Wetziker gärtnern im Multikulti-Style
Projekt «Gemeinschaftsgarten Färberwiese»
Acht Herkunftsländer und fünfzig Beete: Nun wird «MultiBioKulti» mit 70’000 Franken vom Bund unterstützt. Bigi Obrist leitet das Projekt.
Ihre pinken Gummistiefel leuchten zur Begrüssung auf matschigem Boden. Bigi Obrist arbeitet in einem Beet. «Ich möchte doch mit gutem Beispiel vorangehen und in der Praxis zeigen, was biologisches Gärtnern bewirken kann.» Deshalb habe sie dieses Jahr selber ein Beetli gemietet. Man merkt, die 61-Jährige ist im Stadtgarten auf der Färberwiese mit Herzblut am Werk.
Die ehemalige Wetziker Gemeinderätin und Projektleiterin von «MultiBioKulti» kann gar nicht mehr sagen, wann genau das grüne Projekt als Idee entstanden ist. Aber der Stadtgarten, der auch als gemeinschaftsfördernder Quartiertreffpunkt gilt, gibt es nun bereits seit sieben Jahren.
Lebensqualität in der Betonwüste
Die Wiese neben dem Bahngleis war 2016 noch Buntbrache und dient bis jetzt als Baulandreserve der Stadt Wetzikon. Man begann das Projekt unter dem Begriff «Quartierentwicklung». Heute überzeugt die Lebensqualität, die hier entstanden ist: Eine grüne Begegnungszone inmitten von Wohnblöcken. Die Natur wirkt im Frühling belebend und saftig.
Das Land könnte jederzeit für ein Bauprojekt beansprucht werden, doch die IG Färberwiese ist optimistisch, dass das Projekt noch eine Weile weiterleben kann. Bis die Planung und alle Bewilligungen stünden, könne das gut nochmals sieben Jahre dauern.



Auch die Nachbarinnen Fatma Aydogan und Daniela Stevic werkeln an diesem Nachmittag in ihrem Garten. «Daniela zeigt mir, wie ich Setzlinge anpflanzen kann», sagt Aydogan, die aus der Türkei stammt.
Die Frauen wohnen Tür an Tür und haben sich vor zwei Jahren für ein gemeinsames Gartenbeet beworben. «Erst wollten wir uns um einen normalen Schrebergarten bemühen, doch die Warteliste war einfach zu lang», sagt Daniela Stevic, die serbische Wurzeln hat. Dann hörten sie vom Gemeinschaftsgarten auf der Färberwiese – direkt um die Ecke.
Gärtnern macht mich glücklich.
Fatma Aydogan, Gartenbeet-Besitzerin auf der Färberwiese
Fatma Aydogan sei die Initiantin dieser Idee gewesen. Sie hat im Fernsehen einen Beitrag gesehen. «Da dachte ich, dass mich Gärtnern glücklich machen könnte», erzählt sie. Sie überzeugte ihre Nachbarin Stevic davon.
Die beiden Frauen bezahlen pro Jahr für das Gartenbeet fünzig Franken. Der Wasseranschluss wie auch das Werkzeug sind im Preis inbegriffen.
«Der Andrang war übrigens auch hier gross, wir hatten vierzig Bewerbungen, deswegen haben wir den Platz zum Gärtnern um zwei Felder erweitert», ergänzt Projektleiterin Obrist.
International durchmischt
Momentan bewirtschaften zwanzig Parteien aus rund acht Herkunftsländern die fünfzig zur Verfügung gestellten Gartenbeete. Darunter Türkinnen und Kurden, Serbinnen, Albaner, Portugiesinnen, Deutsche und Russen.
Auf der Website zur Färberwiese können die Regeln zum gemeinsamen Gärtnern in sieben Sprachen nachgelesen werden. Obrist möchte den Interessierten auch weiterführende Informationen zum biologischen Anbau an die Hand geben.
Zum Beispiel organisiert sie Workshops zum Thema Fruchtfolgeflächen, Biodiversität oder Mulchen. Sie zeigt im kleinen «Schulzimmer» – wie sie den Plastiktunnel liebevoll nennt – auf ein paar Flipchart-Bögen, welche zu Schulungszwecken mit Wäscheklammern befestigt sind.
Für das Gemeinschaftsprojekt «MultiBioKulti» hat Obrist Gelder beantragt und auch erhalten: Das partizipative Projekt auf der Färberwiese wird 2023 und 2024 mit 70’000 Franken von der Eidgenössischen Migrationskommission (EKM) im Rahmen der Citoyenneté unterstützt.
Der Bund fördert damit gesellschaftliches Engagement, das möglichst breite Bevölkerungskreise miteinbezieht. «Der grösste Anteil wird in die Entwicklung, Gestaltung und Übersetzung der Merkblätter fliessen», sagt Obrist.
Zusätzlich plant sie Aktionstage und Workshops. «Es soll ein Next Level-Garten werden, wo die bereits sehr kompetenten Gärtnerinnen und Gärtner mehr erfahren zum biologischen Pflanzen: Multi-Bio-Kulti eben.» Die Workshops und Gartentage sind öffentlich, sodass alle davon profitieren können.
Soziale Arbeit wird unterschätzt
Das Projekt «MultiBioKulti» sieht auch eine Entschädigung von Obrists Leitung vor. Für den Stadtgarten hat sie die letzten sechs Jahre praktisch unentgeltlich Fachwissen und Erfahrung eingebracht. «Es ist unverständlich, dass der Wetziker Stadtrat in seiner Mehrheit erwartet, dass öffentliche und soziokulturelle Quartierarbeit kostenlos sein muss.»
«So kann das Baumhaus nicht saniert werden, weil niemand die entsprechenden Gesuche stellt.»
Bigi Obrist, Projektleiterin «MultiBioKulti»
Der Stadtrat verhindere so vor allem, dass genügend Fachkräfte vorhanden seien, um weitere Unterstützung zu generieren.
«So kann beispielsweise das Baumhaus nicht saniert werden, weil niemand die entsprechenden Gesuche stellt.» Ebenso könnten die Bauwagen nicht als Quartiermobil entwickelt werden. Das koste alles.
Genau genommen beteiligt sich die Stadt schon: Sie bezahlt 20’000 Franken für den Unterhalt des Stadtgartens im Jahr. Damit wird rund alle zehn Tage die Wiese gemäht.
Mit den restlichen 5000 Franken werden der Spiel-, Sitz- und Grillplatz sowie das «Kompotoi» instand gehalten – und die Website aktualisiert. Das klingt so, als wäre hier ansonsten viel Eigeninitiative und ehrenamtliche Arbeit gefragt.
Umso mehr freut sich Bigi Obrist, dass der Bund den Wert des Orts erkannt hat. Seit sechs Jahren ist sie hier am Werk, die Wiese lebt. Und zum Leben gehört auch der Tod: Obrist zeigt auf die einzigen zwei Bäume, die auf der Färberwiese stehen. «Sie wurden im Andenken an den Gärtner Azem und den Biobauer Res gepflanzt.»
Res habe die Färberwiese gemäht und die ersten Beete bereitet, Azem sei ein Gärtner der ersten Stunde gewesen im Gemeinschaftsprojekt. Beide sind im Verlauf der letzten fünf Jahre gestorben.
Es sind weitere Workshops geplant für Juni/Juli und September/Oktober. Die genauen Daten sind wetterabhängig und werden auf der Website der Färberwiese aktualisiert.
Das Färbifest findet am 27. August statt und ist öffentlich.