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«Wir alle haben ein Kindheitstrauma vom Haareschneiden»

Sie schneidet Haare auf ganzheitliche Art und stellt die Balance auf dem Kopf wieder her.

Nicolette Huhn kreiert in ihrem Atelier Keramik und kümmert sich um den ganzheitlichen Haarschnitt.

Foto: Eleanor Rutman

«Wir alle haben ein Kindheitstrauma vom Haareschneiden»

Trend aus Dürnten

Die ehemalige Geschäftspartnerin von Star-Coiffeur Valentino schneidet Haare auf ganzheitliche Art. Sie bringt Frisuren und Menschen damit in Balance.

Nicolette Huhn begrüsst mit einem Kräutertee an einem furchtbaren Hudelwettertag. Nicht nur sie und der Tee, auch der grosse Raum in der Dürntner Seidenfabrik strahlt eine friedvolle Wärme aus. Als Kundin bekommt man zusätzlich eine Wärmflasche unter die Füsse. Was jedoch fehlt, ist ein Waschbecken. Auch der Spiegel steht am falschen Ort.

Schnell wird klar: Es geht hier nicht um Äusserlichkeiten, sondern um die innere Schönheit. «Wie möchtest du dich nach dem Haareschneiden fühlen?», fragt Huhn, die früher von Star-Coiffeur Valentino auch einfach Nikki genannt worden ist. «Damals war ich eine richtige Zürich-Tussi», sagt sie und schmunzelt. Stylisch, aber doch irgendwie gesund.

Alle nannten mich die grüne Nikki.

Nicolette Huhn

ganzheitliche Coiffeuse

Sie ist mit 21 Jahren von Deutschland in die Schweiz gezogen und konnte direkt beim heute millionenschweren Star-Friseur anfangen. «Ich wurde seine Geschäftspartnerin und konnte mit einem eigenen Laden am Stauffacher durchstarten.» Valentino schenkte ihr Vertrauen und gab ihr einen Vorschuss, den sie nach vier Jahren schon abgearbeitet hatte.

«Alle nannten mich damals schon die grüne Nikki», sagt die 53-Jährige. Vor 30 Jahren hat man ja noch überall geraucht, auch beim Haareschneiden. Bei Huhn durfte man das nicht. Heute würde sie auch auf keinen Fall mehr mit künstlichen Farben hantieren.

Ein anderes Gesundheitsbewusstsein entwickelt

Als sie mit 27 Jahren schwanger wurde, bemerkte sie immer mehr, was für sie nicht mehr passte. «Das war der Moment, wo ich ganz mit der Chemie aufgehört habe.» Man könne das damit vergleichen, ob man sich in der Wohnung die Wände mit künstlicher Farbe streichen lassen wolle. «Das atmet man ja dann für die nächsten Jahre auch alles ein.» Huhn wollte für sich einen gesünderen Lifestyle kreieren.

Heute arbeitet Huhn mit pflanzlichen Farben wie Henna. «Auch da gibt es die ganze Vielfalt an Buntem, nicht nur Rot.» Zudem schneidet sie die Haare trocken. Ohne viel Pipapo – auch ohne Shampoo. So habe sie ein besseres Gefühl dafür, wie sich das Haar wieder miteinander verbinde. Es gehe mehr um die innere Balance als um das äussere Bild.

«Haare kann man als Speicherorgan verstehen, sie sind angeschlossen an unsere Emotionen», sagt Huhn. Man dürfe die Kraft der Haare nicht unterschätzen. Es gebe doch das Sprichwort: «Wenn man einem Indianer die Haare abschneidet, dann findet er den Weg nicht mehr nach Hause.»

Bei Kindern erst eingreifen, wenn sie es selber wollen

Auch hätten viele Menschen schlechte Erinnerungen, wenn es um den ersten Haarschnitt gehe. «Wir alle haben ein Kindheitstrauma von unserem ersten Coiffeurbesuch.» Deswegen schickt sie Mütter und Väter mit ihren Kindern direkt wieder nach Hause, wenn sie merkt, dass ein Kind quengelt und noch gar nicht bereit ist.

«Den ersten Haarschnitt eines Kinds sollte man als Eltern wie ein Ritual gestalten», sagt sie. Kinder wüssten genau, wann der richtige Moment dafür sei. Darauf dürfe man vertrauen.

Ob auch ein Blick in den Mondkalender den richtigen Zeitpunkt für einen Coiffeurbesuch verrät? Da steht, dass Vollmond jeweils der passende Moment für eine volle und gesunde Haarpracht sei.

Huhn findet das zu eng gedacht: «Auch Erwachsene spüren selber, wann es der richtige Moment ist, zum Friseur zu gehen.» Das sei bei jeder Person sehr individuell. «Ich sage den Kundinnen und Kunden immer, sie sollten sich einfach melden, sobald sie den Impuls verspürten.» Huhn macht keine Folgetermine ab.

Unterschiedliche Lebenswege

Während sie die Haare schneidet, erzählt die gelernte Coiffeuse aus ihrem Leben. Sie hat sich immer wieder neu erfunden. Während der erfolgreichen Geschäftsjahre mit dem Star-Stylisten Valentino verliebte sie sich in einen Mitarbeiter. Gemeinsam wollten sie nach Indien reisen. «Es hat mich viel Energie gekostet, als ich dies Valentino mitteilen musste.»

Er liess sie mit einem weinenden Auge ziehen. Aber nicht, ohne ihr mitzuteilen, dass doch jetzt der Moment sei, wo sie so richtig Kohle verdienen könnte. «Aber das hat mich gar nicht interessiert», sagt Huhn. Sie wollte das Leben erfahren und Neues sehen.

Bis vor Kurzem war Huhn auch gar nicht mehr als Friseuse tätig: Zurück in der Schweiz führte sie einen Bioladen in Stäfa, dann färbte sie Keramik. Auch heute stapeln sich noch viele Teller, Tassen und farbige «Schäleli» in den Gestellen – oder sind auf den runden Tafeln aufgetischt.

Zudem führte Huhn bis vor einigen Jahren auch ein Bed and Breakfast in Uerikon – in einem wunderschönen Sommerhaus, eingerichtet mit Liebe zum Detail. «Leider wurde die Miete dort immer teurer.» So hat sie ihren Weg ins Zürcher Oberland gefunden, wo sie jetzt «back to the roots» geht: an die Haarwurzeln.

Haareschneiden sollte sich so anfühlen wie ein schöner Spaziergang im Wald.

Nicolette Huhn

ganzheitliche Coiffeuse

Huhn möchte ihre Kundinnen und Kunden mit Schere und Bürste sanft in die innere Balance bringen. Dort ein paar Millimeter wegschneiden und da noch ein bisschen. «Haareschneiden sollte sich so anfühlen wie ein schöner Spaziergang im Wald.» Dabei gehe es auch einfach um die Präsenz. Menschen schätzten es, wenn sie gesehen würden, wenn man ihnen die volle Aufmerksamkeit schenke.

Und die Frisur? Der Kopf fühlt sich tatsächlich etwas leichter an, die Haare geschmeidiger. Ob das nun an Huhns echtem Interesse an der Person liegt, an der warmen Atmosphäre im Raum – oder am Haarschnitt selbst: Das scheint gar nicht mehr so wichtig zu sein.

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