Leid und Heilung am Uster Märt
Ich darf meine Grenzen am heurigen Uster Märt ausloten. Ja, gerne, sage ich in der Redaktion zum Auftrag. Am Donnerstagnachmittag gehe ich hin, ohne meine Grenzen oder diejenigen des Uster Märts zu kennen. Es ist mein erster Uster Märt. Deshalb begleiten mich auch ein paar liebe Mitarbeiter zur Unterstützung – und mein Vorgesetzter zur Überwachung.
Bevor ich an den Uster Märt gekommen bin, habe ich noch gerätselt, ob die 500 Markthändler vielleicht was zu Essen oder zu Trinken anböten. Tatsächlich, es gibt was. Ich wähle Ur-Ustermer Spezialitäten: Brezel, Käseschnitten und Hamburger vom McDonalds. Zu der Zeit wusste ich noch nicht, wie hinterlistig die Käseschnitten sind.
«Ist Ihnen das nicht zu langweilig, den ganzen Tag mit der gleichen Bahn zu fahren?»
Ustermer Kind
Die schlechte Grenzerfahrung habe ich mir selber ausgesucht. Als Auswärtiger wollte ich verpasste Ustermer Kindheitserinnerungen nacherleben. Und wann wird ein Ustermer wieder zum Kind? Beim SBB-Bahnschrankenwarten, Nüsslikreiselfahren, Stadtraumplanen, Ins-Zeughausareal-rufen-und-Echo-hören? Alles richtig, aber auch, wie bei jedem Jahrmarkt, beim Chilbibahnfahren. In 15 Minuten will ich drei Chilbibahnen fahren und diese heroische Grenzerfahrung der Nachbarskatze erzählen oder auf meinen Grabstein meisseln lassen.
Es hat «Star Dancer», «Tower», «Disco-Express», «Disney-Dream» oder «Märli-Flug». Das hört sich nur nüchtern betrachtet nach wenig Erbrochenem zum Aufwischen an. «Gesättigt wird dir sicher schlecht», sagen die zwei Käseschnitten in mir.
«Star Dancer»
Doch ich will nicht hören und nehme sie auch noch mit auf den Ritt im «Star Dancer». Ich bin nur mit Kindern auf der Bahn, das beruhigt. Niemand quält Kinder öffentlich. Dann beginnt die Fahrt und die Bahn macht mich fertig. Drehen und schwingen, schwingen und drehen. Ich erkenne kein Muster im Ablauf und nur die Käseschnitten sind vergnügt und tanzen rhythmisch im Magen. Mir ist speiübel, als sich die Maschine endlich erbarmt. Das Kind neben mir erkennt das nicht. Es fragt: «Ist Ihnen das nicht zu langweilig, den ganzen Tag mit der gleichen Bahn zu fahren?» Knapp schaffe ich es, das Kind nicht anzukotzen, während ich zurückfrage: «Glaubst du denn, ich arbeite hier?» «Ja», sagt das Kind und hüpft davon.
«Disco-Express»
Bleich bis grün gehe ich auf die nächste Bahn, versuche noch Zeit zu schinden, doch die Mitarbeiter pochen auf die 15 Minuten. Eine liebe Kollegin geht mit mir auf den «Disco-Express». Wir rechnen zusammen meinen wahrscheinlichen Kotzradius aus und sie setzt sich ausserhalb der gefährlichen Zone hin. Die Bahn dreht sich im Kreis und auf und ab. Sie hat Spass – ich nicht. Sie lupft die Arme und jubelt – ich verkeile die Beine und schlucke. Ich überlebe. Aber es ist kein schönes Leben danach.
«Tower»
Die mühsamen Mitarbeiter schicken mich auf die dritte Bahn: den «Tower». Vielleicht habe ich ja Glück und der Turm wird von Hobbits gestürmt – und die töten mich. Tatsächlich bin ich im «Tower» von Hobbits umringt. Die wollen aber nur mitfahren. Also fahren wir. Die Sitze fahren hoch und fallen runter – immer wieder. Eigentlich easy. Aber ich habe mich schwer angeschlagen auf die Bahn begeben. Darum nix easy.
Märtbalken sei dank
Ich krieche elend und erbärmlich zum Märtbalken. «Dessen umfangreiches Angebot an Medizin wird mir guttun», denke ich.
Der legendäre Märtbalken. «Legendär» sagen die Ustermer. Ich spinn einfach die Erzählungen von ein paar Besuchern weiter: Vier Schlägereien an einem Abend, schwindelerregende Höhe, erregte Leute mit Schwindelgefühlen, dampfende Kartoffeln, dampfende Becher und dampfende Menschen. Der Märtbalken, über den der Satiriker Matthias Cavelty einst sagte: «Etwas langes, hartes… das muss aus einem regionalen Sexfilm sein.» Vielleicht ist es am späteren Nachmittag nicht so schlimm und ich verliere nur ein Teil meines Gedächtnisses, ein Bein mit Schuh und den Glauben an ein normales Leben nach dem Märtbalken. Besser als der Chilbibahnenzustand.
Medizin hilft
Unsicher stehe ich unter dem Märtbalken. Wie komme ich hinauf? Nehme ich das Katapult, wie die Einheimischen oder den überteuerten Helikopter, wie die Stadträte? Ich nehme die Treppe der Grüntee-Trinker und stehe kurz darauf mit bleichen Bäckchen vor der Bar. Ich frage meine weisen Mitarbeiter, was denn so getrunken werde am späteren Nachmittag und wie viel, damit ich im Märtbalken durchkomme. «Ein Shot tut gut», sagt der Kollege. Ich glaub eh schon, dass ich unter zwei Promille gar nicht hier sein dürfte und nehme lieber vier. «Wenn die Fäuste fliegen, soll die Birne schon eingeweicht sein», heisst ein Märtbalken-Sprichwort. Weil der Märtbalken ein bisschen Schlagseite bekommt, gehe ich – mit roten Bäckchen, wundersam geheilt und im Bewusstsein, meine winzig kleinen, kläglichen Kindergrenzen kennengelernt zu haben.