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Gedanken eines Geigers

Der Ustermer Simon Wiener fand zufällig zur Geige – und machte eine Karriere draus

Simon Wiener ist Violinist und sieht seine Karriere als «nichts Besonderes» an. In der neuen Saison von Top Klassik Zürcher Oberland steht er mit dem Trio Streich auf der Bühne.

Ein bescheidener Mensch: Simon Wiener ist gebürtiger Ustermer und erfolgreicher Musiker.

Foto: Mel Giese Pérez

Der Ustermer Simon Wiener fand zufällig zur Geige – und machte eine Karriere draus

Simon Wiener ist Violinist und sieht seine Karriere als «nichts Besonderes» an. In der neuen Saison von Top Klassik Zürcher Oberland steht er mit dem Trio Streich auf der Bühne.

Wenn Simon Wiener von seiner Karriere erzählt, klingt es nach einem beiläufigen Missverständnis des Schicksals. «Reiner Zufall», sagt er und zuckt mit den Schultern. Mit viereinhalb Jahren hielt er erstmals eine Geige in der Hand – nicht aus innerem Drang, sondern weil seine Mutter über eine Bekannte an eine Geigenlehrerin geriet. Mit Musik hatte seine Familie zuvor nicht viel am Hut.

Dass aus diesem zufällig begonnenen Unterricht eine renommierte Musikerkarriere entstand, entlockt Wiener nur ein nüchternes Nicken. «Ich habe einfach versucht, das Beste aus der Situation zu machen», sagt er.

Dabei war er früh der grosse Stolz seiner Eltern. Sie hielten ihm stets den Rücken frei, wenn seine Nachbarn beispielsweise wieder mal keine Freude daran hatten, dass er tagein, tagaus übte. «Mein Vater setzte sich dafür ein, dass ich zu Hause üben durfte, und diskutierte dies gerne mit den Nachbarn aus», erzählt der Geiger. «Meine Mutter hingegen suchte nach Kompromissen.»

Um den Frieden in der Nachbarschaft zu bewahren, spielte er auch mal ausser Haus. «Man hat mich schon an einigen Orten in Uster gehört», sagt Wiener. Er machte schnelle Fortschritte auf dem Streichinstrument.

Mit 13 Jahren trat er erstmals bei Top Klassik Zürcher Oberland auf, Seite an Seite mit Pianist Werner Bärtschi, der heute als künstlerischer Leiter fungiert. «Ich kannte ihn nicht, er wurde mir empfohlen», erinnert sich Bärtschi. «Simon war damals blutjung und hat absolut überzeugt.»

Pragmatismus statt Leidenschaft

Heute, mit 31, ist Wiener stellvertretender Konzertmeister des Zürcher Kammerorchesters (ZKO), spielt im Pacific Quartet Vienna und im Trio Streich. Renommierte Lehrer wie der französische Violinvirtuose Renaud Capuçon haben ihn geprägt, Musikwettbewerbe wie den Internationalen Johannes Brahms Wettbewerb hat er bereits gewonnen. 

Von einer romantischen Berufung will er nichts wissen. Gegen das Wort Wunderkind wehrt er sich vehement. Musik, sagt er, sei schlicht sein Beruf. «Manchmal macht er mehr Spass, manchmal weniger – wie jeder Job.»

Es sind Sätze, die fast trotzig gegen das Bild eines leidenschaftlich getriebenen Musikers wirken. Wo andere von Faszination oder Leidenschaft zu ihrem Instrument sprechen, betont Wiener nüchtern das Handwerk. Hätte er sich – statt für die Geige – entschieden, ein Steinhandwerk auszuüben, würde ihn ja auch niemand einen Meister nennen. «Ich tendiere dazu, die Dinge zu entromantisieren. Das ist mein Charakter.»

2020 rief er gemeinsam mit Mila Krasnyuk an der Viola und Samuel Niederhauser am Violoncello das Trio Streich ins Leben. «Ich bewundere die beiden sehr und wollte unbedingt regelmässig mit ihnen spielen», erzählt Wiener. Damals war der Geiger schon im ZKO angestellt, doch das Spielen war wie vieles aufgrund der Pandemie nicht möglich.

Der Funke sprüht

Spricht man mit Simon Wiener über die Arbeit im Trio, blitzt die Faszination für die Musik dann doch auf. «Im Trio spielen wir, was uns gerade am meisten reizt, und sind sehr frei in unserer Interpretation», sagt er. «Im Orchester ist da mehr vorgegeben.»

Drei Streichmusiker
Simon Wiener, Mila Krasnyuk und Samuel Niederhauser (von links) bilden zusammen das Trio Streich.

So tobten sie sich für den kommenden Auftritt bei Top Klassik Zürcher Oberland aus und suchten nach Kontrasten: Ludwig van Beethoven und Franz Schubert auf der einen Seite, Anton Webern und Gideon Klein auf der anderen. Damit soll das Publikum eine Gegenüberstellung von Klassik und moderner Klassik erfahren.

Gerade Letztere hat es Wiener angetan. Nicht, weil sie gefällig wäre, sondern, «weil sie irritiert». Wenn er über Anton Webern spricht, beschreibt er dessen Musik als «fast mathematisch gebaut, aber gleichzeitig voller Ausdruck». Genau darin liege für ihn der Reiz: im Spannungsfeld von Strenge und Emotion.

Im direkten Nebeneinander mit Beethoven oder Schubert werde diese Spannung für das Publikum greifbar. «Das eine beleuchtet das andere neu», sagt Wiener, «und plötzlich hört man im Bekannten das Fremde und im Fremden das Vertraute.»

Da ist er dann doch, der Funke. Dass Simon Wiener überhaupt zur Geige fand, war Zufall. Doch manchmal schreibt der Zufall die verlässlichsten Geschichten.

Top Klassik Zürcher Oberland: Programm 2025/2026

Am Freitag, 29. August, beginnt die neue Saison von Top Klassik Zürcher Oberland. Bis Juni 2026 holt die Institution Klassikgrössen in die Region – Musiker wie auch Stücke. Den Auftakt macht der italienische Geiger Giuliano Carmignola im Duo mit Pianist Werner Bärtschi in der reformierten Kirche in Hinwil.

Simon Wiener und das Trio Streich werden am 27. Mai 2026 im Stadthofsaal in Uster auftreten. Dort trifft Klassik auf die klassische Moderne.

Zu entdecken gibt es vieles. Eine Besonderheit im Programm stellt das «Klavierissimo» dar, das sich ausschliesslich Pianistinnen und Pianisten widmet. Es stützt sich dieses Jahr auf Anton Diabellis Werk: Der Österreicher war nicht bloss Komponist, sondern auch Verleger. Er bat 1819 Komponisten aus der Umgebung darum, Variationen seines selbst komponierten Walzers einzureichen. Diese veröffentlichte er dann in einem Sammelband. Top Klassik Zürcher Oberland wird nicht nur diese Variationen von damals präsentieren, sondern auch Kompositionen dazu aus der Neuzeit, insgesamt 114 Werke.

Mehr Informationen und Details zum Programm gibt es auf www.topklassik.ch. (mgp)

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