Nicht die Angst ist das Problem, sondern das Wegschauen
Leserbrief
Es stimmt: Politik soll nicht lähmen, sondern leiten. Sie soll Perspektiven aufzeigen. Doch genau dazu gehört auch, unbequeme Entwicklungen frühzeitig zu benennen – und ja, auch vor Risiken zu warnen, wenn sie absehbar sind.
Die «Titanic» galt als Wunderwerk der Technik, als Symbol menschlicher Fortschrittskraft. «Unsinkbar» nannte man sie. Und genau das wurde ihr zum Verhängnis. Nicht der Eisberg war das eigentliche Problem, sondern der Glaube, es könne nichts passieren – und die Arroganz, Warnungen zu überhören.
Zürich steht wirtschaftlich gut da, keine Frage. Doch wer daraus ableitet, es sei alles in bester Ordnung, der vergisst, dass unser Standort täglich im Wettbewerb steht. Der Trend, dass netto mehr Unternehmen den Kanton verlassen als zuziehen, ist besorgniserregend. Denn damit wandert nicht nur Steuersubstrat ab, sondern es verschwinden auch Arbeitsplätze, Lehrstellen und Innovationskraft.
Wenn dieser Trend weitergeht, wenn wir den Eisberg ignorieren, dann bringen wir den Kanton Zürich in Gefahr. Die Symbolik der «Titanic» auf dem Plakat passt daher sinnbildlich sehr gut zur aktuellen Situation. Ein bisschen Dramatik schadet nicht, denn sie hilft dabei, auf ein eher trockenes Thema, das wenig Beachtung findet, aufmerksam zu machen.
Es wäre wichtig gewesen, jemand auf der Brücke der «Titanic» hätte den Mut gehabt, lautstark und frühzeitig vor der Gefahr zu warnen und entsprechend mutig zu handeln. Und ich wünsche mir auch heute Politikerinnen und Politiker, die nicht erst reagieren, wenn der Rumpf aufreisst, sondern handeln, solange noch Zeit ist.
Politik braucht nicht weniger Mut, sondern mehr. Und Mut bedeutet, auch in scheinbar ruhigen Gewässern Klartext zu sprechen. Ehrlich. Engagiert. Für einen zukunftsfähigen Kanton Zürich.
Zum Leserbrief «Politik macht Angst», Ausgabe vom 7. Mai
