«Die Zerbrechlichkeit des Planeten sieht man als Fotograf immer wieder»
Naturfotograf im Interview
Fast ein Jahrzehnt seines Lebens hat Thomas Sbampato in rauer Wildnis verbracht. Seine stete Begleiterin: die Kamera. Vor seinem Vortrag in Zell erzählt er, wie die Fotografie seinen Blick auf die Welt veränderte.
Herr Sbampato, Sie sind eben erst von einer Fotografiereise in Norwegen zurückgekehrt. Wie sieht ein typischer Tag auf diesen Reisen aus?
Thomas Sbampato: Den typischen Alltag gibt es nicht. Allerdings, wenn ich in Kanada und Alaska unterwegs bin, weiss ich inzwischen genau, wo ich hinmuss, wenn ich ein bestimmtes Motiv suche. Wenn ich zum Beispiel Bären fotografieren will, finde ich sie dort, wo es Futter gibt. Früher habe ich mich ab und zu in die Wildnis fliegen lassen, aber nie allein, das wäre zu gefährlich. Dort schlugen wir zu zweit, zu dritt unsere Zelte auf und marschierten von hier aus zu dem Fluss, in dem Lachse vorkommen. Da fotografierten wir Bären – von frühmorgens bis spätabends. Alles andere ist in dem Moment unwichtig. Man konzentriert sich nur auf eines: gute Fotos, ob es regnet, hagelt oder schneit.
Dafür mussten Sie sich sicherlich einige Naturkenntnisse aneignen.
Zählt man alles zusammen, habe ich in den letzten 25 Jahren etwa sieben Jahre in Kanada und Alaska verbracht. Anfänglich als Reisejournalist und Fotograf. Während zehn Jahren hatte ich eine Ausnahmebewilligung im Denali-Nationalpark, so konnte ich mich mit dem Auto selbständig bewegen. So eine erhält man aber nur, wenn man eine relativ hohe Mindestanzahl an Texten und Fotos veröffentlicht.
Thomas Sbampato ist Naturfotograf, Buchautor und Reisejournalist. Die Bilder des 62-jährigen Zürchers wurden in Magazinen wie dem «Geo» und dem «National Geographic» sowie verschiedenen Zeitungen abgedruckt und international prämiert. Sbampato lebt in Dietlikon. (nos)
Kanada und Alaska scheinen für Sie «Sehnsuchtsorte» zu sein, sie stehen auch im Mittelpunkt Ihres Vortrags in Zell. Wie ist diese Faszination für die unberührte Wildnis entstanden?
Ich las als Jugendlicher sehr viel. Vor allem die Geschichten über den Norden vom amerikanischen Schriftsteller Jack London inspirierten mich. Als ich als Zwölfjähriger «Ruf der Wildnis» las, wusste ich: Da will ich hin. Mein erstes Geld habe ich dann für eine Amerika-Reise ausgegeben. Und da hats mich gepackt. Gerade in Kanada und Alaska, da gibt es wirkliche Wildnis. Diese grosse, einsame Weite, sie ist es, die mich reizt.





Der Druck auf diese noch unberührte Natur nimmt stetig zu, das nimmt man auch in den aktuellen politischen Diskussionen wahr. Wie hat die Arbeit Ihren Blick auf die Welt beeinflusst?
Die Zerbrechlichkeit unseres Planeten und die fortschreitende Klimaerwärmung sieht man immer wieder. Vor allem in den arktischen Regionen Alaskas wurde das schon vor einigen Jahren deutlich. Zum Beispiel im Inuit-Dörfchen Shishmaref, wo die Häuser an der Küste mittlerweile dem Nordmeer zum Opfer fallen, weil der Wasserspiegel immer stärker ansteigt. Oder in Norwegen, wo ich gerade war.
Wie sieht es dort aus?
Wenn das Wetter mal mild, mal extrem kalt ist, erschwert das Rentieren und Moschusochsen die Nahrungssuche, weil die Moose und Flechten für sie nicht mehr zugänglich sind. Allerdings bin ich mir auch bewusst, dass ich für das «Vergnügen», die Natur zu fotografieren, selbst sehr viele fossile Energien brauche.
Trotz Vergnügen: Mit Fotografie verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt. Wie ist es Ihnen gelungen, diese Leidenschaft zum Beruf zu machen?
Bis ich davon leben konnte, war es ein langer Weg. Richtig professionell wurde es, nachdem ich mit meiner Frau eine dreijährige Töffreise von Feuerland bis Alaska unternommen hatte. Wir dokumentieren sie medial ausführlich. Anfänglich hatte ich meine Reisen mit vielen verschiedenen Jobs finanziert. In den Achtzigerjahren kamen dann erste Reportagen dazu, damals noch ohne Fotografie. Neben den Vorträgen schreibe ich heute auch Bücher und besuche Schulklassen im Unterricht. Über einen solchen Besuch bin ich auch zum Vortrag in Zell gekommen.
Zum Schluss: Welches ist Ihr Lieblingsfoto, und was ist die Geschichte dahinter?
Eine Aufnahme von einem jungen Schwarzbären im Tongass National Forest in Alaska, der von einem Baum auf uns herabschaut. Ich war damals gemeinsam mit einem japanischen Fotografen unterwegs und hatte die Möglichkeit, eine Woche lang eine Hütte mitten in der Wildnis zu mieten.

Jeden Abend sass die Bärenmutter neben uns und verbrachte praktisch die ganze Nacht dort – und sie folgte uns sogar. Ich vermute, dass ihr die Nähe zu uns Sicherheit vermittelt hat.
Der Fotovortrag «Kanada und Alaska – 20 Jahre Abenteuer» von Thomas Sbampato findet am Freitag, 21. Februar, ab 19 Uhr im Mehrzweckraum des Primarschulhauses Zell statt. Tickets via Eventfrog oder an der Abendkasse.
