«Latinas brauchen mehr Aufmerksamkeit als Schweizerinnen»
Er wolle mit seinem Youtube-Kanal das Bild des «mörderischen Kolumbiens» korrigieren, sagt Frank Spitzer. Und tatsächlich wirkt der 41-jährige Greifenseer vor der Kamera bisweilen so, als wolle er allfällige Bedenken der Zuschauer mit viel Fröhlichkeit zerstreuen. «Welcoooome to Colommbiaaaa!» sagt Spitzer zu Beginn eines Videoclips mit der Stimme eines gut gelaunten Box-Promoters. Es folgt ein Zusammenschnitt mit Aufnahmen atemberaubender Natur, Traumstränden und schmucker Kolonialstädte. Einmal sieht man lachende Kinder im Meer.
Als Frank Spitzer selbst ein Kind war, tummelte er sich eher in Wäldern als in Gewässern. Er wuchs in der Siedlung Pfisterhölzli in Greifensee auf, gehörte der Pfadi an. Noch heute hat er Freunde in der Region. Sehen tut er diese allerdings nur selten.
«In der Schweiz war es mir zu langweilig.»
Frank Spitzer
2015 wanderte Spitzer nach Kolumbien aus. Es war für ihn der Bruch mit seiner angestammten Laufbahn in der Finanzbranche, die nach der Finanzkrise 2008 ins Straucheln geraten war. Der Betriebsökonom wollte Veränderung. «In der Schweiz war es mir zu langweilig», sagt er.
Mexiko war ihm zu gefährlich
Als Rucksacktourist war Spitzer bereits mehrmals nach Lateinamerika gereist. Nun wollte er sich dort dauerhaft niederlassen und ein Unternehmen aufbauen. In welcher Branche wusste er anfangs noch nicht. Ebenso wenig, in welchem Land er Wurzeln schlagen wollte.
Ganz Zahlenmensch evaluierte er, welche mittel- oder südamerikanische Volkswirtschaft einem Unternehmer die besten Bedingungen bietet. Vielversprechend schien ihm Mexiko. Doch die Sicherheitslage habe sich dort aufgrund des Drogenkriegs zunehmend verschlechtert. Und so wurde für Frank Spitzer Kolumbien zur ersten Option.
Das nach Brasilien bevölkerungsreichste Land in Südamerika war allerdings lange Zeit ebenfalls nicht als Hort der Sicherheit bekannt. Bewaffnete Konflikte prägten die letzten Jahrzehnte, der Bürgerkrieg zwischen Staat, der FARC-Guerilla und rechten paramilitärischen Einheiten kostete über 200‘000 Menschen das Leben. Mächtige Drogenkartelle trugen zu Instabilität und Blutvergiessen ihren Teil bei und bescherten dem Land ein negatives Image als «Kokain-Nation».
Seit einigen Jahren aber hat sich der Ruf des Landes zum Positiven verändert. Kolumbien wurde für Touristen populärer. Seit Dezember 2016 ist ein Friedensvertrag zwischen der Regierung und der FARC-Guerilla in Kraft.
«200 Prostituierte»
Frank Spitzer war da schon über ein Jahr im Land. In Bogota begann er ein Management-Zweitstudium. Dieses führte ihn schliesslich in den Tourismus. Er gründete in der Hauptstadt ein Reisebüro und lancierte einen eigenen Youtube-Kanal.
«Kolumbien muss touristisch noch einige Entwicklungsschritte machen.»
Frank Spitzer
«Kolumbien hat hier ein Riesenpotenzial», sagt Spitzer. Jedoch werde das Land mit rund 50 Millionen Einwohnern jährlich gerade mal von knapp vier Millionen Touristen besucht. «Das ist ein Witz angesichts der Grösse des Landes.» Zum Vergleich: Nach Frankreich und Spanien kommen pro Jahr rund 80 Millionen Besucher.
«Das Land muss touristisch noch einige Entwicklungsschritte machen», sagt Spitzer. Als Beispiel nennt er die Altstadt von Cartagena. Diese sei eine Perle kolonialer Architektur. «Jedoch begegnet man dort am Abend rund 200 Prostituierten.»
Mit seinem Unternehmen wolle er auch dazu beitragen, dass Kolumbien als Reiseland den nächsten Schritt mache. Dabei setze er auf Nachhaltigkeit und Lokalität: «Meine fünf Mitarbeiter sind ausschliesslich Kolumbianer», sagt Spitzer. Und: «Beim Besuch von möglichen touristischen Destinationen helfen wir lokalen Dienstleistern, touristische Produkte zu entwickeln oder zu verbessern.»
Kein Sozialist
Nur ein selbstloser Wohltäter ist Frank Spitzer allerdings nicht. Im Portfolio seines Reiseunternehmens findet sich neben Vogelbeobachtungs- und Naturreisen auch ein Luxussegment. In Sachen «massgeschneiderte Luxusreisen» sei das Potenzial in Kolumbien noch besonders gross. Eine Nische, die er als Unternehmer ausgemacht habe, seien Golf-Reisen.
Ist das in einem Land mit derart grossen sozialen Unterschieden und nach wie vor grassierender Armut moralisch vertretbar? «Es ist wichtig, dass Touristen hier Geld ausgeben, und dass dieses im Land bleibt», antwortet Spitzer. «Ausserdem kann ich vielleicht meine Tätigkeiten in ärmeren Regionen mit Einnahmen aus dem Golf-Segment quersubventionieren.» Der Greifenseer räumt aber auch ein: «Ich denke primär unternehmerisch. Ob das Land nun eine bestimmte Dienstleistung braucht oder nicht, ist für mich sekundär.»
Obschon ihm das Gefälle zwischen Arm und Reich in Kolumbien mitunter «Brechreiz» beschere, sei er in Lateinamerika nicht zum Sozialisten geworden. «Ich bin ein Verfechter der sozialen Marktwirtschaft», sagt Spitzer. «Und ich bin von der politischen Mentalität her nach wie vor durch und durch Schweizer.»
«Unglaubliche Doppelmoral»
Auch sonst seien ihm einige Eigenheiten seiner neuen Heimat und deren Bewohner fremd. «Der hier gelebte Katholizismus ist mit einer unglaublichen Doppelmoral verbunden. Väter verbieten ihren Töchtern den Sex vor der Ehe, haben aber selbst acht Kinder mit drei verschiedenen Frauen.» Apropos Frauen: Eine feste Freundin hat Frank Spitzer in Kolumbien nicht. «Latinas brauchen deutlich mehr Aufmerksamkeit als die Schweizerinnen. Die kann ich ihnen neben meiner fordernden Arbeit nicht bieten.»
«Die Familie meines besten Freundes hat mich quasi adoptiert.»
Frank Spitzer
Anders als früher im Schweizer Bankenwesen erfülle ihn die Arbeit aber, so Spitzer. Und Heimweh habe er auch nicht. Seit seiner Ankunft in Kolumbien habe er die Schweiz nur zwei Mal besucht – an seinem 40. Geburtstag und als sein Vater krank gewesen sei.
Er fühle sich insgesamt sehr wohl in Kolumbien, habe hier sein «Business» und seine Freunde. Sein Umfeld sei zu «90 Prozent kolumbianisch». «Die Familie meines besten Freundes hat mich quasi adoptiert.»
Brüchiger Friede
Ob sich Kolumbien in den nächsten Jahren in die von Frank Spitzer gewünschte Richtung entwickelt und sein Potenzial als Reiseland ausschöpft, steht keinesfalls fest: Der Friedensvertrag zwischen Staat und FARC ist brüchig, der amtierende Präsident Ivan Duque möchte den Pakt in wesentlichen Teilen abändern. Zahlreiche FARC-Kämpfer, die in der Zivilgesellschaft Fuss fassen wollten, wurden von Paramilitärs ermordet, Teile der Guerilla bewaffnen sich wieder. Hinzu kommt die Krise im Nachbarland Venezuela, aktuell befinden sich rund drei Millionen venezolanische Flüchtlinge in Kolumbien.
«Schöner als die Greifensee-Region ist Kolumbien nicht.»
Frank Spitzer
Auch die Korruption ist nach wie vor ein grosses Thema im Land, tangiere sein Reiseunternehmen aber glücklicherweise nicht, so Spitzer.
Mit Gedanken an eine Rückkehr in die Schweiz will sich der ausgewanderte Greifenseer momentan aber nicht aufhalten. Die Frage, ob er in Kolumbien alt werden will, beantwortet er mit: «warum nicht?» Die Schönheit des Landes habe es ihm angetan, so Spitzer. Etwas allerdings muss er in diesem Zusammenhang einräumen: «Schöner als die Greifensee-Region ist Kolumbien nicht. Mit den Inline-Skates um den See fahren – so etwas lässt sich auch in Südamerika nur schwer toppen.»