Sticki Kaffee in Turbenthal eröffnet mit neuem Konzept
«Italianità» im Tösstal
Fünf Monate stand das Sticki Kaffee in Turbenthal leer. Am 1. September eröffnete es unter neuer Leitung. Mit ihrem Konzept wollen Tiziana und Patrick Bernheim ein Stück italienische Kaffeekultur ins Tösstal bringen.
Kaffee hat viele Facetten. Für die einen blosser Wachmacher, ist er für andere ein integraler Bestandteil der Kultur. In kaum einem Land wird sein Konsum so zelebriert wie in Italien.
Ein Abbild dieser reichen Kaffeekultur findet sich seit Donnerstag in der alten Stickerei Turbenthal, wo Tiziana Bernheim und ihr Ehemann Patrick dem Sticki Kaffee neues Leben einhauchen. Ihre Vorgängerin Beatrix Boller hatte das Café Ende März nach zehn Jahren aufgegeben.
Das Konzept: ein gemütliches Café mit italienischem Flair, das sich sowohl auf der Menükarte als auch in der Einrichtung wiederfindet. «Wir wollen das Ferienfeeling, das beim Gedanken an Italien aufkommt, nach Turbenthal bringen», sagt Tiziana Bernheim, die ihre Wurzeln in Napoli hat.
Erst der Kaffee, dann der Rest der Welt
So zieren etwa Schwarzweissbilder italienischer Schauspiel-Ikonen wie Sophia Loren und Totò die Wände. «Ich zeige mit Stolz, wo ich meine Wurzeln habe», so die Betreiberin.
Auf der Karte finden sich Apérogetränke wie Hugo und Aperol Spritz und italienische Snacks wie Piadine und Panini. Aber der Kaffee steht im Mittelpunkt. Diesen Eindruck bestätigt ein Wandtattoo mit dem italienischen Spruch «Zuerst kommt immer der Kaffee – dann der Rest der Welt».
Die Qualität des schwarzen Goldes war denn auch einer der Gründe, weshalb Bernheim ein eigenes Café eröffnen wollte. «Die Kaffeekultur in der Schweiz ist, sagen wir, weiter ausbaufähig», analysiert sie.
Leider bekomme man in wenigen Restaurants in der Agglomeration wirklich guten Kaffee, der mit jenem aus italienischen Kaffeehäuserin mithalten könne. «Und das, obwohl die Kaffeemaschinen meist gut sind.»
Das wollen Tiziana und Patrick Bernheim ändern. Gebrüht wird mit einer Cimbali-Kolbenmaschine, der Kaffee kommt von der Zürcher Kaffeerösterei Stoll, geröstet nach italienischem Vorbild, wie die Namen der beiden Sorten «Milano» und «Napoli» offenbaren.
«Es gibt extrem viele Faktoren, die darüber entscheiden, ob ein Kaffee gut schmeckt oder nicht. Nicht nur die Qualität der Bohnen, sondern auch die Wasserqualität und -temperatur spielen eine Rolle», sagt Patrick Bernheim. Er unterstützt seine Frau nach Feierabend und am Wochenende im Café, parallel dazu geht er aber weiterhin seinem Vollzeit-Job nach.
Vom Detailhandel in die Gastronomie
Mit den neuen Betreibern folgen zwei Gastro-Neulinge auf Beatrix Boller, die während zehn Jahren einige Stammkundinnen und -kunden gewinnen konnte. Patrick Bernheim erzählt: «Da wir seit sechs Jahren in der ‹Sticki› wohnen, hatten wir immer wieder miteinander zu tun und konnten so ein gutes Verhältnis zu Frau Boller aufbauen»
Als sie schliesslich beschloss, ihr Café nicht mehr weiterzuführen, fragte sie das Paar, ob es Interesse hätte, den Betrieb zu übernehmen. «Wir kamen relativ schnell zum Schluss, dass wir das machen möchten, auch, weil es sich um ein Café ohne Küche handelt. Alles andere wäre zu viel des Guten gewesen», sagt Bernheim.
«Ich nehme gerne neue Herausforderungen an», ergänzt Tiziana, die zuvor über 30 Jahre im Detailhandel arbeitete. Wie bei vielen trug die Corona-Pandemie auch bei ihr zur Neuorientierung bei.
«Die Branche hat sich extrem gewandelt, nicht nur zum Negativen. Aber ich kam an einen Punkt, an dem ich nicht mehr glücklich war», sagt die 51-Jährige. An ihrer früheren Arbeitsstelle habe sie geschätzt, dass sie die Freiheit hatte, im Geschäft eigene Akzente zu setzen.
Umso mehr schätzt Tiziana Bernheim die Freiheit, die die berufliche Selbständigkeit mit sich bringt. «Die Vorbereitungsphase war sehr intensiv – trotzdem freue ich mich darauf, meine eigene Chefin zu sein.»
Trotz neu gewonnener Freiheit: Ein Café zu eröffnen, heisst auch immer, viel Zeit und Geld zu investieren. «Uns ist bewusst, dass wir in den nächsten Monaten mit dem Sticki Kaffee kaum viel Geld verdienen werden», sagt Patrick Bernheim.
Privat reist das Paar viel und gerne. «Mit dem Café müssen wir unsere Reisepläne jetzt natürlich etwas zurückstecken, aber das ist in Ordnung», sagt Patrick Bernheim. Schliesslich falle das eigene Café, ebenso wie das Reisen in die Kategorie «Träume erfüllen».
Noch sorgt im Sticki Kaffee ein Ventilator für die Mittelmeerbrise. Bald tun es Tiziana und Patrick Bernheim. Und bringen damit ein kleines Stück «Italianità» ins Tösstal.