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Wie wird ein Song aufgenommen?

Hinter die Kulissen eines Tonstudios für Gangsterrapper

In Dübendorf entstehen Lieblingslieder für Hip-Hop- und Rap-Hörer. Im Studio arbeiten zwei Rapper an einem neuen Track, der von Müttern und Maschinengewehren handelt.

Seit fünf Jahren macht Rapper ZH Chako professionell Musik. In Dübendorf nimmt er einen neuen Song auf.

Foto: Fiorella Koch

Hinter die Kulissen eines Tonstudios für Gangsterrapper

In Dübendorf entstehen Lieblingslieder für Hip-Hop- und Rap-Hörer. Im Studio arbeiten zwei Rapper an einem neuen Track, der von Müttern und Maschinengewehren handelt.

Mundart- und Deutschrapper ZH Chako hat an einem einzigen Morgen den Text für seinen neuen Song geschrieben. Am Mittag steht er bereits in der Gesangskabine des Tonstudios Dezhign in Dübendorf. Eine Stunde später ist die Aufnahme im Kasten.

«Es sind aber bei Weitem nicht alle so schnell wie Chako», sagt Samir Jebeniani, der Eigentümer des Studios. Der gelernte Tontechniker und Rapper mit dem Künstlernamen ZH Beats aus Zürich produziert bereits seit über 20 Jahren Lieder für Musiker aus den Genres Hip-Hop, Rap, Trap, Dancehall und Reggaeton. Er weiss, dass sich die Produktion eines Songs von einem Morgen bis zu mehreren Monaten hinziehen kann.

Jebeniani in seinem Studio.
Samir Jebeniani ist selbst Rapper. Heute konzentriert er sich aber mehr auf sein Tonstudio in Dübendorf als auf seine Musikkarriere.

Wie lange es dauere, hänge von vielen Faktoren ab. Dem Talent des Musikers, seiner mentalen Verfassung am Aufnahmetag und wie sicher er seine Texte beherrsche. «Aufstrebende Künstler sind oft nach zwei Stunden fertig – schlicht, weil sie sich nicht mehr Studiozeit leisten können. Es kam aber auch schon vor, dass Musiker extra eingeflogen sind, nur um zwei Stunden mit mir zu reden und dann wieder abzureisen», sagt Jebeniani und lacht. «Andere haben wochenlang auf dem Studiobett oder dem Sofa übernachtet, weil sie absolute Perfektionisten sind.»

Er rappt für seine Mutter

Das schnelle Aufnahmetempo von Chako, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, erklärt sich durch seine Erfahrung: Er rappt, seit er Kind ist, seit fünf Jahren macht er professionell Musik. Deshalb kann er sich nach dem Songschreiben am Morgen bereits am Mittag bereits ans Aufnehmen machen. Er steht in einem kleinen, mit schalldämpfendem Material ausgekleideten Aufnahmeraum vor ein professionelles Mikrofon. Er schaut durch das kleine Fenster in den Regieraum, in dem Jebeniani sitzt. «Bisch ready?», fragt dieser. «Yes Sir!»

Blick auf Chako in der Gesangskabine.
Die Gesangskabine ist ein geschlossener, kleiner Raum. Damit die Rapper einander sehen, hat Jebeniani ein Fenster eingebaut.

Die Melodie beginnt zu laufen, es ist ein langsames, gefühlvolles Intro. Chako beginnt zu rappen: «Ich bin min Wäg bis hüt gange und ha kein Schritt bereut, wirf en Blick i dini Auge Mam und gsehn darin die Freud, du bisch stolz uf din Sohn, das isch min wahre Lohn, bin sit Jahre nüm dehei, doch weiss, das ich i dim Herze wohn.»

Der Produzent beugt sich mit seinen Trainerhosen, ärmellosen Basketballhemd und Cap über sein Mischpult. Konzentriert starrt er auf den riesigen Bildschirm vor sich. Das Tonstudio im Obergeschoss einer Autogarage im Industriegebiet ist nur dämmrig beleuchtet. Zahlreiche, teils dynamisch blinkende Neonleisten tauchen den kleinen Raum mit Mischpult, Boxen und einem kleinem Ledersofa in bunte Töne.

Während Chako jeweils vier Verse auf acht Schlägen rappt, startet und stoppt Jebeniani die Aufnahme. Laufend schneidet er sie zu, schiebt sie im Computerprogramm auf verschiedene Tonspuren und spielt sie Chako dann vor. Manchmal müssen sie eine Aufnahme wiederholen. «Diese Bars waren jetzt nicht so tight», sagt Chako. «Kein Problem, das gibt Charakter», erwidert Jebeniani.

Das Maschinengewehr gehört dazu

Nach rund einer Stunde ist das Lied fertig aufgenommen. Die beiden treffen sich im Regieraum, Chako öffnet eine Flasche Bier und zündet sich eine Zigarette an. Zusammen hören sie sich den Song genau an. Das Lied füllt den Raum, die Stimme von Chako, der über seine Mutter rappt, klingt klar aus den vier grossen Lautsprechern. «Da bekomme ich Gänsehaut», sagt Jebeniani. Chako ergänzt: «Wir sind eben nicht nur Gangsterrapper, wir lieben auch unsere Mütter.»

Die beiden Männer besprechen, welche Soundeffekte sie im Lied verwenden wollen. Auch wenn Jebeniani davon abrät, will Chako einen Maschinengewehrsound über eine seiner Textstellen legen. Gemeinsam durchsuchen sie die Datenbank des Tontechnikers, in der er Dutzende Waffengeräusche gespeichert hat. Jebeniani drückt auf die Tasten seines Keyboards, bei jedem Griff ertönt ein anderer Sound: «Pengpeng» oder «Ratatata» – bis Chako sagt: «Der ist es!» Jebeniani baut das Geräusch in das Lied ein, und sie hören sich das Gesamtwerk noch ein weiteres Mal an.

Ein Rapper-Aquarium

Dass die Musik im kleinen Musikraum so gut klingt, ist der Einrichtung zu verdanken, wie Jebeniani erklärt. Der Regieraum muss so konzipiert sein, dass der Schall aus den Lautsprechern den Produzenten am Mischpult möglichst gut erreicht. Aus diesem Grund sind die Wände mit Diffusoren und Bassfallen bedeckt.

Wichtig sei zudem die räumliche Trennung von Gesangskabine und Regieraum, damit sich das Mikrofon nicht rückkopple und sich somit selbst wieder aufnehme. Deshalb kommunizieren die beiden bärtigen Männer während der Aufnahme durch ein Fenster.

Die beiden Musiker sind jetzt zufrieden mit dem Lied. Also macht sich Jebeniani an das sogenannte Mixing und Mastering. Bei Ersterem beginnt er damit, die zahlreichen Aufnahmen zu versäubern. Er passt deren Lautstärke an, hebt Frequenzen hervor oder unterdrückt sie, fügt Hall- oder Echo-Effekte hinzu und komprimiert sie.

Dafür lässt er das Lied immer und immer wieder laufen. Mit seinem geübten Ohr hört er Nuancen heraus, die für einen Laien kaum erkennbar sind. Jebeniani kennt das komplex aussehende Musikprogramm in- und auswendig. Das Mischpult, das direkt vor ihm liegt, braucht er dafür nicht, auch wenn sich mit den Reglern verschiedenste Einstellungen tätigen liessen. «Heute funktioniert das fast alles digital», erklärt er.

Nach rund einer halben Stunde ist das Mixing abgeschlossen. Für das Mastering lässt Jebeniani das fast fertige Werk auf den im Raum verteilten Boxen laufen. Er erklärt: «Ich passe den Song so an, dass er auf allen Arten von Boxen gut klingt.» Und schon ist der Song fertig. Chako muss sich aber noch bis am 27. November gedulden, bevor sein Lied «Mama» für die Öffentlichkeit zugänglich ist: «Bis die Distributoren den Song auf allen Streaming-Plattformen veröffentlichen, muss man mindestens einen Monat einplanen.»

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