Sprachpolizei im Supermarkt
Leserbeitrag
von Mirco Dalla Lana, Wetzikon
Ein mutiger Entscheid des Bundesgerichts: Endlich wird dieser perfiden Täuschung ein Riegel vorgeschoben. Der Ausdruck «Planted Chicken» ist nun verboten. Tausende Konsumenten, die bislang dachten, im veganen Regal lebe ein echtes Poulet, werden fortan vor sich selbst geschützt. Endlich können wir wieder ruhig schlafen, ohne Angst, aus Versehen auf ein pflanzliches Huhn hereinzufallen.
Aber warum da aufhören? Wann endlich wird der Verkauf von Katzenzungen unterbunden? Die Vorstellung, man würde sich schokoladige Stücke echten Katzenfleischs auf der Zunge zergehen lassen, dürfte wohl manchen Tierfreund in Panik versetzen. Und was ist mit Body Milk?
Wie viele Menschen stehen täglich unter der Dusche und fragen sich besorgt, ob sie sich gerade mit echter Muttermilch einreiben? Auch Erdnussbutter – ein besonders dreister Fall: keine Butter, keine Milch, nichts vom Tier – nur zerquetschte Nüsse. Warum wird hier nicht eingegriffen?
Oder die Meeresfrüchte: Pflaumen aus dem Ozean? Pfirsiche mit Algenbezug? Wie viele tote Fruchtallergiker braucht es, bis endlich etwas unternommen wird? Und wieso wehrt sich die Käseindustrie nicht? Seit Jahrzehnten wird Fleischkäse verkauft – obwohl kein Gramm Käse enthalten ist. Ein Skandal, der offenbar mit Wohlwollen übersehen wird. Oder fehlt einfach der pflanzliche Feind, gegen den man rechtlich antreten kann?
Langsam beschleicht einen das Gefühl, dass es dem Bundesgericht vielleicht gar nicht um die Täuschung geht. Vielleicht stört weniger das Wort «Chicken», sondern vielmehr, dass bei Planted Chicken eben kein Tier sterben musste. Dass das Chicken noch lebt, scheint für manche schwer zu verdauen zu sein. Besonders für jene, die aus echtem Huhn echten Umsatz machen.
Bleibt zu hoffen, dass der nächste mutige Entscheid uns vor weiteren sprachlichen Irrwegen bewahrt: Vielleicht wird dann auch das Hotdog-Verbot erlassen – zum Schutz all jener, die ihren Dackel im Brötchen suchen.
«Planted Foods darf Fleischersatz nicht mit Tierbegriffen vermarkten», Ausgabe vom 2. Mai
