Grüezi Frau Spatz
Wir teilen unseren Balkon in Wohngemeinschaft mit einer Familie Spatz, die direkt unter dem Dach wohnt. Wobei, von teilen kann eigentlich nicht die Rede sein. Seit ihrem Einzug vor ein paar Jahren hat sie regelrecht Besitz davon ergriffen. Und zwar vom ganzen Balkon. Dabei bezahlt sie nicht mal Miete.
Überall liegen ihr Dreck, Hausratsabfälle und Futterreste herum. Erdreistet man sich, «ihr» Reich zu betreten, wird man lautstark und wütend beschimpft. Beim (zu lauten) Fensteröffnen ebenfalls.
Trotzdem sind mir die kleinen Federviecher mittlerweile ans Herz gewachsen – seit dem Zwangs-Homeoffice noch mehr. Ihr unüberhörbares «Tschilp tschilp» begleitet mich beim Schreiben und bringt Abwechslung in die Monotonie der Isolation. Und solange wir fürs Frischlufttanken noch vor die Tür dürfen, müssen wir für den Balkon auch keinen Eigenbedarf anmelden.
Ich habe mich schon dabei erwischt, Gespräche mit Frau Spatz anzufangen und ihr meine Texte vorzulesen. Nur scheint das Frau Spatz leider so gar nicht zu interessieren. Sie ist vollauf mit der Aufzucht ihres Nachwuchses beschäftigt. Da muss ich mir wohl eine andere Lektorin suchen. (Annabarbara Gysel)

