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Zweite Chance dank neuer Technologie

Ein ehemaliger Musiker produziert jetzt mit KI – und ist begeistert

Er war früher selbst Musiker. Doch heute sagt er der künstlichen Intelligenz, was sie zu komponieren hat. Sein Grund ist plausibel. Skeptiker gibt es trotzdem.

Peter Keller war früher selbst Musiker, bevor er heute der künstlichen Intelligenz sagt, was sie tun muss.

Foto: Mel Giese Pérez

Ein ehemaliger Musiker produziert jetzt mit KI – und ist begeistert

Er war früher selbst Musiker. Doch heute sagt er der künstlichen Intelligenz, was sie zu komponieren hat. Sein Grund ist plausibel. Skeptiker gibt es trotzdem.

Durch die Stereoanlage in Peter Kellers Wohnzimmer singt eine Frauenstimme: «The Jazz Saxophon steals my soul.» Die Sängerin wird mit weichen, fröhlichen Töne eines Saxofons begleitet. Das Lied heisst «Jazz Saxophone» und ist ein ganz normaler Jazzsong – einer, der die Seele umarmen sollte.

Oder doch nicht ganz normal? Denn wenn die Norm darin besteht, dass ein Lied mit echten Instrumenten eingespielt und von einer lebendigen Person interpretiert wird, dann tanzt «Jazz Saxophone» definitiv aus der Reihe. Das Musikstück aus Kellers Stereoanlage wurde nicht von einem Menschen komponiert. Dieses Lied wurde von der künstlichen Intelligenz generiert.

«Sie wären fast drauf reingefallen, oder?», sagt der Effretiker hell begeistert und dreht die Musikanlage noch etwas lauter. Er hat das Lied mithilfe der Plattform Suno komponiert. Ein Musikgenerator, der keine Vorkenntnisse benötigt. Man gibt lediglich ein paar Stichworte zum gewünschten Songtext ein, definiert das Genre und das Geschlecht der Singstimme. Dann klickt man auf «erstellen», und das Tool spuckt einen Song aus, der täuschend echt klingt.

KI-Musik erobert das Internet

So neuartig ist dies jedoch gar nicht, denn die KI mischt schon seit einiger Zeit in der Kunst mit. Es begann sehr seicht, mit generierten Fotos, Bildern, Grafiken. Mittlerweile haben auch Musikerinnen und Musiker den Roboter als Konkurrenz.

Auf der Streaming-Plattform Spotify beispielsweise boomt das Geschäft mit der KI. Immer wieder schaffen virtuelle Bands den Durchbruch und stauben Millionen von Klicks ab. So, wie etwa die Band The Velvet Sundown, deren Hit «Dust on the Wind» über drei Millionen Mal auf Spotify gestreamt wurde. Das menschenfreie Musikensemble ist sogar bereits Kooperationen mit anderen KI-Musikern eingegangen.

Auf die Spielerei mit der KI ist Peter Keller erst im Frühjahr gestossen. Einer seiner Brüder hatte ihm von KI-Musikplattformen erzählt, und Keller probierte sie gleich selbst aus. Und war begeistert.

Die Karriere als Musiker – von Jahr zu Jahr schwerer

Keller ist keineswegs ein Laie, der ein fehlendes Musiktalent mit der neuen Technologie zu kompensieren versucht. Er ist selbst Musiker und stand schon seit seinen Jugendjahren auf der Bühne. «Ich bin eigentlich Schlagzeuger und Solosänger, so wie Phil Collins», sagt er.

Die Karriere des heute 66-Jährigen begann 1975, als er mit einem seiner jüngeren Brüdern eine Band gründete: Sepp und die Happy Boys, nannten sich die sechs Jungs. Sein Bruder Beat spielte die Gitarre.

Die sechsköpfige Band «Sepp und die Happy Boys» spielen auf einer Treppe.
Sepp und die Happy Boys war eine Band, die in Effretikon verankert war. Sie spielten regelmässig auf Festen oder Veranstaltungen.

Später spielte Peter Keller dann Gitarre in einem Trio mit seinen Brüdern Beat und Bruno. Ausserdem war er der Gebieter über das Mischpult und die Tontechnik. «Mir war die Qualität unserer Musik äusserst wichtig.»

Doch mit den Jahren wurde es für den Musiker schwierig, auf der Bühne zu stehen. Das Alter machte ihm zu schaffen, noch mehr seine Rückenprobleme. «Man kann nicht mehr stundenlang auf der Bühne stehen, ohne dass einem der Rücken wehtut», erklärt er. Auch sei es Jahr um Jahr schwieriger, die ganzen Instrumente und Anlagen zu transportieren. «Man mag einfach nicht mehr so, wie wenn man jung ist.» Schwermütig verabschiedete sich Keller deshalb vom Rampenlicht.

Eine neue Chance durch die künstliche Intelligenz

Bis jetzt. Denn die neue Technologie bedeutet auch eine neue Chance für Keller. «Ich kann wieder musizieren und muss mir dafür nicht den Rücken kaputt machen», scherzt der Musiker. Aber ist es wirklich dasselbe? «Nein, natürlich nicht. Früher hatte ich für ein Lied Stunden, ja sogar Tage», sagt er schelmisch. «Heute geht es in wenigen Minuten.»

Selbstverständlich übernimmt der Musiker nicht einfach blind, was die künstliche Intelligenz so produziert. Manchmal passt ihm der Text nicht, manchmal ist er mit dem Stil unzufrieden. «Der Aufwand war früher um vieles grösser, wenn einem der komponierte Song doch nicht gefiehl.» Heute behebe er Mängel mit wenigen Stichworten und Klicks.

Doch auch wenn das Musizieren sich für Peter Keller komplett gewandelt hat, legt er noch immer grossen Wert auf die Tonqualität. Für den gelernten Tontechniker beginnt die Arbeit deshalb nicht beim Generieren der Musik, sondern dann, wenn diese bereits steht.

Peter Keller sitzt am Mischpult und bearbeitet die generierten Lieder.
Keller übernimmt nicht einfach, was die KI generiert, sondern bearbeitet die Lieder selbst.

«Ich bearbeite die Lieder mit meiner Ausrüstung, denn ich will den besten Sound herausholen», sagt Keller. Bass, Hall, Höhen, Tiefen: Der Musiker schaut sich jeden Ton im Lied an und bearbeitet diesen, wenn nötig.

Viele sehen die KI als eine Gefahr

Die KI-generierte Musik wird von vielen auch skeptisch betrachtet. Schon letztes Jahr haben sich etliche Schweizer Musikerinnen und Musiker dagegen ausgesprochen. Grosse Sorgen bereitet beispielsweise der finanzielle Aspekt. Die neue Technologie sei vor allem für die Musikschaffenden eine Bedrohung, die in der Branche im Hintergrund wirken, wie etwa Songtexter. Je mehr Menschen auf die KI zurückgreifen würden, desto mehr Einnahmequellen brechen in der Musikindustrie weg, so die Kritik.

Auch in den USA haben über 200 Musikerinnen und Musiker im Frühjahr 2024 einen offenen Brief unterschrieben, um die Nutzung mit KI einzuschränken. Zwar wurden die Möglichkeiten anerkannt, jedoch bediene sich die künstliche Intelligenz immer mehr an realen Musikschaffenden, um von ihnen zu lernen. Die Künstler sehen darin eine grosse Gefahr, ersetzt zu werden. Nicht zuletzt stellen sich diesbezüglich auch Fragen zum Urheberrecht.

Keller hingegen, sieht den Wandel durch die künstliche Intelligenz etwas lockerer. «Als Musiker musst du immer mit dem technischen Fortschritt mitgehen», ist er überzeugt. «Es wird natürlich auch immer die Skeptischen geben.» Er sieht es als Errungenschaft, nun auf die KI zurückgreifen zu können. «Wenn ich trotzdem der Musik nachgehen kann, ohne Kompromisse auf Kosten meiner Gesundheit zu machen, dann bin ich sehr glücklich.»

Kellerren und die Fans

Peter Kellers Musikwandel ist nicht unentdeckt geblieben. Im Sommer lud ihn das Winterthurer Radio Stadtfilter für ein Interview ein. Damals hatte er lediglich einen Countrysong generiert. Doch kurz darauf ging Keller eine neue musikalische Zusammenarbeit ein: Gemeinsam mit Herbert Erren, einem ehemaligen Musikkollegen, der auch zur KI gefunden hat, produziert er nun Lieder unter dem Namen Kellerren – eine Kombination aus Keller und Erren.

Zwei Männer stehen sich gegenüber, tragen Kopfhörer. Zwischen ihnen steht ein goldenes Mikrofon.
Herbert Erren (links) und Peter Keller haben sich zusammengetan und musizieren nun als: Kellerren.

Und die beiden haben bereits Fans. Obwohl Kellerren nicht auf Spotify ist, werden ihre Lieder bereits international konsumiert. Weswegen die beiden zwei Alben produziert haben, die vielerlei Genres aufweisen. Eins mit dem Titel «First Step», das auch «Jazz Saxophone» beinhaltet, ein anderes mit Weihnachtsliedern.

Wer sich selbst ein Urteil über die KI-generierte Stücke der beiden Musiker machen will, findet ihre Songs auf www.kellerren.ch oder auf der Instagramseite des halbvirtuellen Duos.

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