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Schweizer Buchpreis 2025

Im Dickicht des Dschungels – Dorothee Elmiger liest in Wetzikon

Die mehrfache Buchpreisträgerin kehrt für eine Lesung in ihre Geburtstadt Wetzikon zurück und erzählt von ihrem neusten Roman, der sich im Urwald abspielt.

Dorothee Elmiger erzählt lebhaft von ihrer eigenen Recherchereise in den Dschungel.

Foto: Toni Koller

Im Dickicht des Dschungels – Dorothee Elmiger liest in Wetzikon

Schweizer Buchpreis 2025

Die mehrfache Buchpreisträgerin kehrt für eine Lesung in ihre Geburtstadt Wetzikon zurück und erzählt von ihrem neusten Roman, der sich im Urwald abspielt.

Gerne hätte Dorothee Elmiger zu Beginn der Lesung eine Anekdote aus ihrer Kindheit in Wetzikon erzählt. Sie ist zwar gebürtige Wetzikerin, doch aufgewachsen ist sie in Appenzell. «Ich kann mich an meine Zeit in Wetzikon nicht mehr erinnern», sagt die Gewinnerin des Schweizer Buchpreises 2025.

Kurz nach ihrer Geburt habe ihr Vater in Appenzell eine Stelle angeboten bekommen, weshalb die Familie früh in die Ostschweiz gezogen sei.

Umso grösser war das Interesse an ihrer Rückkehr in die Geburtsstadt: Zahlreiche Besucherinnen und Besucher fanden sich am Sonntag zur Lesung in der Garage in Wetzikon ein. Durch den Nachmittag führte Adrian Schnetzer vom Verein Camera.lit.obscura. Der Verein organisiert die Veranstaltungsreihe.

Heute lebt Elmiger im New Yorker Stadtbezirk Queens. Mit ihrem jüngsten Roman «Die Holländerinnen» wurde die 40-Jährige 2025 gleich mehrfach ausgezeichnet: Mit dem Schweizer, dem Deutschen und dem Bayerischen Buchpreis.

Orientierung verlieren

«Im 21. Jahrhundert haben wir das Gefühl, uns mit Google Maps immer bestens auszukennen», sagt Elmiger nach der Lesung, während sie Bücher signiert. «Mich interessiert, wenn man im Dickicht die Orientierung verliert. Wenn man einmal nicht mehr weiterkommt mit den Tools, die wir in unserer Welt kennen.» Genau dieses Gefühl durchzieht auch ihren Roman. Dies nicht nur in der Geschichte, sondern auch in der Sprache. Blinde Flecken überall.

Der Roman spielt im Dschungel – und ist selbst wie ein Labyrinth im Urwald aufgebaut. «Der Text als Dickicht», wie Elmiger während der Lesung selber sagt. Der Roman kreist um Aufbrechen und Zerfallen, um eine Geschichte in der Geschichte, die von verschiedensten Menschen nacherzählt wird. Dies alles in indirekter Rede, was dem Text zusätzlich einen vagen Anstrich gibt.

Touristinnen verschwunden

Dabei basiert die Erzählung auf einem realen Fall: 2014 verschwanden zwei junge Frauen aus Utrecht im Dschungel von Panama. Erst Monate später wurden sterbliche Überreste und ein Rucksack der Touristinnen gefunden. Die Todesursache blieb ungeklärt.

Elmiger greift diesen ungelösten Kriminalfall auf, ohne ihn dokumentarisch nachzuerzählen. Stattdessen verwebt sie die bekannten Fakten mit literarischen, essayistischen und popkulturellen Referenzen. Daraus entsteht ein vielschichtiger Text, der sich immer weiter verzweigt.

Erzählerin ist eine Schriftstellerin, die gemeinsam mit einer Theatergruppe, inklusive Kameramann und Dramaturg, den Spuren der beiden Frauen durch den Dschungel folgt und dem Grauen immer näher kommt.

Seltsame Fotos

Im realen Fall der beiden vermissten Niederländerinnen fand man in deren Rucksack ihre Smartphones. «Die nächtlichen Bilder, auf denen nur Boden, Steine und Äste zu sehen waren, haben mich nicht mehr losgelassen», sagt die Schriftstellerin.

Sie habe mit dem Roman einen kritischen Blick auf Projektionen der Gegenwart, blinde Flecken und unausgesprochene Ängste werfen wollen, sagt Elmiger. «Es beschäftigt und bedrückt mich, was politisch zurzeit passiert.»

Die Autorin ist für ihre experimentellen und gesellschaftskritischen Texte bekannt, in denen sie sich mit Kapitalismus, Geschichte und Identität auseinandersetzt. Ihre Bücher verbinden fiktionale Elemente mit dokumentarischen Ansätzen und zeichnen sich durch eine poetische, dichte Sprache aus.

Gerade, als es spannend wird und die Reisegruppe ins Herz der Finsternis vorzudringen droht, hört Elmiger mit der Lesung auf. Danach gibt es noch eine Fragerunde.

Grauen ohne Schlangen

Eine Frage aus dem Publikum lautet: Warum kommen im Buch eigentlich keine Schlangen vor? «Auf meiner Recherchereise habe ich keine einzige Schlange gesehen», erklärt Elmiger. Gedacht habe sie allerdings durchaus an Schlangen – etwa nachts im Bungalow, wo unter der Zimmertür genügend Platz gewesen sei für allerlei Tiere, die hätten hineinkriechen können.

Erst zurück in der Schweiz habe sie gelesen, dass im dortigen Urwald eine der giftigsten Schlangenarten lebe. «Die Menschen vor Ort haben einfach nicht davon gesprochen.» Offensichtlich sei dies eine Frage der Perspektive.

Eine Zuhörerin will im Anschluss während des Büchersignierens wissen, wie es Elmiger gelingt, ihre Geschichten mit einem solchen Sog zu erzählen. Die Autorin antwortet: «Das ist schwer zu sagen, da ich bei meinen eigenen Texten zu nah dran bin und sie nicht so gut analysieren kann.» Auch diese Frage bleibt also letztlich offen.

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