«Lehrpersonen werden sich nun im Sexualkundeunterricht nicht sicherer fühlen»
Nach Schuleklat in Pfäffikon
Camilla Christensen arbeitet seit 2010 als Sexualpädagogin. Sie erzählt, wie wichtig es ist, Kinder in der 5. Klasse über Liebe, Freundschaft und Sexualität aufzuklären.
Der Fall des schwulen Lehrers, der in Pfäffikon ins Visier von wertkonservativen Eltern geraten ist – und nun nicht mehr an der Schule unterrichtet –, löst Betroffenheit aus. Die Eltern wollten ihre Kinder aus seinem Sexualkundeunterricht nehmen.
Während die Eltern zuerst seinen Unterricht kritisierten, wurde der Lehrer später zur Zielscheibe. Zunächst stellte sich die Schulleitung hinter den Lehrer, dann forcierte sie im Februar seinen Abgang.
Sexualkundeunterricht in Schulen scheint noch immer ein heikles Thema zu sein. Es zeigt zum einen, wie die Aufklärung auch im Jahr 2024 mit Scham und Unsicherheit behaftet sein kann. Zum anderen fördert es unter Lehrpersonen ein Unwohlsein, wenn Eltern eine solche Macht ausüben können. Wie also den Sexualkundeunterricht passend gestalten?
Camilla Christensen wohnt in Agasul und arbeitet seit 2010 als Sexualpädagogin. Sie wurde am Institut für Sexualpädagogik (ISP) in Uster von der Pionierin Esther Elisabeth Schütz ausgebildet. Christensen besucht regelmässig 5. Klassen und erzählt, wann es sinnvoll ist, den Sexualkundeunterricht an eine externe Person zu vergeben, und warum die sexuelle Aufklärung schon in der Primarschule wichtig ist.
Auf dieser Stufe (Zyklus 2) lernen die Kinder laut Lehrplan 21 die Grundlagen der Anatomie kennen und das Feld zwischen Freundschaft, Liebe und Sexualität. Die Sexualkunde beansprucht vier Lektionen pro Woche, im Vordergrund steht vor allem die Beantwortung von Fragen.
Frau Christensen, warum sollen Kinder in der 5. Klasse schon sexuell aufgeklärt werden?
Camilla Christensen: Mit zehn oder elf Jahren sind die Kinder schon mitten in ihrer sexuellen Entwicklung drin. Die Sexualität ist auch ein Teil der Persönlichkeitsentwicklung. So wie die Kinder in der Sprache und in der Motorik wichtige Schritte machen, tun das auch ihre Körper. Auf dieser Stufe sollten sie somit eine Sprache erwerben, um differenzierter über ihre Körper sprechen zu können. Das soll natürlich altersgerecht und in kleinen Lernschritten passieren. Die Kinder lernen in dem Alter zum Beispiel die Anatomie des Körpers kennen. Da gehört die Benennung des Intimbereichs mit dazu.
Wie oft unterrichten Sie selber auf dieser Stufe?
Pro Woche unterrichte ich meistens drei Einheiten im Kanton Zürich. Das ist mindestens eine Doppellektion oder vier Stunden. Oft werde ich für einzelne Themen dazugeholt. Die Klassenlehrperson übernimmt dann einen Teil, und ich bin zum Beispiel für die Fragestunde zuständig. Meistens sind das die intimeren Lektionen, wo die Kinder Fragen stellen können – und die Lehrperson gar nicht im Raum ist.
Denken Sie, dass Schülerinnen und Schüler sich eher öffnen können, wenn eine externe Person für den Sexualkundeunterricht da ist?
Eine Klassenlehrperson kann eine sehr wichtige Vertrauensperson für Schülerinnen und Schüler sein. Deswegen ist es toll, wenn die Hauptlehrpersonen diese Stunden selber unterrichten. Manchmal ist es den Lehrpersonen aber nicht wohl. Und das sieht man jetzt ja auch bei diesem Fall, wo ein Lehrer von der Schulleitung nicht unterstützt worden ist. Das kann verunsichern und sendet die falschen Signale. Dieser Fall führt nicht gerade dazu, dass sich Lehrerinnen und Lehrer bei diesen Themen sicherer fühlen. Oft wird dann ganz vorsichtig unterrichtet, dann können die Lektionen an Authentizität verlieren. Je nach Absprache macht es Sinn, wenn eine externe Person die Sexualkunde übernehmen kann – oder eine Kombination gewählt wird.
Erleben Sie bei den Kindern Scham beim Thema Sexualität?
Zu Beginn der Lektionen wird sicher viel gekichert. Das legt sich meistens schnell. Oft werden für eine Lektion die Kinder auch nach Geschlechtern getrennt. Dann legen sich die Unsicherheiten meistens, und die Kinder sprechen ganz frei. Da sind Themen wie Menstruation oder Selbstbefriedigung einfacher zu besprechen.
Wird in der 5. Klasse schon direkt über Selbstbefriedigung gesprochen?
In der 5. Klasse ist das Thema Selbstbefriedigung noch eher in anderen Themen eingebettet – wie zum Beispiel in der Frage, was angenehme und unangenehme (Eigen-)Berührungen sind. Es macht aber Sinn, dass die Schülerinnen und Schüler den Begriff Selbstbefriedigung und seine Bedeutung bereits im Zyklus 2 kennenlernen. Im Lehrplan wird Masturbation nicht explizit auf der Stufe erwähnt. Beim Zyklus 3, also auf der Sekundarstufe, dann schon.
Was sagen Sie dazu, dass der Lehrer in Pfäffikon einen «Safe Space» kreieren wollte und die Kinder anhielt, nicht über den Sexualkundeunterricht auf dem Pausenplatz zu reden?
Es macht absolut Sinn, wenn man den Schülerinnen und Schülern einen sicheren Rahmen bietet, so, wie es auch der Lehrer in Pfäffikon gemacht hat, indem man sagt, die Kinder sollen das Gesprochene nicht auf den Pausenplatz tragen. Sie können natürlich in Zweiergesprächen über ihre eigenen Themen sprechen – sie dürfen aber auf dem Pausenplatz nichts über eine andere Person rausposaunen. Ein wichtiger Unterschied.
Was ist für Sie das Wichtigste, das die Kinder mitnehmen sollten auf dieser Schulstufe?
Die Kinder sollten, wie es auch im Lehrplan 21 steht, Körperfunktionen kennenlernen, sie können Beziehungen pflegen, in Freundschaften Konflikte bereinigen, sie können sexuelle Übergriffe erkennen und wissen, wie sie sich dagegen wehren. Auch Rollenerwartungen und sexuelle Orientierung sind wichtige Themen. Ich übe mit den Kindern meistens so, dass ich ihnen kleine Beispiele gebe, und sie können mir helfen, diese Themenfelder zu besprechen. So mache ich die Kinder zu Experten und Expertinnen, und sie lernen dabei, offen darüber zu reden.