So wirbelt die Schweizer Meisterin aus Bäretswil um die Stange
Weltmeisterschaft in Pole Dance
Diese Woche nimmt Julia Vieli an der Weltmeisterschaft in Pole Sports teil. In nur sechs Jahren hat sich die Studentin an die Spitze getanzt.
Erst kurz vor den Sommerferien hat Julia Vieli alias Creadiva den Schweizer Titel an der Stange abgeräumt. Zum ersten Mal überhaupt ist die 22-Jährige aus Bäretswil mit ihrer Choreografie in der Kategorie Elite an den Schweizer Meisterschaften angetreten.
Nun darf sie an die Weltmeisterschaft der International Pole Sports Federation (IPSF) in Polen reisen, wo sie sich Ende Woche dem Wettbewerb stellt. «Wenn ich daran denke, schlägt mein Herz sehr viel schneller», sagt die Studentin. Sie freue sich, habe aber auch ein bisschen Angst vor dieser Herausforderung.
Halsbrecherische Darbietungen
Das kann man nachvollziehen: Kopfüber in anderthalb bis vier Metern Höhe um eine Stange zu wirbeln und sich zum Teil nur mit den Beinen festzuhalten, benötigt Disziplin, Beweglichkeit und Kraft. Vieli hat sich diese Kunst in wenigen Jahren beigebracht.
«Dieses Mal habe ich mich auf ein indisches Konzept festgelegt», sagt sie und schmunzelt. Die Choreografie, mit der sie antreten will, möchte Vieli jedoch noch nicht zeigen. «Es soll ja auch noch etwas Überraschung drin sein.»
An der WM gibt es ein Punktesystem. Bei diesem wird unter anderem bewertet, ob man eine Pose zwei Sekunden halten kann. Vieli musste dazu vorgängig ein Formular ausfüllen und haarscharf beschreiben, wie ihre Kombination ablaufen wird. Diese muss eingehalten werden.
Dazu komme auch die Bewertung der Technik, des Ausdrucks und die genaue Ausführung der Tricks. «Das Ziel ist, eine Choreo so aufzubauen, dass man möglichst viele Punkte holen kann.»
Zum kreativen Sport an der Stange ist Vieli vor sechs Jahren gekommen. Ihre Mutter hatte sie darauf gebracht. «Ich begleitete meine Mutter zu einer Pole-Dance-Stunde und war davon begeistert.» Eigentlich kein Wunder, denn Vieli tanzte schon als Sechsjährige Ballett – und trainierte jahrelang Eiskunstlauf. «Ich bin von Natur aus beweglich», sagt sie und lacht. Sie kann sich nicht genau erinnern, wann sie den Spagat gelernt hat.




Vieli habe jedoch an Beweglichkeit verloren, als sie mit dem Eiskunstlauf aufgehört hat. «Da konnte ich eine Zeit lang keine Bielmann-Pirouette mehr machen.» Die Flexibilität sei aber schnell wieder gekommen, als sie angefangen habe, an der Stange zu trainieren. «Ich musste auch meine Kraft aufbauen, denn alles, was beweglich ist, sollte man stabilisieren können.» Dafür musste sie vor allem an der Bauch- und Rückenmuskulatur arbeiten.
Manchmal gibt es ein bisschen trockene Haut oder ein paar blaue Flecken, aber das ist nicht schlimm.
Julia Vieli alias Creadiva
Schweizer Meisterin im Pole Dance
Vieli nahm 2021 zum ersten Mal an einem Pole-Wettkampf teil und erreichte mit der Verkörperung als Weihnachtsgeist Scrooge in der Kategorie Championship Level 4 Junior damals direkt den dritten Platz. «Das hat mich sehr motiviert, weiter zu trainieren», sagt Vieli.
Vor Verletzungen hat Vieli keine Angst. «Manchmal gibt es ein bisschen trockene Haut oder ein paar blaue Flecken, aber das ist nicht schlimm.»
Vielis Grossmutter hat die Choreo an der WM indirekt beeinflusst
Die Inspiration zur indischen Darbietung liegt ihr im Blut: Ihre Grossmutter ist in Indien geboren und hat indische und walisische Wurzeln. «Sie war früher auch mal Tanzlehrerin für Standard und Latein.»
Auch Fabienne Odermatt hat die Choreografie mit kreiert. Sie ist die Besitzerin des Pole-Dance-Studios Humpty 7 in Greifensee. «Bei Fabienne habe ich meine erste Pole-Dance-Lektion besucht», sagt Vieli. Nach nur sechs Jahren Training ist die Studentin nun Schweizer Meisterin und unterrichtet selber in dem Studio.
«Fabienne hat mich extrem gefördert, dafür bin ich sehr dankbar», sagt Vieli. Ihre Trainerin wählt für sich selbst einen anderen Ansatz im Pole: Während Vieli vor allem Pole Sports macht, fokussiert sich Odermatt auf Wettkämpfe in Pole Exotic.
«Da steht vor allem die Sinnlichkeit und das Storytelling im Vordergrund», sagt Vieli. Exotic ist eine Kategorie der artistischen Wettkämpfe, wo es etwas theatralischer zu und her geht: Mit der Choreografie und mit Requisiten werden Geschichten erzählt. Da werden oft auch hochhackige Schuhe getragen.
Mein Künstlername ist natürlich mit einem Augenzwinkern zu verstehen.
Julia Vieli alias Creadiva
In den Anfängen des Pole-Dance-Booms als reine Fitnessstunde stand oft noch die Frage im Raum, wie anrüchig dieser Sport ist. Der Grund: Der sinnliche Tanz an der Stange wurde davor vor allem in Stripclubs dargeboten. Abseits des Rotlichtmilieus unterschied man den Grad der Anrüchigkeit zu Beginn des Booms noch daran, ob man barfuss oder in High Heels an der Stange tanzte.
Dieses Konzept hat sich heute jedoch grundlegend verändert und wurde geöffnet. «In diesem Kontext entscheiden wir Poledancerinnen und Poledancer, uns durch Tanz auszudrücken und uns so zu bewegen, wie wir es möchten.»
Warum gab sich die Kunstgeschichte- und Filmwissenschaft-Studentin den Künstlernamen Creadiva? «Der soll mich daran erinnern, die Schönheit und auch mich selber zu feiern.» Creadiva sei eine Verbindung aus Kreativität und Diva. «Das ist natürlich mit einem Augenzwinkern zu verstehen.»
Könnte Julia Vieli sich etwas wünschen, dann wäre es, dass Pole Dance in Zukunft eine olympische Disziplin wird. «Es ist ein sehr anstrengender Sport, der es verdient hätte, mehr Anerkennung zu bekommen.» Vielis Auftritt an der WM kann man übrigens auf einem Livestream mitverfolgen.
Geschichte des Pole Dance
Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts tauchte der verführerische Tanz in Wanderzirkussen in den USA auf, als weibliche Artistinnen anfingen, an den Stangen des Zirkuszelts hochzuklettern und daran herumzuwirbeln. Die Akrobatik am Pole ist jedoch sehr viel älter: Manche Quellen geben das 12. Jahrhundert und die Länder Indien und China als Ursprung an. Damals sollen sich vor allem Männer akrobatisch um die Stangen gewickelt haben.
2003 öffneten die ersten Pole-Dance-Studios in Europa, die sich dem Fitnessaspekt des Tanzes widmeten. England war hier der Vorreiter. In London gab es bereits seit 1990 Schulen für Burlesque und Tease. Diese waren jedoch eher noch im Rotlichtmilieu und Stripclubs anzusiedeln. In der Schweiz boomte die Kunst an der Stange, als Daniela Baumann 2009 ihr erstes Studio Loft 1 in Zürich eröffnete.
Eine erste, wichtige Hürde auf dem langen Weg zu Olympia wurde nun genommen: Pole Dance ist vom Dachverband der Welt-Sportverbände (GAISF) seit 2017 als offizieller Sport anerkannt.
