Wein, Drama und ein Überfall: Die Musikreise in Verona hatte es in sich
Zwei Opern unter Sternen, Dolce Vita in den Gassen und ein Hauch Drama: 40 Musikfreunde aus dem Zürcher Oberland reisten zum Arena Opera Festival in Verona – und fanden dort weit mehr als nur die Stücke von Verdi.
Dolce Vita pur: aromatischer Kaffee, edle Weine, laue Sommerabende und die Lust am Geniessen. All das ist Italien. In Verona entfaltet es sich besonders eindrücklich: Wer durch die alte Stadtmauer tritt, findet auf der Piazza Bra nicht nur Leichtigkeit und Lebensfreude, sondern auch die Schwere grosser Gefühle – denn Verona ist die Stadt von Romeo und Julia und die Bühne der Opernfestspiele.
Ein Spektakel, das sich mehrere Oberländerinnen und Oberländer nicht entgehen lassen wollten. Rund 40 Musikfreudige reisten vom 21. bis 23. August nach Verona an das 102. Arena Opera Festival. Werner Bärtschi, künstlerischer Leiter der Top Klassik Zürcher Oberland, stimmte die Reisegruppe mit seinem Wissen auf zwei Opern von Giuseppe Verdi ein: «Nabucco» aus dem Jahr 1841, die alttestamentarische Geschichte um König Nebukadnezar II., und «Rigoletto» von 1851, die Tragödie des buckligen Hofnarren, dessen Spott und der darauf liegende Fluch ins Verderben führen.
Denn so atemberaubend die Bühnenbilder, Kostüme und Stimmen auch sein mögen – wirklich verstehen, was in der Arena vor sich geht, ist in vielen Fällen gar nicht so einfach. Deshalb zeigt Bärtschi den Reisenden im Vorfeld Ausschnitte aus den Kompositionen und erklärt die Spannungspunkte in der Dramaturgie. Am Ende seiner Einführung haben viele der Mitreisenden schon eine Vorstellung, auf welchen Akt sie sich am meisten freuen können.
Hoffen auf Petrus’ Gnade
Was mindestens genauso wichtig ist, wie ein gewisses Verständnis für das Drama auf der Bühne, ist das richtige Wetter. Denn die rund 2000 Jahre alte Arena ist ein offenes Gelände. Bei Sturm und Regen müsste die Aufführung abgesagt werden – was aber äusserst selten der Fall ist.
Während der Reise vom Zürcher Oberland nach Italien wurden die Wetter-Apps im Stundentakt geöffnet; die ersten Prognosen sahen nicht vielversprechend aus. Doch die Götter zeigten sich gnädig und verschoben den abendlichen Regen auf unbestimmte Zeit. «Das hätte ich Petrus sonst nicht verziehen», sagt eine Besucherin.

Drei Stunden dauerte die Aufführung, mit vorbeiziehenden Regenwolken. «Es war eine moderne Inszenierung, sie hat mir aber sehr gefallen», sagt Cécile Kälin und schwärmt weiter über den Gesang und das theatralische Schauspiel der Bühnendarsteller.
Die Oper, der Vulkanausbruch auf der grossen Bühne und die vielen Darsteller haben Eindruck hinterlassen. Über die Länge des Stücks lässt sich jedoch streiten.
Ein Drama im echten Leben
Die Opern boten reichlich Leidenschaft, Verzweiflung und Intrigen – und auch abseits der Bühne blieb es dramatisch. So wurden ein Mitreisender und seine Begleitung am ersten Abend auf dem Nachhauseweg Opfer eines Trickdiebstahls. «Zwei Männer entrissen mir meine Goldkette vom Hals», erzählt der Überfallene.
Es folgten eine gekonnte Gegenwehr des Oberländers und ein Sturz auf den Gehsteig. In der ganzen Aufregung gelang es ihm trotzdem, Fotos von den Tätern zu machen. Mithilfe der Polizei und der Fotos konnten die Täter gefasst werden; der Schmuck ist aber weiterhin verschwunden.
Verletzt hat sich glücklicherweise niemand, nur der Schlaf hat etwas gelitten. «Es wurde 6 Uhr morgens, bis der ganze Spuk vorbei war», erzählt der Oberländer. «Das Tollste für uns war aber, dass wir mit dem Polizeiauto abgeholt und ins Hotel zurückgebracht wurden.»
Von der Bühne zum Buffet
Liebe, Verzweiflung und Überfälle lassen sich auf leerem Magen aber nur schwer verdauen. Neben der Musik ist daher auch die Kulinarik ein wichtiger Aspekt auf der Reise.
Am Samstag ging es ins Valpolicella-Gebiet, wo Olivenbäume, Rebberge und die Aussicht über die Hügellandschaft bis zum Gardasee die hungrigen Gäste empfingen. Zuvor hatte die Gruppe noch einen Abstecher zu Julias Balkon gemacht, bevor sie sich ganz den regionalen Speisen und Weinen hingab.


Als wäre die Aufregung rund um das Wetter am ersten Abend nicht genug gewesen, sorgte Petrus auch am zweiten Abend für Nervosität. Kurz nach 17 Uhr verdunkelte sich der Himmel – und plötzlich klatschten grosse Regentropfen auf den Asphalt. Graue Wolken zogen auf, in der Ferne war Donnergrollen zu hören.
Schnell stellte sich die Gruppe die Frage, ob uns die Götter heute einen Streich spielen, weil sie am Vorabend so gnädig waren.

Es zeigte sich jedoch: Das Aufessen am Mittag hatte sich gelohnt. Nach gut einer Stunde Weltuntergangsstimmung verzogen sich die Wolken, und der Himmel tat sich auf – der zweiten Vorstellung der Reise stand nun nichts mehr im Weg.
Erfolg trotz Hürden
Und dann kam der krönende Abschluss mit Verdis «Rigoletto». Bereits beim Zmittag haben sich die Musikreise-Gäste auf ein Musikstück besonders gefreut: «La donna è mobile», das berühmte Lied, das viele wahrscheinlich mit Luciano Pavarotti statt Giuseppe Verdi in Verbindung setzen würden.
«Es war phänomenal», heisst es im Gruppentenor. Bei einem Schlummertrunk liessen einige der Oberländerinnen und Oberländer die Oper – und die Reise – ausklingen.
Die zwei Tage in Verona vergingen wie im Flug. Auf der Heimreise rekapitulierte die Gruppe ihre Erlebnisse der diesjährigen Musikreise. Das Fazit im Reisebus: «Die Reise war ein Erfolg!» Verona hat sich in die Herzen eingebrannt – auch in die ältesten. So meinte ein 92-jähriger Oberländer: «Diese Reise ist definitiv für jede Altersgruppe geeignet; ich habe mich stets sehr wohl gefühlt.»
