei skulpturale, geschwungene Treppen hat jede Partei des Hauses einen direkten Zugang in den Gartenbereich. «Auf mich wirken sie wie Sprungtürme ins Grün. Sie gehören zu meinen persönlichen Highlights des Projekts», so Müller.

Der Gartenbereich lädt zum Verweilen oder zum Gärtnern ein. Angelegt wurde der Grünraum als Permakulturgarten. Diese Art der Landwirtschaft will ein Ökosystem schaffen, das sich mit einer hohen Diversität an Tieren und Pflanzen weitgehend selbst reguliert und wenig menschliches Eingreifen erfordert. Eine besondere Eigenheit des Gartens des ehemaligen Roten Kamms: Jede Pflanze ist auf die eine oder andere Art essbar. Damit den Bewohnerinnen und Bewohnern der Einstieg in die Gartenwelt leichter fällt, erstellte der planende Landschaftsarchitekt eine ausführliche Broschüre. Sie enthält Informationen zu allen Pflanzen und passende Rezepte.

Fotodokumentation des Neubaus Haus im Garten am Stadtrand zu Gockhausen.
Im Haus dominieren Holz und Beton.

Das Helle und Offene der Terrassen setzt sich im Innern des Hauses fort. Hier dominieren Beton und Holz. «Alles statisch Notwendige führten wir in Beton aus. Für Füllungen oder Ausbauten nutzten wir Holz und Leichtbauweisen.» Das Betongerüst besteht aus einem System von Stützen und Unterzügen, die alle von Nord nach Süd ausgerichtet sind. Zwei massive Seitenfassaden steifen die Konstruktion aus und halten alles zusammen. «Diese Bauweise gab uns mehr Gestaltungsspielraum. Dadurch konnten wir die Treppenhäuser schalltechnisch vom restlichen Gebäude entkoppeln und die Betontritte monolithisch direkt mit den Wänden verbinden.»

Inspiration aus Japan

Die gestalterischen Freiheiten, die die Architektinnen und Architekten von der Auftraggeberin erhielten, konnten durch den Einsatz von Schiebelementen an die Bewohnerinnen und Bewohner weitergegeben werden. Die weissen, in Holz gefassten und etwa vier Zentimeter starken Holzwände lassen sich in der Ebene der Unterzüge verschieben. Sie ermöglichen je nach Bedürfnis unterschiedliche und stets anpassbare Wohnsituationen. So verwandelt sich das zusammenhängende Raumkontinuum im Handumdrehen in eine «herkömmliche» Wohnung mit einzelnen Zimmern.

Müller und ihr Team liessen sich dabei von japanischen Wohnhäusern mit Shoji-Schiebetüren inspirieren. «Es war das erste Mal, dass unser Büro etwas in dieser Art umsetzte. Auch für die Unternehmer war es eine Herausforderung. Das Resultat ist aber so, wie wir uns das vorgestellt haben.»

Fotodokumentation des Neubaus Haus im Garten am Stadtrand zu Gockhausen.
Badevergnügen mit Aussicht.

Damit die Bewohnenden im «Haus im Garten» ihrem Reich noch deutlicher den eigenen Stempel aufdrücken können, beliess man viele verwendete Materialien so, wie sie sind. «Die Douglasien-Dielen besitzen von Natur aus einen warmen Rotton, der schön mit dem Sichtbeton harmoniert.» Erst auf einer zweiten Ebene setzte man gezielt verschiedene Bunttöne ein, und zwar an Orten, an denen man sie nicht auf den ersten Blick entdeckt.

Die Fotografin: Seraina Wirz

Das «Haus im Garten» wurde von Seraina Wirz im Auftrag von Loeliger Strub Architekten fotografiert. Sie studierte Fotografie an der Zürcher Hochschule der Künste und assistierte danach mehrere Jahre unter anderem bei Heinrich
Helfenstein. Anfang 2015 übernahm sie dessen Atelier für Architekturfotografie in Zürich und führt dieses heute
zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Iona Poldervaart. www.afaf.ch

«Öffnet man zum Beispiel die Tür zum Gästebad, leuchtet es plötzlich rot-orange, blau oder gelb.» Gleiches gilt für die Wahl der Formen. Die meisten Elemente verlaufen geradlinig, ohne dabei langweilig zu wirken, wie etwa das Einbauelement, das sich über die komplette Nordseite einer Wohnung erstreckt und in dem sowohl die Küchenzeile als auch die Badewanne eingebaut sind.

Etwas mehr Verspieltheit erlaubte man sich im Gemeinschaftsbereich, der im Erdgeschoss zwischen den beiden Treppenhäusern angelegt ist. Hier stehen den Bewohnerinnen und Bewohnern eine Küche mit Essbereich, ein kleiner Waschsalon sowie ein Aufenthaltsraum mit Cheminée und gemütlichen Möbeln zur gemeinsamen Benutzung zur Verfügung. «Wir verwendeten die gleichen Gestaltungselemente wie in den Wohnungen, setzten sie aber anders in Szene», erklärt Müller.

Fotodokumentation des Neubaus Haus im Garten am Stadtrand zu Gockhausen.
Eine ehemalige Gastrounternehmerin erfüllte sich in der Nähe von Gockhausen ihren Traum vom Leben im Alter.

Die Douglasien-Riemen um die skulptural geformte Betonstütze im Zentrum sind hier strahlenförmig statt orthogonal verlegt. In der Küche ragt zudem ein speziell geformter Betontisch aus der Wand.

Obwohl es nach der Fertigstellung des Neubaus ein wenig dauerte, bis alle Wohnungen eine passende Mieterin oder einen passenden Mieter fanden, ist das gemeinschaftliche Wohnen im «Haus im Garten» nun voll im Gange, wie sich Fanni Müller schon selbst überzeugen konnte. Neben gemeinsamem Gärtnern organisieren die Bewohnenden immer wieder Ausflüge und kleine Reisen, die sie zusammen unternehmen. «Es ist augenscheinlich, dass das mit der Gemeinschaft gut funktioniert. Da haben sich Leute gefunden, die sich verstehen. Es ist schön zu sehen, was da entstanden ist – architektonisch wie menschlich.»

Dieser Beitrag wurde in der Verlagsbeilage «4 Wände» veröffentlicht, die am 20. Mai mit dem «Zürcher Oberländer» und dem «Anzeiger von Uster» erschienen ist.

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