Unbehagen gegenüber Fremden?
Leserbrief
Zunächst eine grundlegende Tatsache, die meist gar nicht wirklich beachtet wird: Aus der Verhaltensforschung wissen wir, dass eine gewisse Abneigung gegen Fremde eine ganz normale Reaktion ist, quasi eine natürliche Vorsichtsmassnahme. Man kann auch sagen: ein Überbleibsel aus unserer geschichtlichen Vorzeit, eine angeborene Verhaltensweise im Sinne von Selbstschutz vor Gefahren durch Unbekannte.
Nach dem Sesshaftwerden vor etwa 10 000 Jahren, also dem Ende des Nomadenlebens als Jäger und Sammler, entstanden Siedlungen, die man gegen Überfälle feindlicher und streunender Gruppen verteidigen musste. Mit den Siedlungen und der Zunahme der Erdbevölkerung kam es auch zu Spannungen zwischen Stämmen und Völkern. Fruchtbare Böden, Glück in der Viehzucht, wertvolle Bodenschätze, begehrenswerte Frauen, Salzvorkommen, alles weckte Begehrlichkeiten.
Die Geschichte der Menschheit ist ja voll von blutigen Fehden, Neid und Habgier. Aus all dem entstanden ein tief verwurzelter Selbsterhaltungstrieb und ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das alle verband und gegen andere abgrenzte, die nach Hautfarbe, Wesensart oder Glaubensbekenntnis «fremd» waren. Auch wenn man sich noch so modern, aufgeschlossen und psychologisch gebildet vorkommt, so sollte man doch zur Kenntnis nehmen, dass halt einiges aus der Urzeit noch in uns steckt, das man nicht einfach wegdiskutieren kann. Ganz treffend hiess es in einem Buchtitel vor 30 Jahren: «Unterm Smoking das Bärenfell.»

