Der Seelenkundler der Schweiz
Zum Tod von Peter von Matt
Mit dem zuletzt in Dübendorf wohnhaften Peter von Matt verliert die Schweiz einen ihrer wichtigsten öffentlichen Intellektuellen. Bei ihm wurde Literaturwissenschaft zur Menschenwissenschaft.
Dass ein Zürcher Germanist in einem Newsmedium einen ausführlichen Nachruf erhält, ist nicht alltäglich. Aber Peter von Matt war kein gewöhnlicher Germanist. Gewiss, er hat 26 Jahre lang als Ordinarius regelmässig Vorlesungen über «Neuere Deutsche Literatur» gehalten – immer montags in der Aula der Universität, die ersten Reihen gefüllt mit älteren Damen, die zu ihrem Idol andächtig aufblickten –, er hat Seminare veranstaltet und Lizenziats- und Doktorarbeiten betreut (Wer, die oder der in der Schweiz professionell mit Literatur zu tun hatte, hat nicht bei ihm gelernt?).
Er hat Reden gehalten, Bücher und Aufsätze geschrieben und dafür mehr Preise erhalten (15!) als mancher arrivierte Schriftsteller in unserem kulturpreisverwöhnten Land. Niemand konnte Literatur so gut erklären, vermeintlich tote oder zu Tode interpretierte Texte zu neuem Leben erwecken, ihnen ihr Geheimnis entreissen, ohne sie dabei zu zerstören.

