Ustermer fasziniert Hirn und Augen
Kunstplakatstellen 2026/2027
Bild oder Skulptur und Wahrnehmungstäuschung? Wer sich auf die Werke von Patric Sandri einlässt, hat einiges zu verarbeiten. Aktuell bespielt er die Kunstplakatstellen in der Stadt Uster.
«Kunst ist an einem Ort verankert, abhängig von Licht und Raum, ortsspezifisch, lichtabhängig, begehbar, nicht fotografisch reproduzierbar. Ein Abbild (Photographie) wiedergibt nur einen Blickwinkel. Malerei (bleibt) soll also nur als Malerei ‹gültig/echt› bleiben. Malerei ist eine Illusion, die mit der Illusion/Wahrnehmung spielt/spielen kann. Man gewöhnt sich an Illusion.»

Art Genève, Palexpo, 2020.
Diese Sätze stammen aus einem Manifest des Künstlers Patric Sandri. Das alles klingt abstrakt und kompliziert – so, wie man in der Kunstwelt halt kommuniziert. Das heisst übersetzt: Nur wer die Bilder vor Ort sieht, kann deren Präsenz wahrnehmen.
Also: Auf zum Selbsttest nach Zürich ins Atelier des 46-Jährigen, der in Uster aufgewachsen ist und derzeit die Kunstplakatstellen in der Stadt bespielt. Zwischen dem Stadthaus und der Villa am Aabach stehen vier Plakatstellen, die auf der Vorder- und der Rückseite das gleiche Sujet zeigen und sich bis Sommer 2027 zweimal im Monat ändern.
Da hängen sie nun an der Wand im Atelier in der Stadt Zürich, in einem Raum der ehemaligen SBB-Werkstätten. Einfach drauf schauen geht nicht. Im Kopf spielt sich sofort viel ab. «Mir geht es um das Sehen, um Wahrnehmungstäuschungen», betont der Künstler, der zuerst die Kunsthochschule Luzern besucht und danach 2012 den Masterabschluss am Royal College of Art in London gemacht hat.
Transparenter Stoff verändert Farben
Da ist zunächst der weisse Keilrahmen, über den ein transparenter Stoff gespannt ist. Dahinter («Es ist nichts versteckt, man kann in und hinter das Bild sehen») sind Keilrahmen, deren Innenseiten in den leuchtenden Grundfarben Rot, Gelb und Blau bemalt sind. Diese schimmern durch den Stoff, werden dabei sanft und weich und erscheinen als neue Mischung von Pastelltönen.
«Ich bin wie ein Forscher, der viel ausprobiert. Dabei ist das Zusammenspiel zwischen Form, Raum und Betrachter wichtig – die Architektur interessiert mich. Der subtile Konflikt zwischen Form und Inhalt, zwischen Raum und Fläche», sagt Sandri.
Der Schreibende versucht zu verstehen. Steht vor dem Bild, bewegt sich hin und her. Dabei entstehen je nach Blickwinkel immer neue Bilder. Nichts bleibt – ach so: Die Wahrnehmung ist getäuscht. Und: Die Abbildung in der klassischen Malerei, die den Künstler nicht mehr interessiert, wird auf einer Fläche die Illusion von Dreidimensionalität erschaffen. Hier springt einem die Dreidimensionalität direkt ins Auge, sozusagen aus dem flachen Bild. Ist verwirrend und so auch gedacht.
Von Farben und Nummern
Wann ist ein Bild noch ein Bild oder schon eine Skulptur oder eine Installation? Das ist auch so eine Frage, die Sandri umtreibt. Das mit dem doppelten Blick gehört schon immer zu ihm – als Synästhetiker, der die Welt oft intensiver und auf mehreren Ebenen gleichzeitig wahrnimmt. So sind Farben bei ihm mit einer Zahl verbunden: Gelb ist die Nummer 7. Und so ist in seinen Bildern auch immer ein Schema, eine exakte Architektur zu sehen.
Zudem macht Patric Sandri auch immer wieder Bezüge zur Kunstgeschichte. Zu den Impressionisten, welche das Licht einfangen und nicht die reale Welt abbilden wollten. Auch das «Light and Space Movement (Licht- und Raumbewegung)» der 1960er Jahre an der US-Westküste fasziniert ihn.
Woran arbeitet er, der als Künstler von je einer Galerie in Neapel und in Berlin vertreten wird, aktuell? Derzeit wird in Luzern eine Ausstellung mit dem Titel «ALL INSIDE (for E.K.)» gezeigt, wobei die Initialen für seinen 7-jährigen Sohn stehen. Dessen Kinderzeichnungen haben Sandri inspiriert: Den mit einfachen Strichen gemalten Regenbogen seines Sohns hat er sozusagen neu in abstrakter Form aufgebaut.

Holzkonstruktion, mit Acrylfarbe bemalt, sichtbar durch transparenten Trevira-Stoff, 2026.
Zurück nach Uster zu den Plakatstellen. «Die Ausstellung ‹Views› ist eine Serie digitaler Arbeiten, die Struktur und Wahrnehmung von Farben untersucht. Zwischen 2023 und 2026 sammelte Patric Sandri Screenshots von Instagram-Storys. Aus Farbelementen dieser flüchtigen Alltagsbilder gestaltete er Farbflächen und ordnete diese in horizontale Streifen. Die Farbe wird so zur Erinnerungsspur», schreibt die Stadt Uster dazu.
Der Schreibende hat sich auch davor hingestellt. Da taucht mitten in der Stadt so etwas wie ein Fenster auf, das den Blick öffnet in eine abstrakte, digitale Welt. Auch das verwirrt wieder – und regt Hirn und Augen an. Einfach mal selber ausprobieren!

