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Glarnerland und Appenzell als Inspiration

Landsgemeinde mit Viehschau-Feeling? Hinwiler Gemeindeversammlung einmal anders

Um die direktdemokratischen Rechte zu stärken, macht Hinwil erstmals eine Gemeindeversammlung unter freiem Himmel.

Um die direktdemokratischen Rechte zu stärken, wagte Hinwil etwas Neues: eine Outdoor-Gemeindeversammlung.

Foto: Christian Merz

Landsgemeinde mit Viehschau-Feeling? Hinwiler Gemeindeversammlung einmal anders

Glarnerland und Appenzell als Inspiration

Hinwil hat sich mit einer Outdoor-Gemeindeversammlung neu erfunden. Für einige eine interessante Erfahrung, für andere ein zweistündiges Frösteln auf dem Gemeindeplatz.

Eine Gemeindeversammlung (GV) nach Landsgemeinde-Art, inspiriert von den Kantonen Glarus oder Appenzell Innerrhoden – das war die Idee der Gemeinde Hinwil. So hat die GV vom 11. Juni im Freien auf dem Gemeindeplatz stattgefunden. Das Ziel dahinter: die direktdemokratischen Rechte zu stärken und die Gemeindeversammlung für die Bevölkerung wieder attraktiver zu machen.

Und obwohl die Traktanden – zwei Bauabrechnungen und die Jahresrechnung der Politischen Gemeinde sowie die Jahresrechnung der Schulgemeinde – kaum als Publikumsmagnete bezeichnet werden können, sind zahlreiche Stimmberechtigte erschienen.

Gemeindepräsident Andreas Bühler (SP) sagt bei seiner Eröffnungsrede: «Bewusst möchten wir einen Schritt auf Sie zu machen. Für heute müssen Sie nicht zu uns in den ‹Hirschen›-Saal kommen, wir kommen zu Ihnen auf den Gemeindeplatz hinaus.»

Live-Staatskundeunterricht oder Viehschau?

Der Plan, wieder mehr Leute für eine Teilnahme an der Gemeindeversammlung zu motivieren, hat funktioniert – um die 300 Hinwilerinnen und Hinwiler haben sich auf dem Platz versammelt. Normalerweise – und besonders bei einer trockenen Budgetversammlung – kommen drei- bis viermal weniger Leute zusammen, um ihr aktives Stimmrecht auszuüben.

Rund 50 Personen sind jedoch bloss als Zuschauende gekommen – so zum Beispiel auch eine 2. Sekundarschulklasse. Die Schülerinnen und Schüler erleben die gelernte Theorie aus dem Staatskundeunterricht ein erstes Mal, und das gleich in der direktesten Form.

In Sektoren stehen die Bürgerinnen und Bürger auf dem Gemeindeplatz – in jedem sollen sich 50 Personen befinden. Das macht es einfacher, die Stimmen zu zählen. Eine Seniorin meint lachend: «Da fühlt man sich wie an der Viehschau.» Halt nur eben einmal auf der anderen Seite: nicht als Besucherin, sondern als Wiederkäuerin.

Dieser metaphorische Vergleich hat durchaus etwas an sich. Nur wird für einmal nicht die «Miss Hinwil» gewählt, sondern etwa über die Bauabrechnung der Sportanlage Hüssenbüel für 32 Millionen Franken abgestimmt.

Traktanden an der Gemeindeversammlung

An der Versammlung der Politischen Gemeinde wurde zuerst über die Genehmigung der Bauabrechnung für die Sportanlage Hüssenbüel in Höhe von 32 Millionen Franken abgestimmt. Das Neubauprojekt konnte im Mai 2023 bereits eingeweiht werden. Ebenso wie die Sportanlage selbst findet auch die Bauabrechnung grosse Zustimmung – grossmehrheitlich wird sie angenommen.

Zur Sportanlage Hüssenbüel gehört auch eine Anlage mit Pumptrack, Street Work-out und Spielplatz. Auch über diese Bauabrechnung wurde abgestimmt. Die Rechnung in Höhe einer halben Million Franken wird mit grosser Mehrheit angenommen.

Zum Schluss schaute man sich die Jahresrechnung 2024 der Politischen Gemeinde an. Das Resultat: einstimmig angenommen.

Nach der Versammlung der Politischen Gemeinde folgte diejenige der Schulgemeinde. Auch hier wurde über die Jahresrechnung 2024 abgestimmt – und auch diese wurde grossmehrheitlich angenommen.

Mit blauen und gelben Karten – schön in den Hinwiler Wappenfarben – dürfen die Stimmberechtigten ihre Zustimmung beziehungsweise ihre Ablehnung ausdrücken. Bei den vier Rechnungsabstimmungen kommen vor allem die blauen Karten – die «Ja-Karten» – zum Zug.

Vier Männer halten ihren blauen Zettel in die Höhe.
Blau für Ja, Gelb für Nein.

Knapp anderthalb Stunden dauert die Versammlung der Politischen Gemeinde, dann folgt die Schulgemeindeversammlung. Die Sonne, die zu Beginn noch geschienen hat, ist um halb zehn bereits untergegangen.

Was im «Hirschen»-Saal wohl kaum jemand bemerkt hätte, ist auf dem Gemeindeplatz deutlich spürbar. Es wird kühl, die Leute ziehen ihre Jacken an und schlingen fröstelnd ihre Arme um den Oberkörper.

Auch das lange Stehen macht sich allmählich bemerkbar – einige der Stimmberechtigten fangen an, sich die Beine zu vertreten oder machen es sich kurzerhand auf dem Boden gemütlich. In weiser Voraussicht haben einzelne Hinwilerinnen und Hinwiler Campingstühle mitgebracht.

Für die letzte Abstimmung des Abends gegen viertel vor zehn – die Jahresrechnung der Schulgemeinde – sorgt die örtliche Feuerwehr mit einem Leuchtball für ausreichend Licht auf dem Gemeindeplatz. Schliesslich müssen auch hier die Stimmenzählerinnen und -zähler die gelben von den blauen Karten unterscheiden können.

Und täglich grüsst der Apple-Votant

Als nach dieser Abstimmung noch die schriftlichen Anfragen behandelt werden, bestätigt sich die Befürchtung mancher Anwesender, dass die Versammlung noch längst nicht zu Ende ist: Der Hinwiler, der der Schulgemeinde im Vorhinein Fragen gestellt hatte, ist den eingefleischten GV-Gängerinnen und -Gängern kein Unbekannter.

Schon an den letzten beiden Schulgemeindeversammlungen hatte sich der Senior zu Wort gemeldet. Im Plenum stellte er damals gleich mehrmals die Forderung, über sein Anliegen zu diskutieren oder gar darüber abzustimmen. Sein Antrag: Die Schule Hinwil soll von Apple- auf Standard-Laptops wechseln.

Der umtriebige Stimmbürger stellte im Vorfeld erneut vier schriftliche Fragen, welche die Schulpflege an der Gemeindeversammlung im Freien verliest. Danach tritt der ältere Herr auch selbst nochmals vors Mikrofon. All dies beansprucht eine gute Viertelstunde.

Die Kirchenuhr, die vom Gemeindeplatz aus zu sehen ist, zeigt schon bald zehn Uhr, und die Geduld der Anwesenden ist allmählich erschöpft. Die wärmende Sonne ist längst untergegangen, und der aufziehende Wind macht die Situation nicht besser. Sogar ein Blatt Papier von Schulpflegepräsident Thomas Ludescher (parteilos) wird vom Wind erfasst und weggeweht.

«Im Herbst bitte wieder im ‹Hirschen›-Saal!»

Zum Schluss ergreifen Gemeindepräsident Andreas Bühler und Schulpflegepräsident Thomas Ludescher gemeinsam das Wort: «Wir danken Ihnen für das zahlreiche Erscheinen. Gerne laden wir Sie traditionell zu Würsten und Getränken ein.»

Während die einen froh über das Ende der Versammlung sind, freuen sich die anderen über die Verpflegungsmöglichkeiten. Eine Bratwurst um halb elf am Abend – wer kann da schon Nein sagen?

Über die erste Outdoor-Gemeindeversammlung gehen die Meinungen der Hinwilerinnen und Hinwiler auseinander – sie reichen von «Es war eine tolle Erfahrung, gerne wieder!» bis hin zu «Die nächste GV im Herbst bitte wieder im ‹Hirschen›-Saal!».

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